Theater-Premiere auf St.Pauli Und täglich grüßt das Tier im Mann

Geister-Schwank mit gierigen Kerlen und einem armen Gossenmädchen: Der Meisterregisseur Peter Zadek verwandelt im Hamburger St. Pauli Theater Pirandellos Verwirrspiel "Nackt" in einen leider sehr unbefriedigenden Theaterabend.


Prinzipiell war Hamburg super aufgestellt an diesem Premierenfreitag: Die halbe Stadt zugepflastert mit hübsch reißerischen Plakaten, auf denen groß "Nackt" und "Peter Zadek" steht; vor dem St. Pauli Theater am Rand der Reeperbahn die Kulturbussigesellschaft der halben Republik, dazu ein paar hippe Lichtgestalten aus der Hamburger Szenewelt; auf der Bühne in Zadeks Spielteam unter anderem der Mädchenschwarm Nikolai Kinski und die stets pfiffig dreinblickende Schauspielerin Anett Renneberg, die an der Seite des venezianischen Commissario Brunetti zur Fernsehberühmtheit wurde.

Darsteller Kinski, Renneberg: Oft schauderhaft chargierend
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Darsteller Kinski, Renneberg: Oft schauderhaft chargierend

Noch besser: Außer zwei Stunden italienischem Schlagergeschrumme und Schauspielkunst gab es für die Gäste des privaten, sympathisch umtriebigen St. Pauli Theaters hinterher vor dem Haus ein buntes Feuerwerk zu bestaunen. Das allerdings wurde nicht wegen der Comeback-Inszenierung des zuletzt kranken und mittlerweile 81-jährigen Regisseurs Peter Zadek in den Hamburger Himmel gejagt, sondern für die Besucher des nahe am Theater gelegenen Rummelplatzes.

So, lang genug rumgeredet um den lauen Brei, was gab’s wirklich im Theater zu sehen? Leider eine Salonkomödie mit null Witz. Peter Zadek hat sich ein halbvergessenes Stück des italienischen Dramatikers Luigi Pirandello aus dem Jahr 1922 vorgenommen, mit dem biblischen Titel "Vestire gli ignudi" ("Die Nackten kleiden"), Zadeks Lebensgefährtin Elisabeth Plessen hat’s unter dem Titel "Nackt" neu übersetzt, samt mehrmaliger Verwendung der Vokabel "geil": Erzählt wird von der aparten jungen Frau Ersilia, die sich mit Gift umbringen wollte, gerettet wird, in den Medien als Opfer ruchloser Männer-Machenschaften Ruhm erntet und nun in der schäbigen Schreibstube des Schriftstellers Nota gelandet ist: Der alternde Künstler ist scharf auf ihren Körper und ihre Story (für einen Roman).

Anett Renneberg spielt das gefallene Dienstmädchen Ersilia als Kitschprinzessin im schön hellblau leuchtenden Büßerhemdchen, das sie im Geständniswahn am Ende eigentlich ablegen soll, hier bleibt sie aber weitgehend angezogen. Das "Frollein aus der Zeitung", wie sie genannt wird, spricht mit merkwürdig zaghafter Stimme, auch der von Friedrich-Karl Praetorius breit in den Raum gewanzte Schriftsteller grummelt irgendwie seltsam halblaut. Sind die beiden, die bei Pirandello am Rand des Todes balancieren, bei Zadek womöglich Untote, die bereits im Jenseits ihre alten Lebenskämpfe noch mal durchfechten?

Scheint ganz so, denn die Pappmaché-Dichterkammer des Bühnenbild Karl Kneidl mit großem Fenster zur Straße und vollgepfropftem Bücherregal ist von einem surreal paradiesisch strahlenden Totenkammerlicht erhellt. Und wie Zombies wirken auch die Kerle, die nun nacheinander in den Salon spazieren und schmachten und Groschenromansätze aufsagen wie nicht gescheit: "Wäre das Tier in mir nie erwacht!" zum Beispiel.

