Theater Kiez-Klamauk mit Klischees

Die schrill-schräge Bühnensitcom "Gutes Wedding – Schlechtes Wedding" des Berliner Prime-Theater ist einzigartig in Deutschland – und jeden Abend ausverkauft.

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Wedding? Kommt gleich nach Neukölln und anderen Katastrophengebieten. Das jedenfalls sagen die Berliner, die im Stadtteil Charlottenburg wohnen. In Wedding leben? Nee danke. Zu viele Türken, zu viele Araber, zu viele Vietnamesen.

Constanze Behrends, 25, und ihr Partner Oliver Tautorat, 32, leben und arbeiten ausgesprochen gern im Berliner Stadtteil Wedding. Hier haben sie das Theater "Primetime" gegründet, es liegt zwischen einem Pfandleihhaus und einer Spielhölle in der wenig idyllischen Müllerstraße.

"Wird ein bisschen viel Gewese gemacht um die Gefahren hier im Bezirk" finden die beiden Schauspieler. Niemand müsse sich Sorgen mache, wenn er hier abends ausgehe, Wedding sei ein sympathisches Viertel. Behrends zog von Sachsen-Anhalt nach Berlin, Tautorat von München. Beide haben eine Schauspielausbildung absolviert, beiden ist das etablierte Theater zu verkopft, zu lebensfremd, bemüht provozierend, auf vermeintlich hohem Niveau einfach affig.

"Das geht an den meisten Leuten doch total vorbei", sagt Tautorat. Vor zwei Jahren kamen er und seine Partnerin Constanze auf die Idee, eine Theatersitcom zu starten, die Themen und Leute aus dem Weddinger Alltag darstellt: "Gutes Wedding - schlechtes Wedding" (GWSW) heißt die schräg-schrille Bühnensitcom, die seither nahezu jeden Abend läuft – vor ausverkauftem Haus. Alle drei Wochen schreibt Behrends die Geschichte fort. Was als improvisiertes Zweipersonenstück begann, beschäftigt inzwischen sechs Schauspieler; 132 Zuschauer haben Platz im Primetheater, sie kommen aus Berlin, aus den neuen Bundesländern und dem Rest Deutschlands.

Behrends und Tautorat orientieren sich an der Commedia dell’Arte, an Srewballcomedies und Fernsehsoaps. Sie wollen "modernes Volkstheater für ganz normale Leute" machen. Die Folgen haben so schöne Titel wie "Randale und Triebe", "Hassans Rache und Fatimas Beitrag" oder "Mein Türke, meine Schwiegermutter und ich" – ein Fortsetzungsteil, der jede Menge junger Türkinnen amüsierte.

"GWSW" ist mal banal, mal genial, mal schlichter Kiez-Klamauk, mal brillanter Nonsense. Die Bühnenshow erzählt in überkandidelter Soapmanier vom täglichen Überlebenskampf in Wedding. Es gibt einen festen Kern von Kiezbewohnern, deren Alltagsverzweiflung und Liebesnöte man in rasanter Weise miterleben kann. Da ist etwa Onkel Ahmet, Betreiber der Imbissbude "Chez Ölgür", und die übergewichtige Hülia, die ihren Mann Erkan schikaniert, der sich seinerseits mit einer polnischen Putzfrau tröstet. Da ist die Kiezschlampe Sabrina und der Briefträger Kalle, dessen amouröse Betriebsamkeit für Unruhe sorgt: So erwartet Arbeitsamtsleiterin Frau Schinkel, die Arbeitslose in rüdem Sächsisch abkanzelt, von Kalle Zwillinge, was wiederum ihr Ehemann nicht ahnt.

Alles andere als politisch korrekt

Manche Folgen sind eher ostlastig, bei anderen stehen die Türken im Vordergrund oder die "Prenzlwichser", wie Wichtigtuer aus Prenzlberg genannt werden. Die Figuren sind charmant und liebenswert, oft auch berechnend und gemein, wie Menschen halt so sind. Und manchmal sagen sie in aller prolligen Schrecklichkeit Sätze wie: "Wen oder was freue ick? Mir!"

Die dargestellten Weddinger repräsentieren das sogenannte "Unterschichtenmilieu" – sie schimpfen auf Ausländer, oder, wenn sie selbst Ausländer sind, auf Deutsche und andere Ausländer, sie verachten Vegetarier und aufgeblasene Schnösel. Vielen Ausländern gefällt die stark überzeichnete Geschichte. "Türken kommen gern zu uns, die haben oft viel mehr Selbstironie als Deutsche", sagt Tautorat.

"GWSW" orientiert sich auch an der amerikanischen Erfolgsserie "Die Simpsons" und steht in der Tradition von Boulevardtheater und Kabarett. Frau Schinkel etwa erinnert an die bodenständige Metzgersfrau Else Stratmann, die Elke Heidenreich einst erfand.

"GWSW" beweist Mut zum Trash und ist alles andere als politisch korrekt. "Zu uns kommen Leute, die sonst kaum ins Theater gehen", erklärt Tautorat und da hat er wohl Recht. Man denkt beim Publikum an eine Begegnungsstätte oder eine After-Work-Party: Studenten, Schüler, Hausfrauen, Angestellte und Rentner. Ihnen gefällt die intime Atmosphäre des Abends, viele kennen sich, kommen regelmäßig und jubeln begeistert, wenn der hochnäsige Filmemacher Claudio (natürlich ein Prenzlwichser) auf die Nase fällt.

Ohne jeden sozialpädagogischen Eifer gibt GWS Einblicke in verschiedene Lebenswelten, stellt dabei Kulturunterschiede dar und präsentiert Klischees lustvoll überdreht. Der Eintritt (5 bzw. 8 Euro) ist günstig, die Getränkepreise an der Theaterbar sind es auch.

"Prenzlwichser, so nennen viele in der Szene inzwischen alle unangenehmen Zeitgenossen", sagt ein junger Mann stolz. "Die typische Berliner Schnauze ist derb, wir wollen aber niemanden denunzieren", sagt Drehbuchschreiberin Behrends, die in ihren jeweiligen Rollen Mut zur Hässlichkeit beweist. Dass so viele Theater nicht wirtschaftlich arbeiten, ärgert sie und Tautorat, dass ihr Theater vom Senat keinerlei Fördergelder bekommt, ebenfalls, "wir könnten sonst mehr Arbeitsplätze schaffen".

In den neuen Folgen geht es unter anderem um Vogelgrippe, Erbangelegenheiten, Botschaften aus dem Jenseits. Und natürlich um Prenzlwichser, die sich nach Wedding verirren.



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