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06. April 2008, 11:49 Uhr

Thalheimer in Hamburg

Auf der Couch mit Hamlet

Von Jenny Hoch

In seiner ungewöhnlich langen Inszenierung schickt Reduktionskünstler Michael Thalheimer die Zuschauer im Hamburger Thalia Theater in "Hamlet"-Therapie: Der Abend strotzt vor treffender Analyse, bleibt insgesamt aber formvollendet langatmig.

Dieser Hamlet wäre ein typischer Prozac-Patient: Leidend am Zustand der Welt im Allgemeinen und an seiner Familiengeschichte im Besonderen. Von Weltekel zerfressen und exzessiv vergrübelt. Würde er rasch ein paar Glückspillen einwerfen, sähe das Leben schon nicht mehr ganz so grau aus. Heute ist Prozac längst mehr als ein Medikament für Millionen von Menschen, es ist zum Lebensgefühl geworden für ganze Generationen am Dasein Verzweifelter.

König Claudius (Felix Knopp. l.), Königin Gertrud (Victoria Trauttmannsdorff, M.), Hamlet (Hans Löw, r.): Ins Groteske übersteigert
DPA

König Claudius (Felix Knopp. l.), Königin Gertrud (Victoria Trauttmannsdorff, M.), Hamlet (Hans Löw, r.): Ins Groteske übersteigert

Wäre William Shakespeares weltberühmte Tragödie nicht schon 1603 erschienen, sondern heute, dann wäre auch Prinz Hamlet kein notorischer Störenfried, sondern ein künstlich hochgestimmter junger Mann, der sich vorbildlich mit den Gegebenheiten arrangieren würde – und stänken sie auch noch so sehr zum Himmel. Doch dem ist nicht so. Antidepressiva waren noch nicht erfunden in Hamlets Welt. Und so bleibt dem Dänenprinz nichts anderes übrig, als sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen und entsprechend zu handeln.

In Michael Thalheimers "Hamlet"-Inszenierung am Hamburger Thalia Theater ist diese Welt dem Seelenzustand der Hauptfigur entsprechend karg: Auf der leicht schräg gestellten leeren Bühne von Henrik Ahr steht lediglich ein niedriges hölzernes Podest. Darauf sitzt zu Beginn Hamlet zusammen mit der ganzen Mischpoke: Mutter, Stiefvater, Geliebter, Hofberater und dessen Sohn. Alle schweigen minutenlang und greifen damit gewissermaßen auf den bekannten Schluss des Stückes vor: "Der Rest ist Schweigen."

"Ein Drama, das erdrückt wird"

Damit wären auch gleich Hauptthema und Hauptproblem dieses Abends umrissen: Denn Michael Thalheimer hat diesem Schweigen nicht mehr allzuviel hinzuzufügen, keine Idee, die den Abend trägt, sondern eine – zwar formal perfekte und analytisch treffende, aber im Ergebnis blutleere und langatmige - Illustration der bekannten Konstellationen und Mechanismen. Im Programmheft bringt John von Düffel das Dilemma offenherzig auf den Punkt: "Genau genommen ist 'Hamlet' kein Theaterstück mehr, sondern ein innerer Wiederholungszwang, eine Ansammlung theatralischer Schlüsselreize und Reflexe, ein Drama, das erdrückt wird von seiner Bedeutung und einem gigantischen philosophischen Überbau."

Es ist ein bisschen wie in der Oper: Dort warten alle darauf, ob die Sängerin das hohe C trifft oder nicht, der Rest interessiert weniger. Hier, bei "Hamlet", geht es vor allem darum, wie und mit welchem Bedeutungsgehalt die zahllosen Monolog-Gassenhauer wie "Es ist was faul im Staate Dänemark", "Sein oder Nichtsein" oder "Schwachheit, dein Name ist Weib" vorgebracht werden.

Diesem Problem müssen sich alle modernen "Hamlet"-Regisseure stellen, und selbst ein Reduktionskünstler wie Thalheimer schafft es nicht, alle Zitat-Oneliner einfach wegzurationalisieren. Überhaupt hat seine geübte - zu Recht oft gelobte, aber auch gescholtene - Methode, jedes beliebige Stück der Dramenliteratur bis auf das Skelett abzufieseln und so den Kern des jeweiligen Dramas freizulegen, bei "Hamlet" nicht richtig funktioniert. Fast drei Stunden dauert diese Inszenierung, im Vergleich zu den von Thalheimer gewohnten flotten 90-Minütern eine Ewigkeit.

Hamlet als Zauderer, aber nicht als Zausel

Ein paar der bekannten Thalheimer-Ingredienzien sind aber doch zu bewundern: Wie der Regisseur es schafft, den Seelenhaushalt der Figuren durch gestische Mittel nach außen zu stülpen und ins Groteske zu übersteigern, das ist immer wieder großartig. Paula Dombrowski ist als Ophelia ein zappeliges Riot-Girl im Rüschenkleid (Kostüme: Barbara Drosihn), das zwar vorgibt, unbeholfen durch ihr Elend zu staksen, die aber in Wirklichkeit genau weiß, was sie will. Victoria Trauttmansdorff hat als Mutter Gertrud einen gelungenen Auftritt als Barbie-Puppe, die sich zwar von den Männern herumschubsen lässt und die Beine im richtigen Moment spreizt, aber wenn es darauf ankommt, handelt auch sie berechnend.

Und Norman Hacker darf sich in der Rolle des Polonius so richtig in den Vordergrund kalauern: Grimassierend, schwadronierend und intrigierend biegt und wiegt sich dieser Kämmerer ins Geschehen – und kassiert mit seiner karikaturhaften Darstellung erwartungsgemäß die meisten Lacher.

Zwischen diesen grellen Comicgestalten thront wie ein Fels in der Brandung Hans Löw als Hamlet. Unbeweglich und doch unter Hochspannung lässt er sich umtosen von Mord und Verrat. Sein gespielter Wahnsinn kommt den anderen gerade recht: So haben sie wenigstens einen Vorwand, um den widerborstigen Prinzen loszuwerden. Hamlet mag vielleicht ein Zauderer sein und depressiv, doch Hans Löw spielt ihn nicht als Zausel, sondern selbst im Zögern groß und klar. Größer könnte die Diskrepanz zu seinem Widersacher Claudius, dem unrechtmäßigen König, kaum sein: Felix Knopp legt ihn als verdrucksten Lebemann an, ohne Format und Gewissen.

Wahnsinn mit Methode

Am Ende, wenn endlich alle tot sind und die Schauspieler sich wieder auf dem Holzpodest niedergelassen haben, wenn die Kunstanstrengung vorüber ist, die berühmten Monologe bewältigt sind (oder auch nicht) und das Schweigen wieder das Regiment übernommen hat, wenn zum Schlussbild kurz, für ein paar Takte nur, Musik anschwillt, dann hat Michael Thalheimer doch noch eine Überraschung parat: Auf einmal wirkt dieser Abend wie ein Kommentar auf die ganze aufreibende Theaterarbeit an sich, eine Reflexion über Kreativität, Wiederholungszwang und angebliche Deutungshoheit: "Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode."

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