Perceval-Premiere am Thalia Theater Alleinsein ist alles

Hans Falladas Gefängnisroman "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" ist bittere Kost. Auch die Adaption am Hamburger Thalia Theater macht daraus kein hippes Sozial-Sushi. Luk Percevals Regie würzt den Stoff mit Witz und Ironie.

Armin Smailovic

Ein Mann allein, von Anfang an: Symbolhafter kann kein Hauptdarsteller am Bühnenrand stehen, bereit zu kippen. Wie Thalia-Schauspieler Tilo Werner diesen Willi Kufalt ("Nicht Wilhelm! Ich wurde auf Willi getauft!") aus der Mitte der Szenerie förmlich in aller Stille explodieren lässt, das strebt sofort eine Fallhöhe an, die Böses ahnen lässt.

Kufalt war fünf Jahre im Gefängnis, schwerer Betrug und Unterschlagung, und soll jetzt wieder bürgerlich, frei und gesetzestreu werden. Eine unlösbare Aufgabe, wie Hans Fallada in seinem Roman "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" (1934) darstellt. Idealer Stoff für Regisseur Luk Perceval, der bereits Falladas Nazi-Widerstand-Werk "Jeder stirbt für sich allein" souverän auf die Thalia-Bühne brachte. Der Fall Kufalt allerdings liegt anders.

Das gesellschaftliche Gift, gegen welches der resozialisationswillige Willi Kufalt ankämpfen muss, kommt in kleinen widerlichen Dosen. Angefangen von der Gefängnisverwaltung, die ihm die gesetzlich verbrieften neutralen Papiere ohne letzten Aufenthaltsort verweigert, über ausbeuterische Arbeitgeber bis hin zu bigotten, nur scheinbar hilfsbereiten Kirchenmännern scheinen alle bemüht, es dem abgestürzten verirrten Kriminellen so schwer wie möglich zu machen, seinen Weg in eine bürgerliche Existenz wiederzufinden. Jeder kämpft für sich: Da lodert die Angst vor dem eigenen Versagen, da muss man sich dauernd seiner Anständigkeit versichern.

In den Folterkammern des Volkes

Luk Perceval lässt das Personal dieser sozialen Volksfolterkammer meist auf schnell rollenden Bürostühlen agieren, immer behände, nicht immer bequem, aber ständig in Bewegung, auf der Flucht vor der Nähe, dabei immer zu Diensten. Da ist ein entschleunigter Ex-Knacki als buchstäblicher Fremdkörper schnell als Außenseiter stigmatisiert.

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Perceval-Premiere am Thalia Theater: Vom braven Willi zum Wutbürger Kufalt

Mit nur fünf weiteren Mitgliedern des Thalia-Ensembles brennt Regisseur Perceval ein fahles Feuerwerk einer bilderbuchartigen Szenenfolge ab, die Willi Kufalts Versuche dokumentieren, sowohl als Adressen schreibender Büroarbeiter wie als beziehungssuchender Mitmensch zu funktionieren. Alle spielen einen ganzen Strauß von Rollen, und das allein bietet schon so viel prallen Theaterstoff, dass der Zuschauer manchmal dankbar die Lacher aufnimmt, die ihm vom perfekt agierenden Ensemble serviert werden.

Dankbar für Lacher

Bernd Grawert lässt Kufalts grenzdebilen Gefängniskumpel Beerboom mit grauenhafter Komik aufblitzen, schlüpft dann in die Rolle des Gefängnisdirektors Greve, spielt Handwerker und Händler. Kaum weniger wandlungsfähig rauschen seine Schauspielerkollegen Stephan Bissmeier, Kristof Van Boven und Oliver Mallison durch die Fülle ihrer Rollen, und das brillante Darstellerhandwerk triumphiert zuweilen über die bittere Botschaft der Texte. Da sind reflektierend erklärenden Monologe von Thilo Werners melancholischem Kufalt seltsam fremde, retardierende Elemente.

Denn Werner muss ja inmitten dieser zuckenden, zum Teil slapstickartigen Aktion die Wandlung des braven Willi zum Wutbürger Kufalt glaubhaft machen, der zum Schluss auf verzweifelter Eruption seiner Enttäuschung die Zimmerwirtin umbringt, die einzige Person, die es gut mit ihm meinte. Überhaupt, die Frauengestalten: Auf den Schultern von Christina Geiße ruhen die drei wichtigen Frauenrollen, die traurigen Chargen müssen die Männern meistern.

Bei so viel Rollenkraft bleibt wenig Raum fürs Bühnenbild. Annette Kurz beschränkte sich auf einen weiteren, düsteren Raum (mehr Dunkelheit als Licht von Paulus Vogt), darüber ein großer, heller Fleck mit der grafischen Anmutung eines Kettenkarussells mit Sitzen und auch zwei Ringen: wie zwei Galgen. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich dieses allzu plakative Visual als kommendes Schicksal Kufalts auszumalen, der nach dem Mord an der Zimmerwirtin wieder ins Gefängnis muss und sogleich den Selbstmord als logische Zukunftsperspektive in seine Planungen einbezieht. Alles auf Anfang, "Klein ist das Leben", sagt Kufalt am Schluss.

"Lache, Bajazzo!"

Wie wohltönende Ohrfeigen dabei die kunstvoll und mit tenoraler Kraft vorgetragenen Operettenarien von Hendrik Lücke, der den Léhar/Millöcker-Kosmos mit klarer Wucht ("Zwei Märchenaugen!") vorträgt. Es geht bis zur bekannten "Lache, Bajazzo!"-Arie von Leoncavallo, die Lücke mit beängstigender Noblesse schmettert. Dabei wackelt nicht einmal sein Beerdigungszylinder. Extrabeifall gab es für ihn in Fülle.

Diese Diskrepanzen aus Tragödie und Komik, von Luk Perceval sicher genau so intendiert, vereinigen sich allerdings nicht zu einer großen Wirkung, sondern behindern sich gegenseitig, was die zähen Momente des Nummernprogrammes betont und die dramatische Wirkung leicht zerdehnt. So gab es am Schluss viel verdienten Beifall fürs großartige Ensemble, eher respektvolle Anerkennung in Richtung Regieteam.


"Wer einmal aus dem Blechnapf frisst": Im Thalia Theater in Hamburg, nächste Vorstellungen unter anderem am 25.2, 1.3. und 17.3.



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