Starbesetzte Premiere in Wien Lipizzaner der Schauspielkunst

Anne Lenk inszeniert am Wiener Burgtheater mit Publikumslieblingen eine brave Komödie von Sally Potter. Sind die Linksliberalen wirklich so fad wie in diesem Stück?

Szene aus "The Party"
Matthias Horn

Szene aus "The Party"


Die Positionen sind klar abgesteckt: Martin Kusej, der neue Direktor des Wiener Burgtheaters, mag die FPÖ nicht, er will sich quer stellen, er hat Angst vor neuen faschistischen Ausschreitungen in Österreich. Manchmal, so sagte er kürzlich in einem Interview gar, erinnere ihn die Situation schon fast an die Machtübernahme in den Dreißigerjahren. Kusej sieht sich und seinen Spielplan zusammengenommen als eine Art Bollwerk gegen nationalistische Umtriebe.

"Neue Wut fassen" lässt also das Theater eine Woche vor der Nationalratswahl gegenüber an die Fassade des altehrwürdigen Cafés Landtmann projizieren. Und wartet man einen Moment, dann erscheint die Schrift "Deus ex Ibiza". Ein schönes Wortspiel und irgendwie auch ein Beleg dafür, dass die Österreicher selbst im tiefsten Sumpf noch ihren garstigen Humor rettend emporhalten können.

Die ersten beiden Produktionen bezogen dann auch deutlich Position: In Euripides' "Bakchen" marschierten zur martialischen Warnung identitäre Horden auf und grölten zum Kampf gegen ein demokratisch regiertes Land; in "Die Vögel" wurde mehrsprachig um Versöhnung zwischen unterschiedlich geprägten und denkenden Menschen geworben. Ein starkes Setting, wie man heute sagt; vielleicht etwas holzhammerartig und verbissen angriffslustig, im Abgang aber honorig.

Da ist es wieder: das sonorige, wohlige Nuscheln der Schauspieler

Ganz anders nun die dritte Premiere im großen Haus, wo Anne Lenk Sally Potters "The Party" inszenierte: Auf einmal wähnte man sich wieder in guten alten Burgtheater-Zeiten, von aktueller politischer Haltung keine Spur, dafür gepflegte Theaterkunst und bisweilen auch nochmal dieses sonore, wohlige Burg-Nuscheln, in das sich die Schauspielerinnen und Schauspieler gerne fallen lassen, auch wenn man in der achten Reihe schon kein deutliches Wort mehr versteht.

Aber man sollte sich ja auch nur freuen, sie alle wiedersehen zu dürfen: die Wiener Stars, die Kusej in sein Ensemble übernommen hat und die den notorischen Theaterfans so ans Herz gewachsen sind. Es marschierten also die Lipizzaner der hohen Schauspielkunst am Ring auf: Peter Simonischek und Dörte Lyssewski, Regina Fritsch und Markus Hering, Barbara Petritsch und Katharina Lorenz, dazu Christoph Luser, der einzige Neue. Eine hochkarätige, langjährig am Ring beschäftigte Garde wurde da komplett untergebracht in einem einzigen Stück - und man hatte den Eindruck, dass dies der einzige Grund war, dieses Werk überhaupt auf die Bühne zu bringen.

Sie agierten eher ein wenig lustlos in einer Geschichte, die ein well-made play sein will, tatsächlich aber ziemlich schlecht gebaut ist. Einer Yasmina Reza etwa, die in diesem Genre der geistvollen, bissigen Gesellschaftskomödien den Ton angibt, kann die britische Autorin und Filmemacherin Sally Potter (die immerhin "Orlando" mit Tilda Swinton gezaubert hat) hier nicht die Pointe reichen.

Koks, Esoterik, heimliche Geliebte - alles drin

Janet hat es geschafft. Sie wurde gerade in England zur Gesundheitsministerin gekürt, freilich zunächst nur fürs Schattenkabinett der Opposition, aber deswegen gibt sie trotzdem in ihrem Haus für engste Freunde eine Party: Lauter linksliberale Intellektuelle mit kleinen bis bedenklichen Macken sind gekommen. Die zynische Freundin, das lesbische Pärchen, das Drillinge aus der Retorte erwartet, der durchgeknallte esoterische Aromatherapeut, der Banker, dem das Koks aus der Nase staubt.

Mittendrin Janet (Dörte Lyssewski), die Frau der Stunde und des Abends, die sich in der Küche abmüht und ihrem heimlichen Freund Liebes-SMS schickt, und ihr Gatte, der an sich wuchtige, jetzt aber depressiv im Knautschsack kauernde Professor mit dem etwas abseitigen Musikgeschmack.

An diesem Bill - Simonischek spielt ihn erstaunlich beiläufig - entzündet sich das Knallfeuerwerk des faden Abends. Er gesteht, dass er todkrank ist und in den Armen seiner jungen und hübschen Geliebten schön sterben will. Bestürzung, Verständnis allenthalben: Man ist schließlich aufgeklärt, aber eben auch schon ein bisschen in die gesetzten Jahre der Vernunft und Treue gekommen.

Im Konversations-Pingpong geht es fortan zäh um falsche Lebensentwürfe und verschenkte Visionen, um verlorene Illusionen und all die Lügen, die man sich selber oder seinem Nächsten auftischt und auch noch glaubt. Das Ganze hat so viel Witz wie ein abgestandenes Kracherl und soviel Gehalt wie eine Schlagzeile der "Kronen Zeitung"; politisch bleibt man brav und vage an der Oberfläche, der Brexit kommt überhaupt nicht vor - vielleicht hätte wenigstens der dem klischeegewogenen britischen Unternehmen noch ein wenig Brisanz untergejubelt.

Der Regisseurin fällt es sichtlich schwer, den Überblick zu behalten

Das wirre Durcheinander von knappen Dialogsequenzen findet in einem sonderbar verschachtelten Bühnenbild statt: Die Wohnung hat Bettina Meyer auf verschiedene Stockwerke verteilt, wobei der Eingang hoch in der Mitte und auch rechts oben zu sehen ist, das Badezimmer geteilt auf zwei Seiten, der Gang aus mehreren Perspektiven, das Ankleidezimmer als eine Art Schleuse zwischen Außen- und Innenwelt. In diesem Puzzle-Interieur fällt es Regisseurin Anne Lenk sichtbar schwer, den Überblick zu behalten und die Anschlüsse zwischen den Blackouts auf den Ebenen nicht zu verpassen.

Für das Schaulaufen einiger der Großen deutschsprachiger Bühnenkunst hätte man sich in Wien schon ein besseres, ein adäquates Stück und eine pfiffigere Inszenierung gewünscht. So aber bleibt das "neue" Burgtheater ganz das uralte, vor dem sich nichts und niemand fürchten braucht.

The Party. Nächste Vorstellungen am 24. und 26.9. sowie 1., 8., 11. und 16.10., www.burgtheater.at

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Hudson, Jane 24.09.2019
1. Ein VErgnügen!
Eine ganz wundervolle Headline, die jedem die Bodycopy dazu erspart. Herrlich verdichtet. Ein Vergnügen!
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