Terror in Deutschland Keine Gelassenheit

Dass Mörder unter uns sind, wussten wir und wussten nie, wie viele. Nun jedoch wissen wir, dass es mehr geworden sind: Mordende Wirrzausel sind eine neue tödliche Alltagsgefahr.

Polizist vor der Unterkunft des Attentäters von Ansbach
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Polizist vor der Unterkunft des Attentäters von Ansbach

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    Thomas Gsella, geboren 1958 in Essen, ist Autor und Lyriker. Von 1992 bis 2008 arbeitete er für die Satirezeitschrift "Titanic", ab Oktober 2005 als Chefredakteur.

Nach den hiesigen Mordversuchen, Morden und Massenmorden der letzten Wochen, begangen allesamt von jungen Männern mit teils dschihadistisch verbrämten Gefühls- und Denkstörungen, deckten die Kommentare der europäischen Presse sich weitgehend mit denen der deutschen nach ähnlich psychopathischen Verbrechen im europäischen Ausland."Deutschland stürzt in den Terror" , las man im französischen "Le Figaro", "Le Monde" sah ein "Deutschland unter Schock", und der italienische "Corriere della Sera" formulierte: "Der Albtraum, in den Deutschland gestürzt ist, scheint in diesen Stunden kein Ende zu nehmen"; nach den ersten Attacken hätten "zwei weitere die Nerven des Landes getroffen".

Damals war ich überrascht, mit welchem Panoramablick deutsche Reporter die Verfasstheit der Nachbarländer einzufangen vermochten, deren Bewohner offenbar reihum aus der Bahn geworfen waren, unfähig zu wachem Handeln, im Grunde behandlungsbedürftig; während ich, ein paar Bahnstunden entfernt, nur eines war und also mit leichten Schuldgefühlen: erschrocken.

Aus den leichten sind schwere geworden. Denn während der albtraumhafte Schock, in dem das Deutschland dieser Tage offenbar verharrt, nun umgekehrt bis in den Westen und Süden Europas spürbar ist, bin ich weiterhin nur eines: erschrocken, nämlich darüber, dass zu den Gründen, aus denen nichtaltersschwache oder nichtkranke Landsleute in trauriger Regelmäßigkeit zu Tode kommen, sich ein neuer gesellt hat jener Art, die dank spektakulärer Plötzlichkeit und übermächtiger Gewalt besonders geeignet ist für mediale Verwertung zumal im Boulevard: tödliche Wetterphänomene, Brände, Flugzeug- und Bahnunfälle, Bergabstürze, Badeunfälle und ähnliche Geschehnisse, die zusammen allerdings ungleich mehr Leben kosten als jene Attentate.

Ist die Neuerung also überhaupt von Belang? Jährlich werden etwa 4000 Deutsche, meist auf furchtbare Weise, vom Straßenverkehr getötet, etwa dreimal so viele bei häuslichen oder Arbeitsunfällen (auch hier gibt es Täter, sie heißen Arbeitshetze und mangelhafte Sicherheit); eine knappe Viertelmillion Menschen pro Jahr bringt sich selbst um, sei es, zunehmend, durch Suizid oder, immer noch 20-mal häufiger, mithilfe von Zigaretten und/oder Alkohol. Davon freilich liest und hört man kaum. Manche Publizisten haben angesichts dieses rezeptiven Missverhältnisses empfohlen, die neuen Untaten schlicht als eine jener altbekannten Lebensbedrohungen wahrzunehmen und auf sie, beispielsweise, mit "mürrischer Gelassenheit" zu reagieren.

Daraus aber, fürchte ich, wird nichts. Denn es geht um eines der schrecklichsten Verbrechen, um Gruppen- oder gar Massenmord, und so wenig ich den Pressebefunden folge und in Schock und Albtraum versinke, so wenig will ich die sprunghaft gestiegene Möglichkeit solcher Taten hinnehmen wie die, von Hunden, Blitzen oder Autos zerfleischt zu werden (wobei Rasereien mit Todesfolge der Amoktat oder dem Anschlag ähneln: Auch diese Täter sind männlich, jung und seelenkrank, auch sie pfeifen auf ihr und anderer Leben, ihre Legitimation ist nicht der Heilige Krieg, aber die gleichfalls heillose deutsche Verkehrspolitik).

Sie haben es nicht auf bestimmte Opfer abgesehen

Dass Mörder unter uns sind, wussten wir und wussten nie, wie viele. Nun jedoch wissen wir, dass es mehr geworden sind, vielleicht viel mehr, und diese Hinzugekommenen haben, anders als herkömmliche Mörder, es nicht auf bestimmte Opfer und Opfergruppen abgesehen, auf Verwandte, Familie und andere Todfeinde, auf Frauen, Kinder, Mitglieder konkurrierender Banden und andere, sondern auf all jene, die ihre archaischen Texte nicht Wort für Wort nachbeten. Nicht alle sind im selben Jetzt da, schrieb Ernst Bloch angesichts des faschistischen Deutschland, und auch dem sunnitischen Islam mit seinem Salafismus, oder wie das heißt, ist das finsterste Vorvorgestern unerreichbare Zukunft. Seine psychotischen Jungmänner sind unter uns nicht wegen der Flüchtlinge, sondern wegen des Krieges, vor dem jene fliehen, und er begann mit der amerikanischen Zerstörung des Irak. Alle Wohlmeinenden hatten vor ihm und seiner massenhaften Inkraftsetzung religiöser Verrücktheit gewarnt, doch die in Freiheit befindlichen Massenmörder George W. Bush und Tony Blair wollten diesen Krieg und haben ihn sich genommen.

