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Thalheimer-Premiere in Frankfurt: Prinz Michael Jackson

Foto: Birgit Hupfeld

Thalheimer inszeniert Kleist Hyperaktiv im Albtraumraum

Da bebt das Theater: Regisseur Michael Thalheimer inszeniert Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" - und verabschiedet sich schon einmal vom Schauspiel Frankfurt.
Von Jürgen Berger

Als er das "vaterländische Drama" schrieb, lebte der unstete Heinrich von Kleist in Berlin. Als dramatischer Dichter hatte er der deutschen Sprache bereits eine einzigartige glühende Wucht verliehen - dummerweise nahm das zu diesem Zeitpunkt aber niemand zur Kenntnis außer ihm selbst. 1810 gründete er die "Berliner Abendblätter". Er war Herausgeber, Redakteur und Klatschreporter in einem.

Leider musste er die Tageszeitung schon nach einem halben Jahr wieder abwickeln. Die Lage war aussichtslos, als er sich mit "Prinz Friedrich von Homburg" einen Bruder im Geiste erschuf.

Der preußische Adlige könnte ein großer Kriegsheld sein, wäre er nicht ein Träumer, der in der Lagebesprechung vor der historischen Schlacht zu Fehrbellin so gar nicht bei der Sache ist und in Gedanken bei Prinzessin Natalie von Oranien weilt. Er wird einen Befehl des Kurfürsten missachten, worauf der ihn zum Tode verurteilt, dann aber doch begnadigt. Den Gnadenakt will der Prinz, aus später Schuldeinsicht, allerdings nicht akzeptieren, und es sieht so aus, als liebe der todessüchtige Borderliner die Prinzessin doch nicht so richtig.

Ein merkwürdiger Mensch ist das, den Kleist zum Helden eines Schauspiels macht, mit dem er fünf Monate vor seinem Freitod ein Traumspiel rund um preußische Sekundärtugenden wie Pflichterfüllung und Ehre in die Welt setzte.

Kalt glitzernder Text

Man kann in diesem kalt glitzernden Text eine Abschiedselegie sehen, die ganz gut in den letzten Frankfurter Spielplan von Oliver Reese passt. Der Schauspielintendant übernimmt ab nächster Spielzeit das Berliner Ensemble, und auch Michael Thalheimer, der in Frankfurt große Erfolge feierte (vor drei Jahren wurde er mit seiner Inszenierung von Euripides' "Medea" zum Berliner Theatertreffen eingeladen), wird seinen Arbeitsschwerpunkt noch mehr in die Hauptstadt verlegen.

Am Freitag konnten die Frankfurter allerdings noch einmal eines jener monumentalen Bühnenbilder bestaunen, mit denen Olaf Altmann Thalheimers Inszenierungen seinen Stempel aufdrückt.

Die weit ausladende Frankfurter Bühne ist ganz in Schwarz gehalten, und auf der Drehbühne kreist eine riesige runde Wand, als habe der Bildhauer Richard Serra hier eine seiner monumentalen Installationen abgestellt. Verschließt die Rundwand die Bühne hin zum Publikum, bleibt den Schauspielerinnen und Schauspielern ein schmaler Streifen vorn an der Rampe. Öffnet sich der Raum, blickt man in einen dunkel wabernden Albtraumraum, aus dem Kleists preußisches Personal nach vorn schreitet, als meldeten die Protagonisten aus den "Vampire Diaries" sich zu Wort.

Wolfgang Michael ist mit seinem strähnigen Zottelhaar und der nölenden Sprache ein prekärer Kurfürst von Brandenburg. Der lange Krieg mit den Schweden zehrt an den Nerven, und jetzt steht ihm auch noch die alles entscheidende Schlacht bevor. Das kann schon dazu führen, dass man sich als Feldherr vom Hausarzt am liebsten krankschreiben lassen würde. Corinna Kirchhoff steht als Kurfürstin wie ein Fragezeichen im Raum und ist eine noch größere Randfigur, als von Kleist gedacht.

Zappel-Homburg

Michael Thalheimer widmet dem adligen Personal und den preußischen Kampfkollegen des Prinzen keine allzu große Aufmerksamkeit. Das hat damit zu tun, dass er den Text wie üblich skelettiert und auf relevante Schlüsselszenen reduziert. Es ist aber auch offensichtlich, dass ihn das Innenleben zum Beispiel eines Obristen Kottwitz nicht wirklich interessiert. Also tritt Martin Rentzsch gelegentlich an die Rampe und brüllt ins Publikum. Man versteht: Der macht sich Sorgen um den Prinzen, gut drauf ist er auf keinen Fall.

Er hat auch allen Grund, ist Felix Rech doch ein derart tänzerischer Zappel-Homburg, dass man meinen könnte, Michael Jackson performe "Billie Jean". Im ersten Drittel des Abends tanzt Rech den Prinzen, als entfalte die Wucht der kleistschen Sprache ein Eigenleben im Körper des Schauspielers. Das ist faszinierend und eine jener szenischen Setzungen, mit denen Thalheimer immer wieder überrascht.

Nach dem starken Einstieg geht es dann aber schnell rein in die Schlacht von Fehrbellin, für den der Theaterkomponist Bernd Wrede einen wummernden Soundtrack zur Verfügung stellt. Das Frankfurter Schauspiel erzittert in den Grundfesten, ja, aber das ist es dann auch. Es sieht so aus, als habe Thalheimer kurz Urlaub gemacht, bevor die Inszenierung sich ganz unvermittelt der finalen Ehrpuzzelei des Prinzen widmet.

Der Bühnenboden verschwindet nach unten und Felix Rech als gefangen genommener Prinz entschwebt in einem blutgetränkten Nachthemd in den Theaterhimmel. Dort zappelt er lange in luftiger Höhe, während Yohanna Schwertfeger vorn an der Rampe so mit dem Text der liebenden Prinzessin ringt, dass doch noch spürbar wird, warum ein preußischer Prinz derart selbstvergessen vor sich hinträumen kann.

Mehr solcher intensiven Auseinandersetzungen mit Kleists Sprache hätten dafür gesorgt, dass das Publikum sich nicht nur an die großartigen Bilder halten muss, um überwältigt zu werden.


Prinz Friedrich von Homburg. Schauspielhaus Frankfurt/Main , nächste Vorstellungen am 5., 17. und 18.11.

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