Theater im Libanon Sex kennt keine Religion

Wüste Beschimpfungen und begeisterte Zuschauer: Trotz Abmilderung allzu pikanter Passagen sorgt die libanesische Adaption der "Vagina-Monologe" in Beirut seit Wochen für ausverkauftes Haus.

Von Markus Bickel, Beirut


Beirut - Das Lachen im Theatersaal des Hotels Monroe verstummt, als die sich an ihre Tasse klammernde Frau auf der Bühne von den Spätfolgen der Vergewaltigung erzählt, die sie als Kind erlitt. "Ich kann mit meinen Eltern darüber reden, dass die Israelis nach Beirut eingedrungen sind, aber dass ihr Freund in mich eingedrungen ist, kann ich ihnen bis heute nicht sagen", sagt Carol Amoun. Die junge Libanesin ist eine der vier Darstellerinnen in Lina Khourys "Frauengespräche" (Hakeh Niswen), das seit der Premiere Ende April zum Publikumsrenner in Beirut avanciert ist.

Nachtclub in Beirut: Tabubruch nur hinter verschlossenen Türen
AFP

Nachtclub in Beirut: Tabubruch nur hinter verschlossenen Türen

Eigentlich sollte die libanesische Adaption der "Vagina-Monologe" der US-Amerikanerin Eve Ensler nur einen Monat laufen, die deutliche Sprache des Stücks aber hat offenbar den Nerv der Zuschauerinnen und Zuschauer getroffen. Bis zum Beginn des Bürgerkrieges 1975 galt die libanesische Hauptstadt als "Paris des Nahen Ostens" – ein Image, an dessen Wiederbelebung fleißig gearbeitet wird. So suggerieren aufreizend gekleidete Models auf den Werbeplakaten von Modefirmen und Parfümherstellern das Flair einer Stadt ohne Tabus. Die hippe Partyszene der Mittelmeermetropole braucht den Vergleich mit dem freizügigen Sündenpfuhl des Nahen Ostens, Tel Aviv, nicht zu scheuen. Das Stadtmagazin "Time Out" titelte im Juni knapp und direkt: "SEX". Doch kommt es auf den Umgang mit Sexualität im Alltag zu sprechen, herrscht bald Schweigen oder bestenfalls Verkrampftheit.

"Mir ging es nicht darum, einfach nur eine Übersetzung der ‚Vagina-Monologe’ auf die Bühne zu bringen, sondern etwas eigenes, ein Stück, das von den Problemen der Frauen im Libanon handelt”, sagt Khoury in ihrem kleinen, in Ostbeirut gelegenen Büro. "Ich will die Zuschauer nicht schocken oder provozieren, sondern zur Auseinandersetzung anregen." Zum ersten Mal wird so von Vergewaltigung in der Familie, von männlicher Belästigung in Bussen und Taxis bis hin zu lesbischer Liebe öffentlich gesprochen. Selbst für den im Vergleich zu anderen arabischen Staaten liberalen Libanon eine Sensation: Die Vorstellungen sind seit Wochen ausverkauft, mindestens bis August werden die zwölf Monologe noch in Beirut gezeigt.

"Frauen gehören zurück in die Steinzeit"

Der lange Weg des Stücks durch die Zensurbehörde zeigt aber auch, wie schwer sich die libanesische Gesellschaft mit dem Thema tut. Zwischen den in Europa oder den USA ausgebildeten Eliten und der von geistlichen Würdenträgern beeinflussten Landbevölkerung liegen Welten. Anderthalb Jahre dauerte es, ehe die Behörde schließlich die fünfte Version des Erstlingswerks der 30-jährigen Regisseurin und Autorin passieren ließ.

Vor allem bei der anfangs teils vulgären Sprache, aber auch im Monolog über ein lesbisches Coming-Out machte Khoury Abstriche. Schließlich stehen homosexuelle Praktiken im Libanon bis heute unter Strafe. Den Kosenamen "Coco" für das weibliche Geschlechtsorgan fand sie erst am Abend vor der ersten Aufführung: "Ich hatte mich schon für 'Jamil' entschieden, was 'schön' auf Arabisch heißt, bis mich ein Freund darauf aufmerksam machte, dass das der Vorname des Chefs der Zensurbehörde ist."

Inzwischen hätten Mitarbeiter des Amts mitsamt ihrer Familien die Vorführung besucht, sagt Khoury und lacht: "Sie waren begeistert". Weniger gute Erfahrungen machte die Ende 2003 nach vier Jahren in den USA in den Libanon zurückgekehrte Tochter christlicher Eltern bei einer Talkshow des Fernsehsenders NBN. Der muslimische Kunstkritiker Mohammed Hijazi sagte ihr unverhohlen ins Gesicht, dass er froh sei, "keine Töchter zu haben", die am Ende so werden könnten wie sie: "Frauen Ihresgleichen gehören zurück in die Steinzeit."

Offen über Sex sprechen

Gut anderthalb Jahrzehnte nach Ende des stark konfessionell geprägten Bürgerkriegs spielen religiöse Autoritäten im moralischen Diskurs des Landes und seiner vier Millionen Einwohner weiter eine bedeutende Rolle. Mehrere Schauspielerinnen sagten Khoury nach näherer Beschäftigung mit den Monologen ab, weil die Angst von Familie und Freunden zu groß war, durch den öffentlichen Auftritt möglicherweise in Verruf zu geraten. Bis in die letzten Nischen reicht der Einfluss religiöser Kreise, auch eine Szene in "Frauengespräche" handelt davon. Lautes Gelächter füllt den Saal, als eine der Darstellerinnen von ihrem Besuch beim Frauenarzt erzählt, der unvermittelt fragte: "Welcher Religion gehören Sie an?"

Genau diese Frage aber ist für Khoury irrelevant. Unter ihren Schauspielerinnen finden sich Christinnen wie Musliminnen. Auch die Interviews, die sie führte, bevor sie sich ans Schreiben machte, hätten gezeigt, "dass die Probleme Frauen beider Religionen und aller Schichten betreffen". Gerne würde sie "Frauengespräche" deshalb in Damaskus oder Kairo aufführen, aber das hält sie angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse in Ägypten und Syrien zur Zeit für unmöglich. Reden über Sexualität auf der Bühne – bis auf weiteres scheint das in der arabischen Welt nur in Beirut möglich.



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