Theater im Central Park Macbeth embedded

Bomben, Blut, Gemetzel: Die Front hat Manhattan erreicht. Genauer gesagt, die Freilichtbühne des Central Parks. Dort wurde am Wochenende "Macbeth" gespielt - als erschütternde Parabel auf das Grauen im Irak.

New York - Gegen Ende des Stücks, als Macbeth im Wahn den Wald von Birnam auf sich zumarschieren glaubt, gleiten die Kulissen zur Seite. Dahinter öffnet sich der Blick auf die Bäume des nächtlichen Central Parks. Und plötzlich erhebt sich ein Wind, Zufall der Natur, und lässt die echten Blätter rauschen wie einen Tsunami. Ein Schaudern geht durch die Menge. "Special effects by God", raunt jemand.

"Shakespeare in the Park", das alljährliche Open-Air-Festival auf der Delacourte-Freilichtbühne im Central Park, ist selbst für die coolen New Yorker stets ein Ereignis. Die 2000 Gratis-Tickets pro Vorstellung, für die die Fans seit Sonnenaufgang anstehen, sind schnell vergeben. Nicht nur wegen der Starbesetzung der Stücke, in denen bereits Meryl Streep, Al Pacino und Philip Seymour Hoffman aufgetreten sind. Sondern auch wegen der einzigartigen Atmosphäre, spätabends, mitten im größten Park der Welt.

Doch diesmal ist die Inszenierung noch eindrucksvoller als sonst. Das mag daran liegen, dass es die 50. Jubiläumssaison ist. Oder daran, dass "Macbeth" von Amerikas derzeit bestem Shakespeare-Darsteller gespielt wird, dem charismatischen Liev Schreiber ("Das Omen"). Oder vor allem daran, dass Shakespeares Meditationen über den Tod der Seele im Krieg aktueller wirken denn je - in diesen Zeiten, in dieser Stadt.

Von "Hair" zum Irak-Krieg

Dass die anfängliche Picknickstimmung auf den Rängen also in krassem Kontrast steht zum Blutvergießen auf der Bühne, ist Absicht. "Wir befinden uns im Krieg", sagt Oskar Eustis, der künstlerische Direktor des Public Theaters, das "Shakespeare in the Park" organisiert. Damit steht er in guter Tradition: Im Public Theater hatte nicht nur der Broadway-Hit "A Chorus Line" seine Premiere - sondern auch das Anti-Vietnam-Musical "Hair".

"Der Irak-Krieg erscheint mir - und wohl auch mehr und mehr Menschen in diesem Land - als das wichtigste politische Ereignis unserer Zeit", sagt Eustis. "Das müssen wir ansprechen." In einem Interview mit der "New York Times" wurde er sogar noch deutlicher: Da sprach er vom "imperialistischen Unterfangen im Irak".

Und da der Irrsinn des Kriegs keine neue Idee ist, hat Eustis zu "Macbeth" gegriffen, William Shakespeares 400 Jahre alter Tragödie eines Generals, der die Prinzipien des Krieges in die zivile Gesellschaft trägt, in Mord und Irrsinn versinkt und schließlich selbst einen brutalen Tod findet - enthauptet, als habe Shakespeare unsere grausige Gegenwart vorausgesehen.

Brangelina auf Schloss Dunsinane

Damit nicht genug. Nach "Macbeth" kommt im August ein weiteres politisches Drama in den Park: Brechts "Mutter Courage", übersetzt vom Pulitzer-Preisträger Tony Kushner ("Angels in America"), mit den Oscar-Preisträgern Meryl Streep und Christopher Walken in den Hauptrollen. Dem folgt im September eine Lesung von "Stuff Happens", dem kontroversen Drama über den Vorlauf des Irak-Kriegs. "Macbeth", "Mutter Courage", "Stuff Happens" - drei Epochen, drei Variationen des gleichen Motivs: Krieg ist grausam, sinnlos und führt unweigerlich zum Untergang, auch für die vermeintlichen Gewinner.

Das Thema des Abends ahnen die Zuschauer bei "Macbeth" schon, als sie ihre Plätze einnehmen. "KRIEG", kreischt es von den Plakaten. Soldaten in modernen Uniformen lungern auf der von Trümmern übersäten Bühne herum; einer marschiert auf und ab, das Publikum durch einen Feldstecher musternd. Aus den Lautsprechern dröhnen dumpfe Bombenexplosionen, untermalt von einer nicht identifizierbaren Propagandarede.

Dann verwischen die Jahrhunderte. Macbeth und seine stählerne First Lady (Jennifer Ehle, Tochter der britischen Theaterlegende Rosemary Harris) kommen in dieser Inszenierung als Glamour-Paar daher, wie frisch den Klatschblättern entsprungen: jung, elegant, Champagner trinkend und immer sexy, selbst mit Blut an den Händen. "Brad und Angelina geben Interviews - in iambischen Pentametern", schrieb der Kritiker Charles Isherwood dazu.

Shakespeare reloaded

Hinter der hübschen Hülle lauert der Wahn. Macbeth ist von Zweifeln geplagt, von seinen Plänen abhalten lässt er sich von ihnen jedoch nicht. Parallelen zur Aktualität sind durchaus beabsichtigt: "Unsere Führer lassen sich so von ihren Leidenschaften blenden, ob von Ehrgeiz oder Geiz oder von religiösen Ideen", instruiert Regisseur Moisés Kaufman die Zuschauer im Programmheft, "dass eine Kluft entsteht zwischen den Taten, die sie begehen, und den Menschen, die sie führen." Klartext: "Unsere Begründung dafür, in den Krieg zu ziehen und den Krieg fortzusetzen, scheint furchtbar weit entfernt von dem zu sein, was die Amerikaner wirklich brauchen."

Verrat, Machthunger, Aberglaube und freudlose Siege: Im nächtlichen Central Park gewinnen Shakespeares zeitlose Weisheiten über die menschliche Natur einen neue Brisanz. Und damit die düstere Message angemessen in Szene gesetzt werden kann, beginnt das Stücks bewusst später als sonst. So legt sich genau dann, wenn Lady Macbeth erste Mordpläne zu schmieden beginnt, Dunkelheit über den Central Park. Lighting effects by God.

Die Produktion endet, ähnlich wie Roman Polanskis "Macbeth"-Film, mit einer Variation der Vorlage: Die drei Hexen, die Macbeths Aufstieg und Untergang prophezeit haben, erscheinen erneut. "Wann treffen wir drei uns das nächste Mal?", krächzen sie fröhlich jenen berühmten Satz, mit dem das Stück beginnt. Schreckliche Perspektive: Die Geschichte wird sich wiederholen.

Kurz vor Mitternacht strömen die Zuschauer durch den Park zurück zur U-Bahn. Am Kiosk hängen bereits die Morgenzeitungen. Die Schlagzeile auf der Titelseite der "New York Times": "Autobombe im Irak tötet über 60."

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