Thalia Theater Hamburg Religion, vom Winde verweht

Der Weg zu Gott ist selten gerade: Der junge Schweizer Autor Lukas Bärfuss windet sich in seinem neuen Stück "Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)" kurvenreich zwischen Religion und Illusion. Die Uraufführung des Erlösungs-Dramas in Hamburg hakte viele Stationen ab – und brachte seine Botschaft dennoch auf eine knappe Pointe.


Fritzi Haberland als Erika: Leider den falschen Bus erwischt
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Fritzi Haberland als Erika: Leider den falschen Bus erwischt

Glaube macht das Leben schwer, denn Erika muss pilgern. Sie hatte eine Engelsvision, die ihr eine Reise zur berühmten Schwarzen Madonna ins polnische Tschenstochau befahl, sonst drohe ihrer Seele Ungemach. Erika ist tief gläubig, also kauft sie sich eine Buskarte.

Leider erwischt sie den falschen Bus und sieht sich einem brutalen Fahrer und ebenso spleenigen wie egoistischen Mitreisenden ausgeliefert, die sie zuerst bedrohen, dann umbringen wollen. Hilfe und Rettung bringt die Begegnung mit dem einsamen, ständig betrunkenen Tankwart Anton, der Erika mit seinen eigenen Visionen neu erweckt.

Lukas Bärfuss, 1971 in Thun in der Schweiz geboren und derzeit einer der wichtigsten jungen Theaterautoren, erzählt eine widerborstige und kompromisslose Geschichte, die im Kern nur von der gnadenlosen Konsequenz handelt, die die Religion fordert. In heutigen Zeiten von treuherziger Toleranzwut und aufgesetzter Verständnis-Innigkeit eine provokante Sache. Umso schöner, dass Bärfuss seiner Religions-Dramatik eine Menge bitter komischer Seiten abgewinnt und soliden Mut zum Kitsch hat. Rammsteins "Ohne Dich" dröhnt als martialische Stimmungsbombe gleich zu Anfang: Hier wird gefühlt, ohne Rücksicht auf Verluste.

Den Thalia-Star Fritzi Haberlandt könnte Lukas Bärfuss für seine glaubensbeseelte Erika-Figur als Ideal vor Augen gehabt haben: Fragil und dennoch taff, unerbittlich in ihrer physischen Präsenz, penetrant überzeugt und fordernd, äußerlich sanft und sensibel, dabei beinhart wenn's um die Essenz ihrer Religion geht.

Das alles spielt Fritzi Haberlandt wie eine sprudelnde Quelle. Natur pur. Sie betet, als könnte sie gar nicht anders.

Anfangs ist sie nur ein putziger Zauberwichtel mit babyblauem Kapuzenshirt und pinkfarbenen Sneakers, ein Girlie auf dem Weg zu Gott. Scheinbar ein leichtes Opfer, wehrloses Zielobjekt verschiedenster Aggressionen, doch im Inneren härter als die anderen zusammen. Drogen, Kriminalität, kaputtes Leben: Erikas harte Jugend klingt an, ist aber nicht das Thema.

Die Eiseskälte der Selbstgerechten

Werner Wölbern als Hermann: Hysterisch, frustrierter Busfahrer
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Werner Wölbern als Hermann: Hysterisch, frustrierter Busfahrer

Die Mitreisenden des Busses, die zu einem Kurhotel in den Bergen wollen, lässt der Autor beinahe wie eine Nummernrevue aussehen. Nach dem hysterischen und frustrierten Busfahrer Hermann (Werner Wölbern) defilieren die verständnisvolle "Dicke" (Verena Reichhardt) und die cool arrogante Jasmin (Victoria Trautmannsdorf) vorbei, die allesamt versuchen, zur seltsamen Pilgerin vorzudringen, jedoch an ihrer eigenen Kommunikationsunfähigkeit scheitern, was auf direktem Weg zu noch mehr Aggressionen führt.

