"The Spirit" Comiclegende Will Eisner gestorben

Als 1940 der Detektiv Danny Colt alias "The Spirit" sein erstes Abenteuer bestand, begann eine Revolution des Comic-Genres. 1978 krempelte Will Eisner mit den autobiografisch gefärbten Erzählungen "Ein Vertrag mit Gott" die Comic-Landschaft noch einmal um. Jetzt ist der Autor und Zeichner im Alter von 87 Jahren gestorben.


Comiclegende Will Eisner: Zeitlose Dramen für die 55-Jährigen
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Comiclegende Will Eisner: Zeitlose Dramen für die 55-Jährigen

Vielleicht ist die beste Voraussetzung für Unsterblichkeit der Tod. Der Detektiv Denny Colt fiel einem Säureattentat zum Opfer, New York trauerte um seinen prominentesten Verbrecherjäger. Doch Colt war nicht gestorben, sondern nur abgetaucht. Als "The Spirit", bewehrt mit Gesichtsmaske und Handschuhen, kehrte er zurück und jagte die Gangster dieser Welt noch unerbittlicher als zuvor.

"The Spirit" von Will Eisner revolutionierte 1940 das Comic-Genre: Statt spektakulären Superhelden-Abenteuern à la Superman schwebten dem New Yorker Zeichner moralische Moritaten über Gut und Böse, Recht und Unrecht im Stil von Hollywoods Film-noir-Thrillern vor. Um sich deutlich vom Mainstream abzugrenzen, zeichnete Eisner nicht für ein Comicstrip-Syndikat oder einen Verlag, sondern kreierte ein wöchentlich erscheinendes Comic-Heft, das den Sonntagsausgaben amerikanischer Zeitungen beigelegt wurde.

Cover der Comic-Reihe "The Spirit": Film noir für Leser

Cover der Comic-Reihe "The Spirit": Film noir für Leser

Die amerikanische Comic-Kultur hat der 1917 als Sohn jüdischer Einwanderer geborene Eisner wie kein anderer geprägt. Als New Yorker Zeitungsjunge waren ihm die klassischen Comicstrips der zwanziger und dreißiger Jahre bestens vertraut. Schon damals waren Comics für den aufstrebenden Zeichner mehr als eine Art, schnelles Geld zu verdienen. Eisner nahm als einer der ersten die Bildstories als eigenständige literarische Ausdrucksform wahr, die enorme kreative Möglichkeiten bot. Als jedoch in den fünfziger Jahren die Behauptung des Psychiaters Frederic Wertham, Jugenddelinquenz und Comic-Lektüre stünden in unmittelbarem Zusammenhang, zu einer rigiden Selbstzensur der amerikanischen Verlage führte, wandte sich Eisner von der offiziellen Szene ab.

Erst 1978 startete der Zeichner und Autor sein Comeback - und wie in den vierziger Jahren rüttelte er den Comic-Markt gehörig auf. "Ein Vertrag mit Gott" hießen die vier autobiografisch gefärbten Erzählungen, in deren Zentrum ein New Yorker Mietshaus steht. Vorurteile, Rassismus und persönliche Lebensdramen waren die Themen der Geschichten, mit denen Eisner die so genannte Graphic Novel, den Comic-Roman, aus der Taufe hob.

"The Spirit"-Titel: Mit einem Toten unsterblich werden

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Bis ins hohe Alter bewahrte sich Eisner Humor und Schaffenskraft. Zu seinem legendären "Spirit"-Comic bemerkte er 1998 in einem AP-Interview: "Am Anfang habe ich Comics für 15 Jahre alte Deppen aus Kansas gemacht." "The Spirit" ziele jedoch auf 50-Jährige, denen man die Brieftasche in der U-Bahn gestohlen habe. Und letztes Jahr gab der Künstler, nur wenige Monate vor seinem Tod, gegenüber der "Neuen Zürcher Zeitung" zu Protokoll, "die intellektuellen Möglichkeiten der Comics kaum ausgeschöpft zu haben und immer noch am Anfang zu stehen."

Am Montag starb Eisner in Lauderdale Lakes, Florida, an den Folgen einer Bypass-Operation. Er wurde 87 Jahre alt.



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