Theaterbuch "Leben auf Probe" Vom Geheimnis schöner Schauspieler

Der Theatermann Thomas Oberender liebt die Probe mehr als die Premiere -mehr als alles andere aber liebt er die Schauspieler. Nun hat er sie zu den Helden eines ebenso schlanken wie schlauen Büchleins gemacht - einer Führung hinter den roten Vorhang.

Schauspieldirektor Thomas Oberender: Auf die andere Seite des roten Vorhangs
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Schauspieldirektor Thomas Oberender: Auf die andere Seite des roten Vorhangs

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Der faszinierendste Tag der Theaterwelt, so sehen es wohl alle Zuschauer, ist der Premierentag: die allererste Aufführung einer neuen Inszenierung, die sie mit Sekt und in schicken Sakkos feiern. Das Theater beginnt in ihren Augen, wenn sich der Vorhang zum ersten Mal öffnet. In Wahrheit ist dieser Anfang natürlich auch ein Ende, das Ende wochenlanger Probenarbeit, und so erlaubt die Premiere ebenso wie jede weitere Aufführung nur einen flüchtigen Blick auf den ungleich größeren Teil des Theaterlebens dahinter. Sie ist nur ein Schaufenster, ein schmales dazu.

Thomas Oberender, Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele und einer der klügsten Köpfe des deutschsprachigen Theaters, hat sich nun darangemacht, den Blick des Publikums zu weiten: mit dem Buch "Leben auf Probe", einer "Phänomenologie der Theaterarbeit, die den Leser auf die andere Seite des roten Vorhangs führt", wie er im Vorwort zu Recht verspricht. Auf gerade einmal 160 Seiten, in einer eleganten Montage kurzer Essays, Reportagen und Porträts, sinniert der promovierte Theaterwissenschaftler, 43, über all die Dinge, die dem Publikum sonst verborgen bleiben. Es ist ein schlankes Buch, in dem er bisweilen ganz schön dicke Bretter bohrt. Doch die Lesemühe lohnt sich.

Gilt dem Publikum die Premiere als Höhepunkt, so faszinieren Oberender die Proben mehr als alle Aufführungen: weil das Theater dort noch weniger Gewissheiten zulässt als ohnehin, weil es im Fluss ist und jede Antwort nur vorläufig, weil jedes Verhalten und jede Idee auf die Probe gestellt werden, weil jede Entscheidung sogleich wieder aufs Spiel gesetzt wird. Alles ist revidierbar, alles hat Spiel.

Das Geheimnis der Schauspieler-Attraktivität

Oberender liebt das Theater, das offenbart er in jeder Zeile, und am Theater liebt er am meisten die Schauspieler. Wie er versucht, immer wieder den Gründen für diese Liebe zaghaft auf die Spur zu kommen, dem Geheimnis der Schauspieler-Attraktivität, das gehört zu den stärksten Momenten eines an starken Momenten reichen Buches, auch wenn es manchmal an einem allzu verklärten Blick und kleinen Widersprüchen leidet.

"Zu Beginn ihrer Laufbahn waren sie heitere, naive und durchschnittlich attraktive Schauspielschülerinnen und -schüler", schreibt Oberender. "Drei Jahre später, an Leib und Seele verwandelt, wurden sie die cleveren und athletischen Jungstars der Ensembles in Stuttgart oder Berlin." Der Grund: "Sie haben ein Bild von sich wahrgemacht, und mit ihm können sie spielen: mit anderer Haarfarbe, trainiertem Körper und einer persönlichen Eigenart, die fortan deutlich auf sie hinweist."

Ihr Ehrgeiz mache sie schön, notiert Oberender, und so erscheint schon die Ausbildung der Schauspieler als Verwandlung, vielleicht als ihre wichtigste. Ihrem Körper bleiben sie wachsam verbunden wie Leistungssportler; er ist ihr Instrument, an dem sie permanent arbeiten. Das macht attraktiv, keine Frage, aber es ist nicht der Kern ihrer Bühnenattraktivität - und es wäre auch keine sonderlich originelle Erkenntnis.

Sie scheinen die Blicke zu genießen

Oberender bemerkt jedoch auch, dass Schauspieler auf der Bühne ausgesöhnt wirken mit ihrer äußeren Erscheinung, dass sie trotz Scham und Scheu die Blicke zu genießen scheinen. Eine Erklärung: Die Schauspieler wissen, was sie tun; jede Geste hat ihren Grund und ihre Wirkung. Das "Probenprivileg macht sie auf der Bühne selbstgewiss und schön". Vielleicht möge man ja genau das am Theater: Dass die Schauspieler für Stunden oder Augenblicke etwas Bestimmtes sind, "deutlich umrissen, zwischen allen Extremen im Zentrum eine fassbare Figur".

Vielleicht, so überlegt Oberender, seien ausgerechnet Schauspieler die einzigen Menschen, die wissen, wer sie sind. "Nur sie suchen sich nicht, sondern haben sich, anders als wir, glanzvoll gefunden. Und zwar nicht erst auf der Bühne, sondern zuvor." Nämlich auf der Schauspielschule und auf einer der zahlreichen Proben seither, wo sie immer wieder ihre Gedanken, ihre Gefühle, ihre Gesten auf die Probe gestellt, ihr Leben durchgespielt haben: "Schauspielerei als die Suche nach der Haltung, die man haben könnte."


Thomas Oberender: Leben auf Probe. Wie die Bühne zur Welt wird, Hanser Verlag, 160 Seiten, 15,90 Euro.



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