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28. Oktober 2007, 13:08 Uhr

Thalia Theater

Ein Hauch von Splatter

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Es geht auch ohne Moral: William Shakespeares "Maß für Maß" ist ein bösartiges Macht- und Sexspiel. Wie man daraus auch Comedy-Funken schlagen kann, zeigt die neue Hamburger Thalia-Inszenierung. Es spritzt und kracht: ein feucht-fröhlicher Bühnenmatsch.

Da helfen keine Maßanzüge, Krawatten, sturmfesten Fönfrisuren: Alles Böse kommt von innen und wirkt zerstörerisch, wenn der Kern verrottet und der Geist korrupt ist. Das gilt für Herrscher wie Beherrschte, der Mensch jagt nach Sex, Gier und Macht - ein lächerliches, amoralisches Wesen. In Shakespeares dunkler Komödie "Maß für Maß" entblättern sich alle, und was man sieht, schillert dunkel. Der Schweizer Regisseur Stefan Bachmann hat sich in seiner neuen Inszenierung fürs Hamburger Thalia Theater das giftige Moral-Drama vorgenommen und dabei eindeutig die brutal-komische Seite der Shakespeare-Hölle favorisiert.

Maßloses Richten: Jörg Koslowsky als Claudio in Stefan Bachmanns Hamburger Thalia-Inszenierung "Maß für Maß"
DPA

Maßloses Richten: Jörg Koslowsky als Claudio in Stefan Bachmanns Hamburger Thalia-Inszenierung "Maß für Maß"

Schon als Vincentio, der Herzog von Wien, seine von Sittenverfall und Prostitution gezeichnete Stadt verlässt, damit sein strenger Stellvertreter Angelo die Aufräumarbeiten übernehmen soll, weht ein kalter Wind über allem. Und wenn es nur der Helikopter ist: Die Zeiten werden eisig, denn Angelo verurteilt sogleich Claudio zum Tode, der seine Freundin ohne Ehe geschwängert hat. Kurz darauf bietet er Gnade für Sex - denn Angelo, ganz und gar kein Engel, möchte gern Claudios Schwester, die keusche Novizin Isabella (schön stocksteif selbstgerecht: Maren Eggert) auf sein Lager zerren. Der Herzog schleicht derweil als Mönch verkleidet durch seine Stadt, auf der Suche nach Wahrheit und Klarheit.

Nackt vor der Nonne

Das pralle Intrigen- und Actionspiel hat Stefan Bachmann auf eine klug zweigeteilte Bühne (gebaut von Steffen Schmerse) gebracht: Auf einem großen, ovalen, aus groben Holzbalken gezimmerten, schief gelagerten "Präsentierteller" werden die Kernszenen stets aus der Handlung hervorgehoben. Effizienter Minimalismus, der auch die punktgenaue, schlichte Lichtarbeit (Matthias Vogel) kennzeichnet, die Gemütsbewegungen und Szenenwechsel so prägnant wie uneitel illustriert. Norman Hacker, brillant als fieser Angelo, strippt halb irre vor Geilheit auf dieser schiefen Bühnenebene für die schöne Isabella, schrubbt mit seinem Anzug demütig den Fußboden, bis er ihr buchstäblich nackt zu Füßen liegt. Entblößt und eitel posierend, feilschend und bettelnd, drohend und drängend - vergebens, die Edle opfert ihre Jungfernschaft nicht einmal für das Leben des Bruders: Da friert es einen beim Betrachten der "anderen" Tugend-Hölle. Dies ist die eindringlichste und am schlichtesten gestaltete Szene der Inszenierung - perfektes Timing, minutiös gesetzte Akzente, höchste Menschlichkeit und gleichzeitig abgrundtiefes Grauen. Shakespeare pur.

Die Zuhälter und Nutten wirken dagegen beinahe wie ehrliche Häute, brutal zwar, aber wenigstens unprätentiös - pralles Rampen-Theater. Fast alle Darsteller spielen Doppelrollen: So kommt uns Jörg Koslowsky als unglücklicher Liebhaber Claudio, wie auch als anrührend komische Prostituierte Mariana. Maren Eggert spielt nicht nur eine zarte Novizin, sondern auch den ständig bedröhnten Kleinganoven Schaum - allein ihr virtuoses Torkeln ist dabei schon preiswürdig. Größter Abräumer bei den Zweitauftritten wird allerdings gen Schluss "Angelo" Norman Hacker, der den hier mit brutalem Wiener Dialekt ausgestatteten Henker Abhursohn gibt. Zwischen Schmäh und Schlachtlust (er tötet mit dem Vorschlaghammer) bringt Hacker noch einen finsteren Hauch von Splatter auf die Bretter - keine Angst, es zerplatzen nur eine Melone und ein paar Schlachtabfälle, deren Melange einen schön ekligen, feucht-fröhlichen Bühnenmatsch ergeben.

Der King als Kriechtier

Der King dagegen, ein müdes Klischee: Vincentio, der Herzog (kraftvoll: Stephan Schad), mutiert zum Elvis-Parodisten und niederen Kriechtier, wälzt sich über die Bühne, schmettert mal "In The Ghetto", mal "Jailhouse Rock", stampft krachend auf und zeigt damit nur eines - die Moral, die er als Herrscher verkörpern will und soll, ist abgehalftert. Eine Fassade, die er nur mit Mühe, Routine, erlernter Härte aufrechterhalten kann. Ein Politiker und Rollenspieler aus Passion, der in Mönchsgehabe neues Leben und neue Normen ausprobieren will, aber ständig an die Grenzen seines Geistes und seiner Eitelkeit stößt. Seine Untergebenen salutieren ohnehin nur vor den Insignien seiner Macht, nicht vor seiner Person: Zeige deine Krawatte, schon kuscht der Mitarbeiter! So raubt er am Schluss die arme Isabella kurzerhand als "Kriegsbeute" - wer hat, der kann und schert sich um nichts. Schöne Moral.

Stefan Bachmann (Jahrgang 1966), der in Berlin, der Wiener Burg und auch am Thalia Theater ("Liebe Kannibalen Godard") bereits erfolgreich inszenierte, hätte um ein Haar die Nachfolge von Intendant Ulrich Khuon am Thalia angetreten. Seine brillante "Maß für Maß"-Inszenierung dokumentiert, wie gut er ans Haus und vor allem in die Tradition des handwerklich wie kreativ perfekten ausbalancierten Khuon-Stils gepasst hätte. Nun kommt aber Joachim Lux vom Burgtheater Wien, ebenfalls kein Fliegengewicht. Es bleibt also spannend am Thalia. Auch das Publikum bejubelte die Premiere, kein Buh verirrte sich in den begeisterten Applaus, mit dem das gesamte Team bedacht wurde. Bleibt zu hoffen, dass Bachmann nach dem Scheitern als Chef wenigstens als Regisseur wiederkehrt. So einen Shakespeare darf's jedes Jahr geben.

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