Televisionen (VII) Venezianisches Gelaber

Die ARD verwandelt den gediegenen Donna-Leon-Krimi "Vendetta" in einen noch gediegeneren deutschen Redekrimi. Besser unterhalten da semiödipale Melodramen und Science-Fiction aus Berlin-Mitte: die wöchentliche SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau
Von Christian Bartels

Um in alten Edgar-Wallace-Filme London zu simulieren, genügte es ja noch, wenn zwischen Szenen, in denen Fuchsberger und Co. über immer die gleiche Brücke in Berlin-Spandau fuhren, ab und zu ein Bild vom "Big Ben" montiert war und dazu der entsprechende Glockenschlag erklang. Heute verfrachten Filmproduzenten lieber deutsche Darsteller an schöne Originalschauplätze und inszenieren sich dann dort die fremden Örtlichkeiten für den deutschen Breitengeschmack zurecht. Dieses Prinzip wandte das ZDF bereits bei Rosamunde Pilchers Brit-Melodramen an. Jetzt erobert die ARD mit der Verfilmung des Krimis "Vendetta" (Do. 12.10., 20.15 Uhr) der US-amerikanischen Bestseller-Autorin Donna Leon Neuland: Die rein deutsche Produktion spielt ausschließlich unter Italienern in Venedig und ist ausschließlich mit Deutschen besetzt. Die Zeitung, in der Commissario Brunetti (Joachim Kròl) liest, hat einen italienischen Titel und deutsche Schlagzeilen, etwa alle drei Minuten sagt jemand "Buongiorno" oder "Signorina".

Seiner Vorlage wird der Film (Buch: Arthur Michel) indes durchaus gerecht. Teure Edelmimen spielen die gediegene Krimihandlung gediegen herunter. Sie besteht ungefähr darin, dass der Commissario beim Plaudern mit seiner Gattin zufällige Beobachtungen macht, dass seine charmante Sekretärin ihren Freund um diverse Gefallen bittet, dass seine Tochter ihm erzählt, was die Tochter des Opfers ihr erzählt hat... Kurzum: Es wird viel gesprochen. Beim Variieren des Geredes an Original-Locations stellt sich Regisseur Christian von Castelberg jedoch nicht ungeschickt an: Erklärende Dialoge finden häufig während Bootsfahrten auf den Canales statt, ins Handy und in Headsets wird geredet, aus Radio, Fernsehen und Diktiergeräten. Oft reden die Italiener beim Essen, im Restaurant und auf schönen Terrassen über den Kanälen, oder beim Kochen.

Ein Polizist redet erkältet, ein Verbrecher unter Entzugserscheinungen. Mal wird flüsternd geredet, mal unter Tränen, beim Zähneputzen, im Nebel, am Flughafen. Joachim Kròl spricht sanft und verständig, Heinz Hoenig als Capitano aus Padua dagegen eher impulsiv und mit zartem Zug ins Berlinernde. Gudrun Landgrebe redet als reiche Witwe im prächtigen Palazzo so, wie reiche Witwen schon bei Oberinspektor Derrick immer redeten. Und die polnische Prostituierte, der Brunetti einmal aus beruflichen Gründen folgt, spricht so akzentfrei deutsch wie die übrigen Venezianer. Der ganze Film ist ein langer ruhiger Redefluss, dessen Sprechpausen die Norddeutschen Philharmoniker aus Rostock feinfühlig mit Streichereien füllen. Und weil das alles arg ermüdet und einlullt, kommt gegen Ende noch ein Snuff-Video von geradezu RTL-scher Gewalttätigkeit ins Spiel. Um nun doch noch etwas Positives zu sagen: Trotzdem ist "Vendetta" ein aufregenderer, lebhafterer und filmischerer Film als die zweite Leon-Verfilmung "Venezianische Scharade", die am Montag darauf langweilt.

