Stillleben aus Kaliningrad Die Anmut von totem Fisch auf Zeitungspapier

Brombeeren in Plastikbecher, toter Fisch auf Zeitungspapier: Stillleben können eine morbide Ästhetik entwickeln. Fotografin Lia Darjes hat in der russischen Exklave Kaliningrad die Schönheit der Sterblichkeit eingefangen.

Lia Darjes/ Hartmann Books

Von und Swantje Kubillus


Ein Holzstumpf, darauf ein Stück Rinderbein. Zwanzig frisch geerntete Gurken auf einer grünen Wachsdecke. Peperoni auf Pappkarton. Frische Himbeeren, verteilt in fünf Plastikbecher, oder zwei Bund Frühlingszwiebeln, die sich auf eine Häkeldecke schmiegen - für den künstlerischen Blick geben diese Zufallsfunde kontrastreiche Stillleben ab, die in ihrer Ärmlichkeit an die kurze Lebensdauer von Tier und Pflanze erinnern. An die vergängliche Schönheit allen Lebens.

Für die Rentner Kaliningrads geht es allerdings nicht um Kunst, sondern um ihre Existenz. Sie bauen jeden Tag improvisierte Stände auf mit Waren, je nachdem was im eigenen Garten oder dem Wald nebenan geerntet werden kann. Oftmals muss ein Karton oder ein Schemel als Verkaufstheke reichen. Für die alten Menschen ist der Kleinsthandel eine finanzielle Notwendigkeit, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Kapitalismus trifft auf die Bildsprache von Gemüse und getrocknetem Fisch.

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"Eine simplere Wirtschaft gibt es kaum", sagt die Fotografin Lia Darjes, die 2014 zum ersten Mal nach Kaliningrad reiste, "deshalb haben mich diese Stände so berührt. Sie haben Anmut. Ich wollte das festhalten." Das war allerdings nicht einfach, denn die Händlerinnen und Händler fühlten sich von der Deutschen in ihrer Armut vorgeführt. Die junge Stipendiatin des Künstlerhauses Aarenshoop wurde beschimpft, wenn sie um Fotos bat.

Kopeken für den nächsten Schnaps

Insgesamt vier Reisen bedurfte es, bis Lia Darjes einige der Kaliningrader überredet hatte, ihre Stände fotografieren zu lassen. Als sie die ersten fertigen Bilder zeigte, stimmten einige Rentnerinnen auch Porträtaufnahmen zu. "Tempora Morte" heißt ein nun bei Hartmann Books erschienener Bildband, der Stillleben und Porträts versammelt.

Preisabfragezeitpunkt:
21.10.2019, 13:00 Uhr
Ohne Gewähr

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Andrei Zavadski
Lia Darjes: Tempora Morte

Verlag:
Hartmann Projects Verlag
Seiten:
72
Preis:
EUR 28,00

Der Titel ist eine Wortschöpfung, die an die französische Bezeichnung für Stillleben "Nature morte" erinnert - es geht um die Zeit, die vermeintlich stillsteht auf diesen postsowjetischen Basaren, um die künstlerische Tradition des Stilllebens und auch um den fehlenden Fortschritt, der die Ursache ist für prekäre Lebensumstände in der russischen Exklave zwischen Litauen und Polen, die bis 1991 militärisches Sperrgebiet war.

"Die Menschen fahren von ihren Datschen aus in die Stadt und sammeln sich an bestimmten Straßenecken", sagt Darjes. Wirtschaftlich mache das nicht immer Sinn - doch es gehe auch darum, sich zu treffen und Neuigkeiten auszutauschen. "Man sitzt dort den halben Tag, bis man sein Gemüse verkauft hat und quatscht mit der Verkäuferin am Nachbarstisch". Rentner verdienten sich etwas dazu; Alkoholiker finanzierten sich mit ein paar Kopeken den nächsten Schnaps.

Für ihre Bildkomposition habe sie nur selten eingegriffen, sagt Darjes, mal einen Apfel herumgedreht, mal eine Hortensie dazu gestellt. Es sei ihr an natürlichen Szenen gelegen. "Am Stillleben fasziniert mich, dass die Dinge eine Geschichte erzählen können".


Ausstellung: "Tempora Morte", Galerie Robert Morat Berlin, 26. Oktober bis 21. Dezember



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