"Theater der Welt" in Hamburg eröffnet Tanz die Apokalypse

Zum Auftakt des Festivals "Theater der Welt" zeigt der samoanische Theaterstar Lemi Ponifasio in einem alten Kakaospeicher sein Projekt "Die Gabe der Kinder". Der eigentliche Star des Abends ist die Halle.

Kerstin Behrendt

Früher war alles leichter. Als 1981 das erste "Theater der Welt"-Festival in Deutschland stattfand, in Köln, waren Theaterproduktionen aus Amerika, Afrika oder Asien noch vom Publikum bestaunte exotische Events. Seitdem hat das Festival im Durchschnitt alle drei Jahre stattgefunden, und für die Zuschauer sind internationale Produktionen so normal geworden wie der Umstand, dass man jederzeit um die Ecke vietnamesisch, italienisch oder amerikanisch essen gehen kann.

Bei der 14. Ausgabe von "Theater der Welt", die am Donnerstag in Hamburg eröffnet wurde, machen sich die ausrichtenden Theater sogar selbst Konkurrenz: Das staatliche Thalia Theater hat die Lessingtage etabliert, bei denen sich das Publikum unter anderem mit den Bühnentraditionen Chinas vertraut machen konnte, und die freie Produktionsstätte Kampnagel wird auch in diesem Jahr wieder ihr "Internationales Sommerfestival" veranstalten, bei dem sich das Publikum in der Vergangenheit zum Beispiel von einer japanischen Performance-Truppe mit Algen bewerfen lassen konnte.

Wie toppt man so was? Wie schafft man es, den Zuschauern "Theater der Welt" zu bieten, das es noch nicht kennt? In Hamburg hat man mit einem exotischen Doppelschlag begonnen: Auf Kampnagel gab es am Donnerstagabend das Musiktheaterspektakel "Ishvara" des Chinesen Tianzhuo Chen zu sehen, einem Mann, der offenbar gerade am Anfang einer internationalen Festivalkarriere steht. Von einem "visuell-akustischen Rausch" war in der Ankündigung die Rede; die Kritiker, die die Produktion zuvor schon bei den Wiener Festwochen zu sehen bekommen hatten, waren aber offenbar eher auf einen schlechten Trip gekommen.

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Fast zeitgleich fand in einem ehemaligen Kakaospeicher im Hamburger Hafen das zweite Großevent statt, eine Weltpremiere: "Die Gabe der Kinder", bis vor Kurzem noch als "Children of Gods" angekündigt, des samoanisch-neuseeländischen Star-Regisseurs Lemi Ponifasio, der in Deutschland und anderswo ein regelmäßiger Festivalgast ist.

Der Abend beginnt mit einem Dröhnen

Die Abendsonne scheint durch die milchigen Fenster in die Riesenhalle (so groß wie ein Fußballfeld), die sich ihren schmuddeligen Industriecharme bewahrt hat: die Rolltore, die um zwanzig vor fünf stehengebliebene Uhr an der Wand, die Nummerierung der Produktionsgassen unter der Decke. Vögel fliegen und zwitschern durch den Raum.

An einer Längsseite ist die Zuschauertribüne aufgebaut. Der Abend beginnt mit einem Dröhnen, wie es gern im Theater eingesetzt wird, wenn das Gefühl diffuser Bedrohung vermittelt werden soll. Dann zeichnen sich im Halbdunkel sieben schwarz gewandete Frauen ab, Performerinnen von Ponifasios Truppe MAU. Sie gehen langsam, ganz langsam frontal auf das Publikum zu und singen ein sehr schönes sanftes gleichförmiges Maori-Lied, ein Lamento vielleicht. Danach gehen sie den gleichen Weg zurück, Arm in Arm jetzt, sich harmonisch wiegend.

Eine Gruppe von rund 50 Jugendlichen tritt auf, ebenfalls ganz in Schwarz gekleidet. Am rechten Rand der Spielfläche ziehen sie wie in Zeitlupe nach hinten in die dunklen Tiefen der Halle, wo jetzt Nebel aufsteigt: eine Prozession, ein Trauermarsch vielleicht. Die Musik wird von Bombeneinschlägen unterbrochen, eine Frau beschmiert ihr Gesicht mit Kunstblut.

Als "Transformationsritual" will Lemi Ponifasio diesen Abend verstanden wissen, als "eine Zeremonie angeführt von Kindern als eine gemeinschaftliche Antwort auf die derzeitige Szenerie aus Gewalt, Terror, zur Flucht gezwungenen Menschen", schreibt er in seinem vorab verteilten "Künstler-Statement".

Gegen so eine gute Absicht ist natürlich wenig einzuwenden, und den vielen Menschen dabei zuzuschauen, wie sie durch die Halle schleichen (später auch bei effektvollem Gegenlicht), hat etwas extrem Meditatives. Der Abend grenzt in seiner Simplizität dann aber doch an Banalität. Der Star-Choreograf Ponifasio scheint bei diesem Projekt auch nicht besonders inspiriert gewesen zu sein.

Wasser aus den Pfützen

So wird die Halle zum eigentlichen Star - etwa, wenn die jugendlichen Akteure aus großen Flaschen Wasser auf dem Boden verteilen und plötzlich wie eine Geheimschrift alte Reifenspuren sichtbar werden. Eine Hundertschaft Erwachsener in Alltagskleidung kommt herein, mit den Händen schöpfen sie Wasser aus den Pfützen.

Ansonsten haben sie so wenig zu tun wie die Jugendlichen, sie bleiben Staffage. Das liegt daran, dass sie ihrer ursprünglichen Aufgabe beraubt wurden: Sie sollten Auszüge aus dem hochkomplexen Musikstück "Apocalypsis" des zeitgenössischen kanadischen Komponisten R. Murray Schafer singen. Die Komposition wurde nach ihrer Uraufführung 1980 nur noch ein einziges Mal komplett auf die Bühne gebracht: beim Luminato-Festival in Toronto 2015. Regisseur damals: Lemi Ponifasio. Rund tausend Mitwirkende waren im Einsatz, mehrere Jahre Vorbereitungszeit waren nötig, das Projekt verschlang einen Millionenetat.

Die Rahmenbedingungen in Hamburg waren ganz anders. Dass man dachte, man könnte es trotzdem hinkriegen, kann man extrem optimistisch nennen oder naiv. Jedenfalls kam die nötige Anzahl an geeigneten Sängern und Musikern nicht zusammen, und so kommt die Musik nun vom Band (woher die Aufnahme stammt, wird nicht mitgeteilt). Und der Chor steht dekorativ in der imposanten Halle rum, während er zusammen mit dem Publikum der Musik zuhört. Was für eine Wucht sich entfaltet hätte, wenn die choralartigen Gesänge live erklungen wären! Die Konserve ist ein müder Ersatz.

Aber die Welt dreht sich weiter, vielleicht wird sie sogar irgendwann besser, und "Theater der Welt" hat noch weitere Großproduktionen im Kakaospeicher auf dem Plan.


Die Gabe der Kinder (AT: Children of Gods). Hamburg, Kakaospeicher auf dem Baakenhöft. Weitere Vorstellungen am 26., 27. und 28.5., www.theaterderwelt.de

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