An anderen Genres versuchen sich neue deutsche Fernsehfilmer erfolgreicher. Auf dem Feld des semiödipalen Melodrams tut sich "Verhängnisvolles Glück" (Mo. 9.10., 20.15 Uhr, ZDF) von Thorsten Näter (Regie) und Johannes Reben (Buch) hervor: Dieter Pfaff spielt einen Bankier, der sich in eine junge Prostituierte (Nadja Uhl) verliebt, weil die ihm seltsam vertraut vorkommt.

Eine ziemlich stimmige, traurige Vampirgeschichte erzählt Peter Ily Huemers "Laila - Unsterblich verliebt" (Di. 10.10., 20.15 Uhr, Sat.1) in goldgelben Farbtönen: Die titelgebende Headhunterin (Stefanie Schmid) verliebt sich in einen netten Klienten (Ärzte-Rocker Bela B.) und leidet darunter, dass sie als Untote mit Männern nichts anderes anfangen kann, als sie zu beißen...

Sonja Kirchberger spielt in "Die Liebende" (Mi. 11.10., 20.15 Uhr, RTL; Regie: Matthias Tiefenbacher; Buch: Evelyn Holst) eine allein erziehende Mutter, die als Pornodarstellerin das Geld für die Heilung der seltenen Krankheit ihres Kindes verdient. Als jener Sohn im Zuge einer Mutprobe Pornos aus der Videothek klaut, gibt es ein böses Erwachen...

Den gleichen Part variiert ebenfalls Kirchberger im Science-Fiction-Thriller "Der Runner" (Do. 12.10., 20.15 Uhr, Pro Sieben): 30 Jahre in der Zukunft residiert in Berlin-Mitte ein Dienstleistungskonzern, der Kredite erteilt, wenn man Organe verpfändet. Sonja Kirchberger ist die Konzernchefin, die sich um ein krankes Kind sorgt. Als sie feststellt, dass sie dafür das Rückenmark des Kreditnehmers Jan (Tim Bergmann) braucht, verlegt sie den Ablauf seiner Frist vor. Um seine Organe nicht "spenden" zu müssen, flieht Jan in den Untergrund... Die Zukunftsvision (Buch: Juergen Werner, Peter Kramm) hat Regisseur Michael Rowitz konsequent und nicht undüster in Szene gesetzt. Sie leidet nur ein wenig unter Dialogen und Schauspielern, die tun, als befänden sie sich in einem tranigen Gegenwartsmelodram.

Außerdem neu:

Sa. 7.10. 20.15 Uhr ZDF: "Zwei Brüder: Tod im See" (Regie: Lars Becker; Buch: Becker, Felix Huby) Axel Milberg als mordender BND-Mann, Fritz und Elmar Wepper ermitteln.

So. 8.10. 20.15 Uhr ARD: "Polizeiruf 110: Bis zur letzten Sekunde" (Regie: Bodo Fürneisen; Buch: Marlis Ewald) Vom MDR: Gangster entführen Staatsanwaltstochter während deren Heirat

Di. 10.10., 22.15 Uhr, Sat.1: "Das Tal der Schatten" Spuren eines Mordes reichen scheinbar zwei Jahrtausende zurück. Mit Carin C. Tietze und Natalia Wörner. (Regie: Nathaniel Gutmann; Buch: Nikolaus Schmidt, Ronald Mühlfellner)

Mi. 11.10., 20.15 Uhr ARD: "Für die Liebe ist es nie zu spät" (Regie: René Heisig, Buch: Julia Wawrzyniak) Mit Nicole Heesters und Günther Schramm.

Mi. 11.10., 20.15 Uhr Sat.1: "Victor - Der Schutzengel" (Regie: Michael Keusch; Buch: Kai-Uwe Hasenheit) Jochen Horst springt mit einem manipulierten Fallschirm ab, kommt ums Leben und als Engel auf die Erde zurück, um den Täter zu finden. Diese lustige Idee wird bei Quotenerfolg zur Serie ausgebaut.

Fr. 13.10., 22.45 Uhr, ZDF: "Downhill City" Berliner Episodenfilm des Finnen Hannu Salonen: Trotz Franka Potente als bebrillter Bulettenbraterin und finnischer Musik (22 Pistepirkko) nur mäßig aufregend.

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