Terrorübung im ZDF Mit dem Zweiten bombt man besser

Was wäre, wenn es in Berlin zu Terror-Anschlägen käme? Das ZDF behielte die Nerven und würde ohne Pannen und Fehlschaltungen tapfer aus dem Chaos berichten. So zumindest suggerierte es gestern Abend die Sendung "Tag X - Terror gegen Deutschland" - eine prätentiöse Peinlichkeit, bei der die wichtigsten Fragen nicht gestellt wurden.
Von Henryk M. Broder

Kennen Sie den? Ein Mann stürzt sich von einem Hochhaus in die Tiefe. Etwa auf halber Höhe denkt er: "Bis jetzt ist ja alles gut gegangen!" Und dann fängt er an, sich Gedanken um den Rest der Strecke zu machen.

Wie das Experiment ausgeht, ist jedem klar. Außer beim Fernsehen, wo man auf dem kurzen Weg von der Kantine zur Programmdirektion aus einem Einfall gleich ein neues Format entwickelt und es "Infovision" nennt. Besonders beim ZDF schaut man nicht nur lustvoll zurück ("Forsthaus Falkenau", "Willkommen bei Carmen Nebel"), man blickt auch gerne in die Zukunft ("Gottschalk zieht ein"); und weil es noch nicht genug Horrorsendungen ("Blond am Freitag") im Programm gibt, hat man den "Tag X - Terror in Deutschland" produziert.

Es war, um das Ergebnis vorwegzunehmen, als hätte man "Aktenzeichen XY" mit "TV total" gekreuzt, nur dass statt des drögen Ede Zimmermann oder des rüpeligen Stefan Raab die anmutige Maybrit Illner durch die Sendung führte, womit auch schon alles Gute über das "Infovision"-Stück gesagt wäre. Es handelte nicht nur von einer Katastrophe, es war eine, eine prätentiöse Peinlichkeit am Rande des Wahnsinns über "einen Tag, von dem wir alle hoffen, dass er nie kommen wird."

Dabei ist die Grundidee weder neu noch schlecht. 1938 kam es zu einer Panik, als im amerikanischen Radio ein Hörspiel von Orson Welles ("War of the Worlds") gesendet wurde, über Marsmenschen, die in New Jersey gelandet waren, um die USA zu erobern. Welles selbst hatte sich bei dem britischen Schriftsteller Herbert George Wells bedient, dessen Buch über eine Invasion von Aliens Ende des 19. Jahrhunderts erschienen war.

Das Genre hat viele großartige Trashfilme hervor gebracht, vom "Angriff der Killer-Tomaten" über "Raketenwürmer greifen an" bis zur "Invasion of the Body Snatchers". Eine deutsche TV-Produktion, die Geschichte machte, war das "Millionenspiel" von Wolfgang Menge im Jahre 1970. Immer ging es um die Frage: Was wäre wenn? Was würde passieren, wenn etwas, das man für unmöglich gehalten hat, doch passieren würde?

Nun ist die Idee endlich auch in Mainz angekommen, zeitgleich mit dem Anfang der närrischen Saison. Was würde passieren, wenn es in Berlin zu einem Terroranschlag käme, genauer gesagt zu vier synchronisierten Terroranschlägen, drei Bombenexplosionen in der U-Bahn und einem mit Chlorgas gefüllten Transporter, der in die Luft fliegt? Die überraschende Antwort lautet: In Berlin wäre die Hölle los, nur beim ZDF würde man die Nerven behalten und alles live übertragen.

Steffen Seibert würde von seinem Platz aus improvisieren, die Technik alle Schaltungen mühelos bewältigen und die Reporter würden zu Fuß und per Hubschrauber ausschwärmen und tapfer der nahenden Giftgaswolke trotzen, um Sätze in die Kamera zu sprechen wie: "Die Terrorangriffe haben Berlin lahm gelegt" und "Wir hören aus Regierungskreisen, dass es sich nicht um einen Unfall gehandelt hat". Surprise, surprise!

Eigentlich wäre alles wie immer. Mit dem Zweiten sieht man besser, sogar wenn einem die Trümmer um die Ohren fliegen. Der "Tag X" hätte auch "Wir über uns" heißen können, denn es ging nicht darum, was im Falle eines Terroranschlags passieren, sondern wie professionell das ZDF in einem solchen Fall reagieren würde, im Gegensatz zu den Rettungskräften, die "unzureichend koordiniert" und zu den Behörden, die "untereinander nicht vernetzt" sind. "Kompetenzwirrwarr" allerorten, nur nicht beim ZDF.

Da sind Zweifel angebracht, denn wir erinnern uns noch an etliche Sondersendungen aus kleineren Anlässen, bei denen nichts klappte: Schaltungen kamen nicht zustande, Moderatoren fielen aus, weil die Teleprompter nicht funktionierten. Aber: je größer die Herausforderung desto effektiver auch das Krisenmanagement. Zumindest in einer fiktiven Katastrophe, die im Studio simuliert wird.

Freilich: so ganz hat das ZDF seinem Konzept doch nicht getraut, denn statt die mögliche Katastrophe konsequent durchzuspielen, wie es Orwell und Menge getan hätten, wurden die "Spielszenen" immer wieder von einer Expertenrunde unterbrochen, so nachhaltig, dass man am Ende nicht wusste, was ein Fake und was wirklich war.

Denn die "Experten" redeten so, wie sie immer reden ("Man muss regional differenzieren") und Steffen Seibert, der immer wieder von vorne, von der Seite und von hinten zu sehen war, gab globalkonkrete Sensationen von sich ("Von offizieller Seite hält man sich bedeckt"), wie es alle Nachrichtensprecher jeden Tag tun.

Etliche der gestellten Szenen erinnerten an die authentischen Aufnahmen aus New York vom 11. September, was gewiss kein Zufall war. Wenn man sich aber schon bei den Amis bedient und fremden Horror übernimmt, hätte man vielleicht auch diese Fragen kurz anschneiden können:

Wie kommt es, dass man über drei Jahre brauchte, um zu begreifen, dass der Terrorist kein Spaziergänger ist, der sich an das Verbot, den Rasen zu betreten, hält, solange er nicht provoziert wird?

Wie kommt es, dass die gleichen Experten, die uns nun vor möglichen Terroranschlägen vor der eigenen Haustür warnen, vor kurzem noch versichert haben, Deutschland wäre nicht gefährdet, solange es sich aus bestimmen internationalen Verwicklungen raushält?

Wie kommt es, dass aus dem "Ruheraum" Deutschland, das auch Mohammed Atta Zuflucht bot, über Nacht eine Gefahrenzone wurde?

Und warum haben wir uns noch bis gestern über den "Sicherheitswahn" der Amis lustig gemacht, die von Touristen Fingerabdrücke nehmen, während wir nicht weniger als 38 Behörden haben, die mit der "Gefahrenabwehr" befasst sind, aber untereinander nicht kommunizieren?

Fragen über Fragen. Und wäre nicht das ZDF, müssten wir noch länger nach einer Antwort suchen. "Peter, wie ist die Lage?" fragte Steffen Seibert den Reporter Peter Frey. "Schon Besorgnis erregend, Steffen" antwortete Peter Frey. Danke Steffen, danke Peter! Danke ZDF! So genau wollten wir es gar nicht wissen. Bis jetzt ist ja noch alles gut gegangen.

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