Premiere im Thalia Theater Holterdiepolter ins Messer

Charles Manson, der Guru des Hippie-Mord-Grauens, als Musical-Figur montiert: Das versuchte Regisseur Stefan Pucher am Hamburger Thalia Theater. Leider hat er die Inszenierung gründlich vergeigt, buchstäblich.

DPA

"Das ist nicht meine Welt, damit habe ich nichts zu tun!" Was Thalia-Schauspieler Jörg Pohl an diesem Abend in der Maske des Charles Manson sagt, könnte als Motto über dem Leben des Todesgurus stehen. Regisseur Stefan Pucher hat dessen markante und bekannte Mordstationen als Musical mehr oder minder flott arrangiert auf die Bühne des Hamburger Thalia Theaters gebracht.

Charles Manson, Macho, Rassist, Prediger und Mordanstifter, litt als misshandelter Jugendlicher und verkrachter Musiker, rächte sich an der verhassten Gesellschaft als Charismatiker des Todes - und degeneriert hier nebenbei zur begnadeten Plaudertasche. Dies sollen die überlieferten Texte und Interviews belegen, die die Grundlage dieser "Summer Of Hate"-Revue bilden.

Manson steht zeitlebens neben sich und zieht doch alle in seine Kreise, bis sie für ihn morden oder selber sterben. Mit Manson endete die kalifornische Hippie-Idylle Ende der Sechzigerjahre. Was seine Faszination begründete, das allerdings konnten der Regisseur und sein Team nicht ansatzweise bildhaft machen.

Themenabend bei Arte

Alles über Manson steht unter anderem in einigen "Rolling Stone"-Artikeln. Und vor allem in dem 1971 erschienenen Buch "The Family" vom Musiker, Poeten, Polit-Aktivisten und Bandgründer ("The Fugs") Ed Sanders, der mit akribischer Lust am Horror die Story von Mansons Kommune, ihren strengen Regeln und ihren tödlichen Exzessen in Sachen Drogen und Blut aufzeichnete.

Manson und seine Gefährten 1969 im kalifornischen Topanga Canyon, das war das schwarze Spiegelbild der Idylle des Monterey-Festivals und des Haight Ashbury Districts von San Francisco - Hass und Tod gegen Liebe und Frieden, grausam aktuell, verstörend zeitlos. Was an dem Phänomen Manson eventuell über sich selbst hinausweist, lässt Pucher wohl bewusst offen. Er vermeidet wohlfeile Aktualisierungen und tappt damit in die Doku-Falle: Man wähnt sich ständig in einem Themenabend beim TV-Sender Arte. Interessant, aber nicht bühnentauglich.

Das Thalia-Team müht sich wacker durch die Texte und eher langweiligen Manson-Songs, ist aber von der Regie zu einem vortragsorientierten Frontaltheater verdonnert. Die drei Manson-Darsteller Sebastian Rudolph, Tilo Werner und Jörg Pohl geben buchstäblich alles, singen, tanzen, verrenken sich im exaltierten Streben, die Innenwelt des Monsters nach außen zu stülpen. Doch in diesem Singspiel ohne Handlung laufen ihre Bemühungen ins Leere.

Die Manson-Texte wirken flach, gerade weil sie deklamatorisch aufgeblasen werden, und die verzweifelte Choreografie, mit der Sebastian Rudolph am Ende im Harlekin-Overall mit Uncle-Sam-Jacke den Manson tanzt, verpufft zur schlichten Komik. Wenn das gewollt war, war es zu wenig.

"Hair" auf Valium

Was an ätzend scharfer Musik in diesen wirren Jahren im Umlauf war, zeigen die Songs, die die Manson-Beispiele in der Revue flankieren. Wenn etwa Neil Youngs "Revolution Blues" (von seinem besten Album "On The Beach") über die Auslöschung der Prominenten im Laurel Canyon mittels "25 Rifles" phantasiert, klingt das ebenso bösartig wie satirisch.

Die junge Hamburger Band Trümmer ist für die Musik des Abends zuständig, und sie schlägt sich achtbar, wenn auch offenbar gebremst. Ein großer Teil der Bühnenmusik klingt sehr sanft, gesättigt von Harmony-Gesang, als athmosphärische Reverenz an die Zeit. "Hair" auf Valium. Viele Elemente von The Mamas and The Papas, Electric Prunes oder auch als Original der Song "Triad" von David Crosby, in dem er das Idyll der friedlichen Liebe zu dritt feiert. Mosaiksteine, oft mit Textbegleitung am Bühnenbild, überlebensgroß aufgeblasen.

Überhaupt sind - schließlich regiert die Nostalgie - Videoprojektionen wieder da. Die Interviews mit Manson, bei denen sich die drei Darsteller locker abwechseln, verwischen zwischen historischer Anmutung und Bühnenbild. Sie sind untermalt von rauschhafter Musik, was hypnotische Kraft erzeugen soll, aber eher die Distanz einer Installation erzeugt.

Kurz vorm großen Rassenkrieg

Die Rollen der tötenden Frauen Mansons teilen sich Miriam Strübel, Maja Schöne, Tabitha Johannes sowie Alicia Aumüller und die famose Franziska Hartmann, deren sanft melancholische Violine bereits der leicht öden "Fraktus"-Produktion am Thalia erheblichen Pep verpasste. Hier half das leider auch nicht, in Ehren vergeigt.

Bester Moment der Bühnenmusik, an der sich alle Akteure beteiligten, war in der Tat der Beatles-Song "Helter Skelter", der Mansons Motto des von Manson halluzinierten Rassenkrieges Schwarz gegen Weiß musikalisch symbolisieren sollte - Holterdiepolter ins Messer, in den Tod, den seine Jünger den verhassten Promis bringen sollten. Mehr allerdings als diese bereits oft vermittelte Botschaft in aller ihrer grandiosen Banalität hatte auch Puchers Musical nicht zu bieten.

Charles Manson war eben kein Philosoph, kein Denker, er war ein wütender Racheengel mit starrem Blick und hartem Willen, den die verlorenen Seelen fanden, die einen Führer suchten. "Wenn er einen guten Produzenten für seine Songs gefunden hätte, wäre er ein Rockstar geworden!", orakelte Neil Young einmal über Manson. Auch diesen Beweis blieb die Produktion schuldig.

Am Ende gab es freundlichen Beifall für alle, wenn auch dieser Abend trotz des engagiert aufspielenden Ensembles ein drückendes Vakuum zurückließ. Wer sich mit Charles Manson bekannt machen wollte, der bekam einen nervtötenden Freak vorgestellt - der immer noch im Gefängnis gehalten wird, weil er als gefährlich gilt. Die Angst kann er bis heute wach halten.



insgesamt 2 Beiträge
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Orsino 27.09.2014
1. Die Idee geklaut
... von einer Produktion des Westfaelischen Landestheaters Castrop-Rauxel (Premiere Juli 2011). Besetzungsschema, inhaltliches Konzept, die Verwendung der Original-Texte der Family-alles schon dagewesen. Die WLT-Produktion war allerdings gelungen und aufregend. Aber an ein kleines "Provinz"-Theater fahren die überregionalen Medien ja nicht und geben daher einer solchen Produktion wie der von Herrn Pucher Raum. Lieber an einem großen Theater in einer schönen Stadt gelangweilt als spannendes Theater in der Pampa schauen, scheint die Devise. Vielleicht spendiert das Thalia Theater dem kleinen WLT trotzdem mal eine Flasche Sekt als Dankeschön für die "Inspiration":
chuckal 28.09.2014
2. Videoprojektionen
"sind wieder da". Waren die mal weg?
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