Auch Karl sitzt im Bus, der ehemalige Lover von Erikas Mutter, und er erweist sich als besonders abgebrüht und hinterhältig. Doch Erika pariert die eher unbeholfenen Angriffe der scheinbar stärkeren mit der Eiseskälte der Selbstgerechten: Kniet nieder, lasst euch erleuchten, dann wird das schon! Hat ja bei mir auch geklappt.

Da ist der seltsame Tankwart Anton schon ein anderes Kaliber. Mit Cowboy-Hut und Hinterwäldlerbart, Overall, singendem Tonfall und schwingendem Gang, scheint er zunächst der Psycho par excellence zu sein, der Country-Schrecken für alle Stadt-Eier, die wandelnde Schrotflinte.

Doch weit gefehlt: Auch Anton ist ein Suchender, verkauft an seiner Tankstelle am liebsten Raps-Ökosprit und kämpft für den Wald. Da er im Gegensatz zu Erika zur Melancholie neigt, ist er Alkoholiker.

Das folgende Gelage der beiden mit selbst gebranntem Schnaps entwickelt sich zum eigentlichen Highlight des Stückes, nicht zuletzt dank des fantastischen Peter Jordan, dessen abgründige und hypnotische Komik inzwischen so etwas wie sein Markenzeichen geworden ist. Jordan und Haberlandt als Traumpaar, das sich gegenseitig mit Schnaps und schnurrigen Ideen erlöst: Das ist schon sehr witzig und bescherte dem Stück einen harten Kontrast zur tödlichen Reise-Depression.

Hunderttausend leere Plastiktüten

Denn natürlich muss Erika trotz neuer Liebe und nettem Rausch noch nach Tschenstochau, wenn auch mit Verspätung. Zur Begrüßung wehen ihr Massen von Plastiktüten entgegen, denn 100.000 weitere Christen waren auch da - pünktlich natürlich, andere haben den richtigen Bus zum Madonnen-Trip erwischt. Aber Erika verschmerzt es. Gleich erklärt sie einer älteren Pilgerin, dass man ihr ein Blechamulett als goldenes angedreht hätte. Pilgerstätten sind auch nicht mehr das, was sie mal waren, und manchen ist eben nichts heilig.

Der Bus: Pilgerstätten sind auch nicht mehr das, was sie mal waren
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Der Bus: Pilgerstätten sind auch nicht mehr das, was sie mal waren

Doch Erika ist ihre Vision schon längst weg geweht wie die hunderttausend leeren Plastiktüten. Der Bus ist ein Wrack, Erika steht wieder neu im Leben.

Regisseur Stefan Kimmig, der in Hamburg unter anderem mit seinen Ibsen-Inszenierungen ("Nora" und "Hedda Gabler") äußerst erfolgreich agierte, dürfte dem Thalia Theater mit dem "Bus" einen weiteren Renner beschert haben. Der Spannungsbogen des Stückes riss nie ab, der geschickte und variantenreiche Gebrauch der vielen Blackouts zu Szenentrennung und Akzentverschiebung trieb die Handlung dynamisch voran. Gleichzeitig gönnte er seinen Schauspielern große Momente.

Auf der offenen, lediglich durch eine dachartige Schräge geprägten Bühne (Katja Haß) wurde jede Handlung gewichtig, entwickelte sich Bewegung, hatten die Akteure Raum und Freiheit. Die gleichzeitige Enge in Köpfen, den Druck und die quälende Frustration illustrierte die klare und präzise Lichtführung von Matthias Vogel - das Paradox vom Wunsch nach Größe und Weite, der an den tatsächlichen Limits der Menschen scheitert, war förmlich mit Händen zu greifen. Die Menschen bewegen sich unsicher in ihrer Welt, und wenn sie ohne spirituelle Führung über sie hinaus blicken wollen, kann das zum Tod führen. Nicht unbedingt eine fortschrittliche und dem Intellekt schmeichelnde Botschaft, die Lukas Bärfuss anbietet, aber seine Heldin Erika lebt durch ihr Scheitern fort, mit oder ohne Gott.

Auch die Unerbittlichkeit wird manchmal ganz einfach vom Winde verweht.



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