Noch sterben in ihm weiß Gott relativ wenige Europäer, doch der Tod wird sie mehr und mehr treffen, Kinder, Frauen und Männer, wahllos, zufällig und unvorhersehbar, und unser Erschrecken wird von Tat zu Tat wachsen, weil es keine unvermeidbaren Naturkatastrophen sind und keine vermeidbaren Unfälle, die aus technischem oder menschlichem Versagen herrühren und deren Ursachen man anschließend mit aller Kraft zu beheben sucht, sondern absichtsvolle Taten psychopathischer Rindviecher mit dem Vorsatz, derlei möglichst häufig zu wiederholen.

Das Erschrecken wird begleitet sein von mehr Bemühungen um wahngefährdete Flüchtlinge, mehr Überwachung und Unschädlichmachung der Mordbereiten, von mehr Arbeit also, mehr zeitlichem und finanziellem Aufwand; und eben weniger Gelassenheit. Schuldlos an all dem ist zuallerletzt der Westen.



insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
dr.haus 02.08.2016
1.
Natürlich,die USA sind mal wieder schuld! Wie einfach.Schuld ,dass Saddam Hussein und Assad nicht mehr die Dschihadisten unter Kuratell halten oder Ghaddafi. Also zwischen den Zeilen : Lasst diese Diktatoren und Massenmörder an ihrem Volk wiederauferstehen oder gleich am Ruder, dann müssen wir uns dort nicht engagieren. Sei es wie es ist, die Entmachtung dieser o.a. Personen kann nicht als "Entschuldigung" für die in Europa von Dschihadisten verübten Terroranschläge herhalten,noch schlimmer: eigentlich haben wir ja selber schuld, dass die psychopathologische Islamistenseele immer gern noch die Kreuzzüge von annodunnemal als verlogene Begründung ,uns zu ermorden,heranzieht.
jjcamera 02.08.2016
2. ein schwacher Trost
Diese Leute als "Wirrzausel" (ein kleiner Junge der durchdreht, weil man ihm sein Spielzeug wegnimmt) zu bezeichnen, ist eine üble Verharmlosung und eine absurde Verzerrung der Ursachen. Auch der jetzt gerne benutzte Vergleich von Totenstatistiken und Möglichkeiten, ums Leben zu kommen, ist zynisch und pietätlos. Man könnte dann ja auch sagen: es sterben erheblich mehr Menschen an Suizid, als an einem terroristischen Anschlag... Was soll uns das sagen?
wolle0601 02.08.2016
3. Danke fürs Erinnern
dass wir uns in Zukunft nicht mehr einmischen. Lassen wir die Diktatoren anderswo wieder in Ruhe ihre Bevölkerungen niedermachen und lokale Kriege führen. Wir brauchen diese Ruhe, damit wir ungestört unsere kulturellen Orchideen züchten können. Menschenrechte sind eben doch kein so toller Exportartikel. Und mit der Energiewende haben wir sogar neue Freiheiten, wenn ein lokaler Despot dann doch mal zu frech wird. War es das, was Sie meinten, Mr. Titanic? Ich bin d'accord - Sie dürfen raten, ob das jetzt satirisch gemeint ist oder nicht.
apestuipe 02.08.2016
4. Gelassenheit
anlässlich dessen was augenblicklich um uns herum vorgeht, könnte ich höchstens erreichen, indem ich mich mit einer Flasche Mariacron ins Bett lege. Und ich entstamme einer sehr relaxten Nation. Der Deutsche hatte dagegen noch nie viel für Gelassenheit übrig. Kann ich ihm momentan nicht übel nehmen...
belinea12345 02.08.2016
5. Panik ist unangemessen
"tödliche Wetterphänomene, Brände, Flugzeug- und Bahnunfälle, Bergabstürze, Badeunfälle und ähnliche Geschehnisse, die zusammen allerdings ungleich mehr Leben kosten als jene Attentate." Nicht bloß zusammen, sondern sogar für sich genommen. Die tatsächliche Gefährdung des Einzelnen durch Terror verhält sich umgekehrt proportional zur Wahrnehmung dieser Gefahr. Tun muss man natürlich dennoch alles, um solche Anschläge zu vereiteln. Aber es ist falsch, sie in ihrer Bedeutung hochzujazzen. Das ist schließlich genau das, was die Terroristen wollen.
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