Festival "Marstallplan" München macht auf dicke Hose

Zum Abschluss der Spielzeit gibt das Münchner Residenztheater noch einmal Gas - und wuchtet gleich sechs Premieren in nur zwei Tagen auf die Bühne. Ein verwegener Plan? Sogar Größenwahn? Nun ja, das Thema des Minifestivals ist Hochstapelei.

Christian Zach/ Residenztheater

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Wenn es eine deutsche Hauptstraße der Hochstapelei gibt, so liegt sie in München, zwischen Max-Joseph-Platz und Maximilianeum: die Maximilianstraße, eine Edelmeile, gesäumt von Boutiquen internationaler Luxusfirmen wie Louis Vuitton, Armani, Chanel, Dolce & Gabbana, Dior, Jil Sander, ergänzt von zwei der renommiertesten Theater des Landes, den Münchner Kammerspielen und dem Münchner Residenztheater.

Während die Kunden der Boutiquen auf dicke Hose machen, ist das tägliche Business der Theaterleute gewissermaßen kein anderes: sich verkleiden, sich verstellen, sich inszenieren. Kurz: Hochstapeln. Auf der Bühne, natürlich, aber auch auf dem Weg zur Bühne, wie die Residenztheater-Dramaturgin Veronika Maurer, 29, scherzt: Mit einem normalen Theatergehalt fühle man sich zwischen all den schaulaufenden Besser- und Bestverdienern schon mal fehl am Platz. Wie ein Schwindler, der jeden Moment auffliegt.

Und so ist es eine hübsche Idee, dass das Residenztheater zum Abschluss der Spielzeit das Minifestival "Marstallplan" auf die Bühne des Marstalls wuchtet, die kleine Nebenspielstätte. Innerhalb von zwei Tagen sollen sechs Hochstapler-Produktionen zur Premiere kommen, inszeniert von recht unerfahrenen Nachwuchskräften: drei Regieassistenten, zwei Jungregisseuren und einem Team der Bayerischen Theaterakademie August Everding. Die Probenzeit für die einstündigen Arbeiten war auf drei Wochen beschränkt, der Auf- und Abbau des Bühnenbildes darf maximal eine halbe Stunde dauern. Ein ehrgeiziges, wenn nicht gar ein verwegenes Projekt. Eine Hochstapelei.

Manager und Hundeherzen

"Es werden keine wahnsinnig aufwendigen Produktionen werden", sagt Dramaturgin Maurer, "und das müssen sie auch nicht. Unser Ziel war es, die Schwelle niedrig zu halten, damit sich junge Regisseure ausprobieren können". Inszeniert werden Kathrin Rögglas Manager-Stück "Wir schlafen nicht", David Gieselmanns Dreiakter "Container Paris", Heiner Müllers nur neun Seiten lange Textmaschine "Hamletmaschine", Michail Bulgakows Erzählung "Hundeherz", Max Frischs berühmte Fragebögen zu Themen wie Frauen, Geld und Freundschaft sowie die Performance "Lügensucht im Dienste der Ich-Erhöhung".

Der Regisseur Gernot Grünewald beschäftigt sich darin mit dem Postboten Gert Postel, der sich in den achtziger und neunziger Jahren mehrfach als Arzt anstellen ließ. In den Abend integriert Grünewald Videoaufnahmen einer versteckten Kamera, mit der Schauspieler des Residenztheaters losgezogen sind: Sie haben als angebliche Dozenten Uni-Vorlesungen gehalten, sind in Arztkitteln über Krankenhausflure schaugelaufen, haben auf Annoncen geantwortet und Luxusimmobilien besichtigt.

"Dieses Projekt betont den lustvollen Aspekt des Hochstapelns", sagt Dramaturgin Maurer, "die Freude, wenn jemand alle Klassenschranken durchbricht". Generell gelte für das Minifestival, dass es Hochstapelei nicht nur negativ darstelle: "Ein reines Bashing-Festival wäre total langweilig. Wir ermutigen auch zum Spiel mit der Identität."

Und so befreien sie Zuschauer wie Schauspieler im besten Fall vom Fetisch der vergangenen Jahre: der Authentizität.


"Marstallplan": Premieren von "Lügensucht im Dienste der Ich-Erhöhung", "Wir schlafen nicht" und "Container Paris" am 5. Juli, Beginn um 19 Uhr, 20.30 Uhr beziehungsweise 22 Uhr, weitere Vorstellungen am 7. und 27. Juli. Premieren von "Die Hamletmaschine", "Fragebogen" und "Hundeherz" am 6. Juli, Beginn um 19 Uhr, 20.30 Uhr beziehungsweise 22 Uhr, weitere Vorstellungen am 15. und 28. Juli. Marstall des Residenztheaters München (www.residenztheater.de), Kartentelefon 089/21851940.

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