Theater-Urteil Mädchenmord darf gezeigt werden

Die Mutter einer getöteten 14-Jährigen hatte geklagt: Das Theaterstück "Ehrensache" verletze die Persönlichkeitsrechte ihrer Tochter. Jetzt hat das Bundesverfassungsgericht die Klage abgelehnt und stärkt nach dem Verbot des Biller-Romans "Esra" nun wieder die Freiheit der Kunst.


Karlsruhe - Ein 14-jähriges Mädchen wird auf einem Autobahnrastplatz bei Hagen mit zahlreichen Messerstichen von zwei jungen Männern getötet. Mit einem der beiden soll sie eine sexuelle Beziehung gehabt haben. Aus Angst, das Mädchen könne schwanger sein, sticht einer der Männer türkischer Herkunft zu. Ein Mord aus Furcht und wegen der Ehre, der inzwischen vier Jahre zurückliegt und von dem sich der Regisseur Lutz Hübner zu einem Theaterstück inspirieren ließ.

Szene aus "Ehrensache": Das Bundesverfassungsgericht lehnte eine Klage gegen das Stück ab

Szene aus "Ehrensache": Das Bundesverfassungsgericht lehnte eine Klage gegen das Stück ab

"Ehrensache" heißt sein Stück, gegen das die Mutter des getöteten Mädchens vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt hatte. Der Grund: Das Schauspiel verletze die Persönlichkeitsrechte ihrer Tochter, auch nach dem Tod. In dem Stück werden die Tage bis zur Tat episodenhaft erzählt. In der Kunstfigur der Ellena sei ihre Tochter wiederzuerkennen, beanstandete die Mutter, und in seiner Darstellung beschränke sich der Regisseur auf die frühreife und starke sexuelle Ausrichtung der 14-Jährigen. Ihre moralische Haltlosigkeit werde betont und überspitzt zur Schau gestellt.

Am Donnerstag wies das Bundesverfassungsgericht nun die Verfassungsbeschwerde gerade aufgrund dieser Überspitzung ab. Die Verzerrung der Realperson trage gleichzeitig zur ihrer Fiktionalisierung bei, heißt es in dem Urteil. Und man könne einem Werk nicht dessen Fiktionalität zum Vorwurf machen. Im Klartext: Weil ihre Tochter ausschließlich negativ als frühreif und sexsüchtig dargestellt wird und dies nicht der Wirklichkeit entspricht, handelt es sich bei Ellena weitestgehend um eine Kunstfigur und somit kann das Theaterstück auch nicht die Persönlichkeitsrechte der Getöteten verletzen.

Grundsätzlich stehen die Persönlichkeitsrechte bei Kindern und Jugendlichen unter besonderem Schutz, weil Minderjährige sich noch in der charakterlichen Entwicklung befinden. Doch auch diese erweiterte Schutzbedürftigkeit lasse sich nicht auf das Mädchen übertragen, da sie tot sei.

2006 hatte das Oberlandesgericht Hamm "Ehrensache" verboten. Das Stück durfte seitdem nicht mehr in Hagen aufgeführt werden. Das Bundesverfassungsgericht hob das Verbot nun auf mit dem Argument, dass jedes literarische Werk oder Theaterstück zuerst als Fiktion angesehen werden muss. Diese Vermutung gelte auch dann, wenn hinter den Figuren reale Personen als Urbilder erkennbar seien.

Mit dem Rechtsspruch stärkt Karlsruhe nach dem "Esra"-Urteil der Kunstfreiheit wieder den Rücken. Im Juni 2007 hatte das Bundesverfassungsgericht den Roman "Esra" von Maxim Biller verboten, weil sich Billers ehemalige Freundin und deren Mutter in dem Buch wieder erkannt und geklagt hatten. In diesem Fall hatten die Verfassungsrichter argumentiert, dass die Romanfiguren zu nah an den Realpersonen angelegt seien. Die männliche Hauptfigur arbeitet als Schriftsteller und seine Freundin ist wie Billers Ex-Lebensgefährtin Schauspielerin. Intime Beziehungsdetails werden geschildert und somit könne die Handlung als Bericht über tatsächliche Ereignisse begriffen werden, sagte das Gericht. Im Gegensatz zum Theaterstück "Ehrensache" verzerrt Biller seine Personen nach Ansicht der Richter also nicht.

Noch eine zweite Klage wurde von den Karlsruher Richtern am Donnerstag abgelehnt. Das Buch "Pestalozzis Erben" darf demnach veröffentlicht werden. In dem autobiografischen Roman stellt Autor Friedrich Mahlmann deutsche Lehrer als faul, anmaßend, unpünktlich und krank feiernd dar. Das Problem: Mahlmann selbst ist Leiter eines Gymnasiums im nordrheinwestfälischen Oerlinghausen und einige Kollegen haben sich in seinem Roman wiedererkannt.

Sie legten Verfassungsbeschwerde wegen Ehrverletzung ein. Aber auch hier entschied das Gericht, dass aufgrund der Verzerrung der Personen die Fiktionalität des Werkes sichergestellt sei. Die Kläger hätten keine Anhaltspunkte vorbringen können, dass der Leser die im Buch dargestellten Ereignisse als tatsächlich geschehen betrachten könnte.

cc/dpa/AFP



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.