Televisionen Vokuhila-Tracht im Heimatfilm

Hansi Hinterseer leitet das Revival des Heimatfilms ein, Götz George arbeitet sich in der Wüste ab und vom Hamburger Fernsehturm schauen Engel auf die Erde hinab. Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau.
Von Christian Bartels

Jahrzehnte lang gab es ihn nur als Wiederholung oder getarnten Problemfilm zu sehen. Die Kulissen mussten für Serien herhalten, das Personal in den Musikantenstadl abwandern. Jetzt ist er wieder da: der saubere, farbenfrohe, ironiefreie Heimatfilm. Und alles sieht genauso aus wie in den Fünfzigern, da wo die Alpenrosen blühten und das Genre die Leitkultur allen deutschen Filmschaffens stellte. Was natürlich Österreich, "Da wo die Berge sind" (Fr. 17.11. ARD 20.15 Uhr), einschließt. Erzählt wird vom Sandgruber Hansi (Volksmusikant und Ex-Skiläufer Hansi Hinterseer), einem feschen Burschen sonnigen Gemüts in den besten Jahren, um den herum der Handlungsfluss plätschert: Ein älterer Brüder wird enterbt und daher missgünstig, Städter wollen um des Profits willen das Bergidyll zerstören, der Hansi muss die Richtige finden. Welche wirklich zu ihm passt - "das weiß wahrscheinlich nur der da oben", lautet eine der göttlichen Dialogzeilen des Autoren Eduard Ehrlich. Solcherlei müssen Heimatfilm-Helden aber auch nicht wissen, weil sich traditionell alle Probleme, wenn die Zeit reif ist - also 90 Minuten vorbei sind - von selbst erledigen: Der Bruder läutert sich selbsttätig und legt dadurch die Intrige der Städterin trocken, die überzählige Kandidatin entsagt dem Hansi von alleine, so dass der das verbliebene Dirndl Pia (Julia Biedermann) heiraten kann, welches selbstredend dem Heimatdorf entstammt.

Auch die Optik gestaltete Regisseur Kurt Ockermüller nach Fünfziger-Jahre-Vorbild: Auf grünen Wiesen vor hohen Bergen und strahlend blauem Himmel tummeln sich Getier und Statisten, die in Trachtenanzüge und Sepplhüte gesteckt wurden. Die böse Städterin hingegen lebt in fies bläulichem Kunstlicht und vertraut auf Dekolleté, Kosmetik und Pelzmantel. Die guten Mädels vom Lande tragen Dirndl und auf dem Kopf Zöpfe, welche sich bei älteren Damen zu kunstvoll geflochtenen Zopfkränzen auswachsen. Ist also wirklich alles so wie einst? Nein, eines immerhin hat sich weiter entwickelt: die Frisuren der maskulinen Helden. Hansi Hinterseer trägt zu Jeans und gewaltigen Gürtelschnallen seine in der "Schlagerparade der Volksmusik" bewährte sublimierte Vokuhila-Haartracht, um die ihn Heimat-Heroen früherer Epochen beneiden würden. Und auch manch alter Statisten-Zausel hat sein graues Haar zum Zopf gebunden. Das hätte es früher nicht gegeben.

Einstecken, Austeilen und die Achtung der edlen Wilden erringen


Schimanski ist wie Shakespeare, hieß es hier vor eine Woche. Paul Flemming allerdings - den Götz George in "Die Spur meiner Tochter" (So. 19. und Mo. 20.11., jeweils 20.15 Uhr, Sat 1) gibt - ist in seinen besten Szenen höchstens wie Karl May: Der deutsche Topagent erkennt auf einem Foto aus dem arabischen Staate Umran seine verschwundene Tochter und bricht auf, sie heimzuholen. Fortan ist George als blauäugiger Kara Ben Nemsi unterwegs, der rennen muss und gemartert wird, der einstecken und austeilen kann und darob die Achtung der edlen Wilden erringt. Tochter Tina will jedoch gar nicht gerettet werden, denn sie ist in einen Berber verliebt und einer B-Waffen-Fabrik auf der Spur, die Deutsche in Umran bauen.

Zur Auflockerung zelebrieren Einheimische Bauchtanz und andere Folklore. Dann bewegt sich die Handlung im Flugzeug unter Vollführung mieser Stunt-Akrobatik gen Köln, wo George entgeistert umherhetzt, sich an alten Männerfreundschaften und Familienkonflikten abarbeitet und Intrigen aufdeckt. Ganz so, als wäre er doch Schimanski und es hätte nur ein wenig Zeit gefehlt, sinnvolle Zusammenhänge herzustellen. Faszinierend aber ist die tiefe Verachtung, die zwischen den Schleiern aus den Augen der marokkanischen Mimen hervor blitzt und die sich auch Karoline Eichhorn in der Rolle der dauerzornigen Tochter und Wahl-Berberin über die ganze Spielzeit bewahrt. Vielleicht hat sie den Männern hinter der Kamera (Regie: Hajo Gies, Buch: Xao Seffcheque) gegolten.

