Triumphale Premiere an der Volksbühne Dreems are my reality

Susanne Kennedy zeigt an der Berliner Volksbühne "Women in Trouble", eine Plastiktheatershow um Krebs und Lebensoptimierungswahn. Endlich ein spektakulärer Knüller im Haus des neuen Theaterchefs Chris Dercon.
Suzan Boogaert in "Women in Trouble"

Suzan Boogaert in "Women in Trouble"

Foto: Julian Roeder

Es war eine zweieinhalbstündige Publikumsquälerei. Und zugleich der schrille, lustige, quietschbunte Triumph eines Theaters der Zukunft, das womöglich keine Schauspieler und keine Zuschauer aus Fleisch und Blut mehr braucht.

Die Bühnenhelden in "Women in Trouble" in der Berliner Volksbühne sahen aus wie Avatare, wurden aber vorläufig noch von menschlichen Schauspielerinnen und Schauspielern dargestellt, die Gesichtsmasken aus Latex trugen. Physiognomisch wirkten sie wie Opfer von missglückten Faceliftings. Sie spazierten, saßen und lagen in einer aus rosa, grünen und gelben Kulissen zusammengebauten Fernsehstudiolandschaft herum, die pausenlos auf der Drehbühne der Berliner Volksbühne rotierte. Und sie schleuderten mit zuckersüßen Playbackstimmen meist in englischer Sprache sehr viele Behauptungen in den dunklen Zuschauersaal, deren tiefsinnigste lautete: "Das Universum ist immateriell, geistig und spirituell."

In der Volksbühne ist das Universum vor allem seriell. Die in Berlin lebende und derzeit von vielen wichtigen Theatern umworbene Regisseurin Susanne Kennedy hat sich von der Bühnenbildnerin Lena Newton das Setting einer futuristischen Krankenhaus-TV-Serie basteln lassen. In dem lässt sie eine an Krebs erkrankte Patientin mit dem sprechenden Namen Angelina Dreem durch ein Passionsstück geistern.

Vorbereitung aufs Sterben

Angelina wird von drei Darstellerinnen mit schwarzer Perücke und einem weißen T-Shirt mit wechselnden Aufschriften ("Gender", "Infiniti", "Youtube") gespielt. Sie plaudert mit ihrem Arzt, ihrem Lebensgefährten Bob und mit einer topmodisch in einem Sechziger-Jahre-Raumfahrerdress herumstolzierenden Sprechstundenhilfe. Sie lässt sich in eine Kernspintomographie-Röhre schieben und auf Riesenfernsehschirmen die Aufnahmen ihres von farbig markierten Wucherungen befallenen Körpers zeigen.

Einmal liegt die kranke Heldin dieses Theaterabends auf einer Bahre, bekleidet nur mit T-Shirt und Slip, und zerrt blutige Fleischklumpen zwischen ihren bloßen Schenkeln hervor. Die Volksbühnendramaturgie nennt das auf der Theaterwebseite die "Konfrontation mit einer posthumanistischen Subjektivität".

Kennedy ist 1977 als Tochter eines Schotten und einer Deutschen in Friedrichshafen geboren, hat in den Niederlanden das Regiehandwerk gelernt und schon in Arbeiten wie "Orfeo" bei der Ruhrtriennale (2015) oder der Romanbearbeitung "Die Selbstmord-Schwestern - The Virgin Suicides" in den Münchner Kammerspielen von der Allgegenwart des Todes erzählt. In Interviews spricht sie sehr selbstgewiss davon, dass das herkömmliche identifikatorische Theater dem Gegenwartsmenschen nichts mehr zu sagen habe.

Niels Kuiters und Bianca van der Schroot in "Women in Trouble"

Niels Kuiters und Bianca van der Schroot in "Women in Trouble"

Foto: Julian Roeder

Sie nennt das Leben "eine einzige Vorbereitung auf das Sterben" und verkündet: "Was mich überhaupt nicht interessiert, ist Ironie." In "Women in Trouble" will sie unter anderem der Frage nachgehen, ob es im Werden und Vergehen der menschlichen Spezies einen Lerneffekt gebe. Ein zentrales Thema des Abends in der nun von Chris Dercon geleiteten Volksbühne formuliert sie so: "Kann das nächste Leben ein besseres Leben werden?"

