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17. September 2016, 11:50 Uhr

Theaterpremiere

Es tut mir um euch nicht leid!

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Aktueller geht es nicht: "Wut/Rage" heißt das Stück, mit dem das Hamburger Thalia Theater in die neue Saison startet. Die Texte von Elfriede Jelinek und Simon Stephens verlangten dem Ensemble alles ab.

Aus der Ruhe in den Sturm: Als Thalia-Star Karin Neuhäuser mit bedächtiger Sorgfalt die schwarz-gelben Absperrbänder wieder einrollt, scheint alles vorbei. "Brandwache" steht hinten auf ihrer Uniform, offenbar war da Feuer, Unruhe, Chaos.

Mit der ruhigen Stimme einer Sachverständigen zieht sie Bilanz, kalt, zynisch, professionell, politisch. Wir sind sogleich mitten im Text und der Aktion, es geht um Sprachstücke von der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und dem britischen Theaterautoren Simon Stephens, die die vielgestaltige "Wut" der Menschen zum Thema haben, und was könnte in diesen Wochen aktueller sein.

Aber "Wut"-Texte, Diskurse womöglich, auf der Theaterbühne? Klingt pädagogisch zäh, wird aber hier schnell zum wahren Wirbelwind. Und das Ensemble wirbelt mit.

Jelinek schrieb ihre Texte unter dem Eindruck der islamistischen Terroranschläge auf das Pariser Satiremagazin "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt der Stadt im Januar 2015, Stephens reagierte mit seinen "Rage"-Erforschungen auf Ereignisse in Manchester während der Silvesternacht desselben Jahres, die vom Fotografen Joel Goodman dokumentiert worden sind und im Internet schnell die Runde machten.

Goodman fing in grellen, lauten Farbfotos authentische Szenen der Entgrenzung, des Verfalls, der Gewalt und der Verzweiflung ein, die schon jetzt als Zeitdokumente eigener Art und von überragender künstlerischer Qualität gelten. Dankenswerterweise sind sie farbig im Programmheft des Thalia dokumentiert. Alles noch vor dem Brexit-Fall, aber munter auf dem Weg dorthin. "Es sind im Moment großartige Zeiten für Dramatiker in England!" sagte Stephens, der bei der Hamburger Thalia-Premiere seiner Szenen zu Gast war.

Text-Surfen und wilde Choreografie

Regisseur Sebastian Nübling, der zuletzt 2014 mit einer seltsam salzlosen "Carmen"-Version am Schauspielhaus (ebenfalls nach einem Stephens-Text) in Hamburg zu erleben war, griff in diesem Fall beherzter zu und knetete aus den Textmassen der beiden wortmächtigen Theater-Schlachtrösser aus Österreich und England eine variantenreiche Nummernrevue, die abwechselnd beide zu Wort kommen lässt. Bewegung ist das Zauberwort, es wird getanzt und getaumelt, geflüstert und geschrien, uriniert und getobt, geliebt und gekuschelt, wild gerannt und entspannt geschlafen. Wie im Leben eben, aber doch geronnen zu scharfen Konzentraten und immer wieder hellen Wortblitzen inmitten der Randale.

Wie Sebastian Nübling sein achtköpfiges Schauspieler-Ensemble führt und choreografiert, bereitet puren Spaß. Die Exkurse über Religion, Terror, Philosophie und Gesellschaft, für die meistens Jelinek zuständig ist, kontrastieren bestens mit den zwischenmenschlichen brutalen Brüchen und Konfrontationen, die Stephens serviert. Choreografie ganz im Wortsinne: Man bewegt die Hüften im Twist-Modus, ein alter Modetanz vom Anfang der Sechzigerjahre, der heute wie gymnastisch intensives Surfen anmutet, und tatsächlich surfen ja die Akteure hoch oben auf den Texten, tauchen in die Wellen ein, werden zuweilen überspült. Jede Menge Bilder purzeln als mobile Menscheninstallation über die Bühne (spartanisch erdacht von Eva-Maria Bauer), die im übrigen fast leer ist, aber eine rasante Schlusspointe liefert.

"Es ist so billig, dass ich das alles sagen darf", spuckt Kristov Van Boven mit sanftem niederländischen Akzent aus, "Gott ist groß, aber ich kann ihn doch nicht richtig sehen!", zimmert er mit sanfter Intensität Statements und Sarkasmen an die imaginären Wände des entgrenzten Bühnenraumes, der immer mehr zur eigenen surrealen Welt mutiert. Wummernder elektronischer Herzschlag-Beat kontrastiert mit superperfekten, vom Ensemble reintönig und engelsgleich intonierten Westcoast-Vokalharmonien: Auch die hinreißend gewählte und komponierte Musik (Lars Wittershagen) formt Statements zu Wut und reagierender Sanftmut.

Grandioses Feuerwerk zum Schluss

Jeder der gut zusammengestellten Thalia-Bühnentruppe darf immer mal wieder explodieren: Sei es die exaltierte Franziska Hartmann in elektroschockierter Zuck-Manier als rasender Proll-Vamp, Sebastian Zimmler in mehreren Rollen als verschlagener Halbseidener oder straffe Ordnungskraft, oder der Sven Schelker als final böswilliger Terrorist in eiskalter Drohgebärde, der genüsslich das Endzeit-Szenario für die westliche Welt malt. Mit schneller Präzision, subtiler Akzentsetzung und immer wieder überraschender Bildkonstruktion jagt Regisseur Nübling seine Truppe durch die Texte, Provokationen und meist nur skizzenhaft angerissene Situationen, wobei stets viel bis alles an den Akteuren hängt, aber dadurch zu purem Darstellerdrama wird. Zwei dicht gepackte Theaterstunden rauschten rasch vorbei.

Lediglich zum Schluss wollten Nübling und seine Dramaturgin Julia Lochte einen Schlenker zu viel verbauen: Als das silvesterliche Jahresendfeuerwerk in perfekter Lichtregie als grandiose Pointe über die Bühne glitzert, das Ensemble "Auld Lang Syne" wie ein Engelschor zelebriert, folgt noch ein überladener, vollfetter Monolog eines hiesigen Mittelstands-Haters, in der bigotten Tonality "Es tut mir um euch nicht leid!" endet. Die erste Welt sollte wohl wieder das letzte Wort haben.

Rauschender Beifall eines leicht erschöpften Publikums für das gesamte Ensemble. Den Thalia-Start in die neue Saison kann Intendant Joachim Lux als Erfolg verbuchen.

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