Liebesschüsse aus Lippenstiften


So wie Sat 1 da eine sehr deutsche Geschichte in den Sand der Sahara setzt, versetzt "Liebesengel" (Do. 23.11., 20.15 Uhr, Pro Sieben) eine amerikanische Geschichte nach Hamburg. Das Drehbuch schrieb Don Bohlinger, der schon seit Jahren die Europäer in die amerikanische Kunst des Drehbuchschreibens einführt. Sein Märchen (Regie: Uwe Janson) erzählt von himmlischen "Amorschützen", die aus ihren Lippenstiften Menschen den "Liebesschuss" verpassen, um sie verliebt zu machen. Eine schöne Szene gibt es anfangs, als die exaltierten Engel (Barbara Auer, Dominique Horwitz) die dezidiert unromantische Sachbuchautorin Angela (Aglaia Szyszkowitz) zu ihrer Verbündeten machen wollen und dafür ihr "Leben anhalten": Angela wird überfahren und zu den Engeln auf den Fernsehturm geholt, von dem aus sie auf sich selbst als Tote hinab blicken kann. Das verspricht einen typisch amerikanischen Zeitschleifen-Film, in dem aus bitteren Untertönen wohlig vorweihnachtliches Sentiment erwachsen könnte.

Denkste. Die surreale Prämisse vergisst der Film - wenn nicht, wäre der Autor sein Skript wohl auch in den USA losgeworden -, und gleitet ab in urdeutschen Töpfchen-Deckelchen- Boulevard: Angela hat den Lehrer (Uwe Bohm) ihrer Tochter zu verlieben und ahnt nicht, dass dessen Deckelchen niemand anders als sie selbst sein soll. Nett immerhin, dass Aglaia Szyszkowitz, die in ihrer Rolle als ZDF-Polizistin "Jenny Berlin" meist traurig drein schaut, Gelegenheit erhält, nach Lust und Laune zu lachen und lächeln. Das tut sie so überzeugend, dass in diesem herzigen Liebeslustspiel eigentlich bloß noch Hansi Hinterseer fehlt.

Außerdem neu:

Sa. 18.11., 20.15 Uhr, ZDF: "Jenny Berlin : Ende der Angst" (Regie: Johannes Fabrick; Buch: Richard Reitinger) "Liebesengel" Aglaia Szyszkowitz zum zweiten: als traurige Polizistin. (siehe Televisionen: Reinkarnation im Müllcontainer)


So. 19.11., 20.15 Uhr, ARD: "Polizeiruf 110: Tote erben nicht" (Regie: Jan Ruzicka; Buch: Peter Kahane) Mit Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler als Kommissaren: Liebenswürdige alte Dame (Rosemarie Fendel) ist überzeugt, dass ihre Schwester ermordet wurde.


So. 19.11., 20.15 Uhr, ZDF: "Dir zu Liebe" (Buch: Thomas Nippold) Regisseur Hans Werner, der vor zwei Wochen für Sat 1 "Mord im Swingerclub" inszenierte, kann auch viel romantischer: Nach Streit mit seinem Vater, einem angesehenen Medizinprofessor, übernimmt Dr. Peter Berger (Timothy Peach) eine Landpraxis auf Rügen.


Mo. 20.11., 20.15 Uhr, ZDF: "Rotlicht - In der Höhle des Löwen" (Regie: Detlef Rönfeldt; Buch: Sönke Lars Neuwöhner, Martin Eigler, Timo Berndt) Fortsetzung von "Rotlicht" (1992), den das ZDF zu seinen erfolgreichsten Fernsehfilmen zählt: Ex-Kommissar Rehberg (Helmut Zierl) trifft einen alten Feind.

Di. 21.11. und Mi. 22.11. jeweils 21.00 Uhr, ARD: "Jahrestage 3 & 4" Die beiden letzten Teile der Johnson-Verfilmung (siehe Televisionen: Schimanski ist wie Shakespeare)

Di. 21.11., 20.15 Uhr, 3sat: "Hart im Nehmen" "Liebesengel" Aglaia Szyszkowitz zum dritten: Pärchen will Sportplatzkantine übernehmen und gerät in einen Kampf mit der Bürokratie. Ein österreichischer Film des "Kottan"-Regisseurs Peter Patzak (auch Buch mit Georg Biron).

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