Tatsächlich wird in der Manga-bunten Wohlfühlwelt von "Women in Trouble" viel esoterisches Zeug geredet. In ihren früheren Arbeiten hat Kennedy ihren stets maskierten Darstellern Texte von Marieluise Fleißer, Rainer Werner Fassbinder oder Jeffrey Eugenides per Playback in den Mund gelegt. In der Volksbühne lässt sie nun zum ersten Mal einen ausschließlich selbst gesampelten Text aufsagen.

In dem finden sich Dialogfetzen aus dem Siebzigerjahrefilm "Opening Night" von John Cassavetes, Ärzte-Kauderwelsch und Sätze aus Lebenshilferatgebern, medizinische Beipackzettellyrik und Sinnsprüche über Buddha, Allah und den lieben Gott.

Bluten und bibbern

Manchmal scheint es, als befänden sich die Darsteller in einer als Raumfähre durchs Weltall driftenden Onkologiepraxis. Auf Großbildschirmen sieht man durch die Milchstraße flottierende Asteroidenschwärme oder Computerspiele nach Art von Minecraft, in denen künstliche Welten gebastelt werden. Die Patientin Angelina Dreem lagert mal in der Badewanne und mal auf dem Bett und scheint stets frohgemut zu sein. Eine offenbar allwissende Stimme aus dem Off beschwört eine "nicht mechanische Wirklichkeit" und einen Zustand, in der die ganze Welt "ein großer Gedanke" sei.

"Women in Trouble" ist eine Strapaze, deren Reiz darin besteht, dass man als Zuschauer nie sicher sein kann, ob die Leidens- und Erlösungsgeschichte der Angelina Dreem ein süßer Witz, ein quasireligiöses Erweckungsspektakel oder eine scharfsinnige Kritik an der Begrenztheit menschlicher Utopievorstellungen sein will. Man hört erst sphärisches Geblubber, dann wummernde Beats und zwischendurch sogar ein paar Chorgesänge aus Mozarts Requiem. Man sieht die vervielfachte Heldin bluten und bibbern und hört sie einmal sogar von ihren (fernen) Kindern sprechen. Man staunt über immer neue Kitschlandschaften und Jenseitszaubereien, die ins kreiselnde Bühnenbild projiziert werden und zum Beispiel einen tropischen Wasserfall zeigen.

Mag schon sein, dass die vier Darstellerinnen und zwei Darsteller (darunter Anna Maria Sturm und Thomas Wodianka) in diesem Kosmos aus Glückskeksphilosophie und Robotermotorik leicht unterfordert agieren müssen; mag sein, dass sich Kennedy munter selbst zitiert, wenn sie Sprechblasen und Verfremdungstricks aus früheren Inszenierungen recycelt; mag sein, dass ihr vollautomatisches Theater, das den Filmmärchen von Miranda July mehr zu verdanken hat als den Melodramen von John Cassavetes, eher eine hübsche Sackgasse der Theatergeschichte markiert als eine für andere Regisseure freigelegte Schneise in eine strahlende Theaterzukunft.

Und doch: An diesem Abend in der Volksbühne durften die Zuschauer die Eleganz, die Komik und die Intelligenz einer nahezu perfekt ausgeklügelten Bühnenschöpfung bewundern, die eine Gegenwelt herbeihalluziniert, in der Krankheit und Tod und Gott ihre Schrecken verloren haben. Am Ende klatschten - nachdem Dutzende von Zuschauern den Saal während der Vorstellung verlassen hatten - die Gebliebenen erschöpft und begeistert.


"Women in Trouble" von Susanne Kennedy. Weitere Vorstellungen u.a. am 2.12., 3.12. und 10.12.; Mehr Infos unter volksbuehne.berlin