Dabei rudern sie viel mit den Armen und probieren Gesichtsausdrücke der Verzweiflung und Empörung aus, bevor sie sich immer mal wieder dramatisch an Schultern oder Händen packen. Ein bizarrer Grimassen- und Gestenwettkampf ist hier im Gang. Manchmal geistert ein grauhaariger Gitarrenklampfer ins Bild und singt ein trauriges italienisches Lied.

Nun hat der Autor Pirandello (1867 bis 1936), dessen berühmtestes Drama "Sechs Personen suchen einen Autor" heißt, in fast all seinen Werken das Spiel mit Wahrheit und Lüge, Schein und Sein zum Generalthema gemacht. Auch "Nackt" ist ein Reigen der Täuschungen. Das beklagenswerte Schicksal der mittellosen Dienstmagd Ersilia wird immer wieder anders erzählt. Der Legende nach wurde das Mädchen von ihrem Dienstherren Konsul Grotti (ein Olm von einem Mann: Friedhelm Ptok) rausgeschmissen, weil er sie zu Unrecht der Schuld am Tod seines kleinen Sohnes bezichtigte; der Knabe stürzte vom Balkon in den Tod. Vor die Tür gesetzt, erfuhr Ersilia, dass ihr Verlobter, ein strammer Leutnant (Kinski), eine andere ehelichte und entschloss sich zum Selbstmord.

Doch nach und nach stellt sich heraus, dass das Mädchen, oh schändliches Subjekt, es tatsächlich ausgiebig mit dem Konsul trieb, das Kind übel vernachlässigte, den Leutnant nicht von Herzen liebte, und so weiter ... Puh, was für ein Schmonzettenkram!

Vermutlich hatte Zadek ein schwebendes, flirrendes Geisterspiel und eine Theaterzauber-Lehrstunde nach Art der Commedia dell’ arte im Sinn, als er sich den Stoff vorknöpfte. Nur leider flunkert und flimmert auf der Bühne gar nichts, dort herrscht fast durchgehend graue Grabesstimmung, während die Geschichte fast wie in "Täglich grüßt das Murmeltier" (doch keineswegs so komisch) ihre schier endlosen Wiederholungskreise dreht.

Die Darsteller jauchzen und wispern sich oft niederschmetternd hilflos durch ihren Text. Der große Zadek, der seine Schauspieler früher zu den feinsten Kunststücken animierte, versammelt diesmal leider eine oft schauderhaft chargierende Truppe auf der Bühne. Ganz schlimm alleingelassen stolziert - liebe junge Fans, jetzt ganz tapfer sein! - der anmutige Nikolai Kinski in einem wüstensandfarbenen Bräutigamsanzug durchs Gelände, während die albernsten Verdammungsschwüre ("Sagen sie doch nicht Fräulein! Eine Nutte ist sie, eine Nutte!") aus seinem noblen Mund tropfen.

"Fakten sind das, wofür man sie hält. In der Vorstellung gibt es keine Fakten mehr, nur Leben, das so oder so erscheint", lautet ein Schlüsselsatz des Stücks, dessen Helden so exaltiert nach Wahrheit und Aufrichtigkeit gieren, dass auch der Dümmste kapiert: Überall ist Lüge. Im Programmheft münzt Pirandello diese Lehre ins Biographische um: "Je schwieriger der Lebenskampf ist und je mehr man dabei seiner eigenen Schwäche gewahr wird, umso dringender wird das Bedürfnis, sich gegenseitig zu betrügen."

Ob’s also Jünger des tollen alten Peter Zadek gibt, die sich auch diesen Gruseltheaterabend schön lügen? Bestimmt! Als nach dem tapferen Premierenapplaus die vor der Theatertür versammelten Zuschauer ihre Glieder reckten, malte das Feuerwerk von gegenüber jedenfalls schon mal schöne bunte Verklärungskringel in den Hamburger Nachthimmel.



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