Theaterhits 2013 - Teil 2 Die besten neuen Klassiker-Inszenierungen

Don Giovanni gibt eine tolle Party und der Sohn eines türkischen Gemüsehändlers kauft den Kirschgarten: Theaterkritiker von SPIEGEL und kulturSPIEGEL blicken zurück auf ihre Lieblings-Klassiker-Inszenierungen des Jahres 2013. Das Beste: Auch 2014 sind sie noch zu sehen.

Armin Smailovic

Von , und


Zürich: "Amphitryon und sein Doppelgänger"

Was für eine Verwirrung! Schon im Original bei Kleist ist es nicht leicht, immer genau zu wissen, ob da nun gerade Amphitryon auf der Bühne steht oder Jupiter in der Gestalt des Amphitryon, der sich verwandelt hat, um dessen Gattin Alkmene rumzukriegen. Das gleiche Verwirrspiel treibt Kleist dann nochmal mit Amphitryons Diener Sosias und dem Jupiter-Gehilfen Merkur.

Die Regisseurin Karin Henkel treibt die Nummer im Zürcher Schauspielhaus auf die Spitze: Jede(r) der fünf Schauspieler spielt hier jeden, natürlich auch über die Geschlechtergrenzen hinweg. Schon am Anfang treten statt Sosias und Merkur (als Sosias) Sosias und vier Merkure auf; Amphitryon verlässt während eines Dialogs mit Alkmene den Raum und kommt im gleichen Hemd, aber von einem anderen Schauspieler gespielt, zurück, um den Dialog nahtlos wiederaufzunehmen. Und dann verdoppelt die Regisseurin auch noch die Bühne und setzt eine zweite, fast identische auf die erste drauf - die Dialoge fliegen rauf und runter.

Ein intelligenter, hochaktueller und hochamüsanter Kommentar zu den "Wer bin ich, und wenn ja, wie viele"-Krisen des modernen Individuums. and

"Amphitryon und sein Doppelgänger" . Nach Heinrich von Kleist, Regie Karin Henkel, Schauspielhaus Zürich (Pfauen), nächste und zugleich letzte Vorstellungen am 6. und 14.1., Tel. 0041/44/258 77 77.

München: "Zement"

Die letzte Arbeit des großen Regisseurs Dimiter Gotscheff, der im Oktober starb, zeigt noch einmal all seine Stärken: den Mut zu schwierigen Stücken und großen Themen. Und sein Talent, in einer Inszenierung heiligen Ernst und grimmige Groteske zu vereinen.

Heiner Müllers "Zement" von 1972, das Gotscheff am Münchner Residenztheater herausbrachte, erzählt davon, was übrigbleibt von einer Revolution (in diesem Fall der russischen von 1917), wenn der erste Rausch vorbei ist und die blutigen Kämpfe über den richtigen Kurs begonnen haben.

Im Mittelpunkt steht ein Ehepaar, das sich in den Revolutionswirren drei Jahre aus den Augen verloren hat und jetzt nicht mehr zusammenfindet, weder politisch noch als Paar. Sebastian Blomberg als Idealist von brutaler Naivität und Bibiana Beglau als herb-kämpferische seelisch Verwundete sind großartig in ihrer Intensität.

Von archaischer Wucht ist Gotscheffs Inszenierung, man spürt die Wut auf die verdammte Menschheit, die es einfach nicht hinbekommt, aus ihren Fehlern zu lernen. Radikal ist die Arbeit auch in ihrer Optik: Gotscheff stellte das Stück auf eine schräge, leere Spielfläche, eingerahmt von bühnenhohen zementfarbenen Stoffbahnen; eine Anmutung wie ein leeres Silo (Bühne: Ezio Toffolutti). Dieses kalte Land kann überall sein - der Bezug zu all den gerade wieder versandenden oder in blutige Bürgerkriege umschlagenden Revolutionen auf dieser Welt ist offensichtlich. and

"Zement" . Von Heiner Müller, Regie Dimiter Gotscheff, Residenztheater München, nächste Vorstellungen am 19.1. sowie 2. und 22.2., Tel. 089/21 85 19 40.

Köln: "Der gute Mensch von Sezuan"

Brechts alte Parabel von der Unmöglichkeit, im bösen Kapitalismus ein guter Mensch zu sein, erzählt der junge Regisseur Moritz Sostmann mit seinen sechs Schauspielern und einem Dutzend Puppen als Mischung aus Kasperletheater und Performance. Ihre Bühne ist ein großes Spielfeld, mit Orten, die wirken, als hätte die Truppe sie so vorgefunden in der rohen leeren Betonhalle, die dem Schauspiel Köln derzeit als Ausweichquartier dient. Ein Förderband dient auch mal als Laufsteg, ein Müllcontainer mit einem Zigarettenautomaten dran ist der Tabakladen, mit dem die gute Shen Te versucht, ihr Auskommen zu finden. Mittendrin steht ein Flügel, denn Brechts Stück wird hier bei allem Spielwitz mit großem Respekt behandelt, einschließlich der Lieder von Paul Dessau. Die Puppen von Shen Te und später Shui Ta, dem herzlosen Vetter, in den sich das Mädchen verwandelt, um zu überleben, sind von großer Anmut; die Puppen ihrer schmarotzenden Verwandten scheinen eher aus der Muppet-Show zu kommen. Dazwischen wuseln die Schauspieler, springen von einer Rolle in die andere, erwecken die Puppen zum Leben, sind Engel und Musiker und moderne Meisterschüler Brechts. and

"Der gute Mensch von Sezuan", von Bertolt Brecht, Regie Moritz Sostmann, Depot 2 des Schauspiels Köln, nächste Vorstellungen am 11. und 13.1. (beide ausverkauft) sowie 1. und 15.2., Tel. 0221/ 22 12 84 00.

Hamburg: "Don Giovanni. Letzte Party"

Der Angriff des hemmungslosen Entertainments auf das übrige oft schlecht gelaunte Gegenwartstheater ist dieser kluge Bühnenspaß des gerade 30-jährigen Regisseurs Antú Romero Nunes. Man sieht eine Rokoko- und Gruftrock-Show, deren Akteure respektlos und liebevoll Mozarts und Da Pontes Geschichte vom Treiben des Erzschwerenöters Don Giovanni als "Bastardkomödie" (so Nunes' Untertitel) lustig nacherzählen und eher schief nachsingen - in prächtig bunten Kostümen, die Annabelle Witt entworfen hat, und zum Schrammelsound einer siebenköpfigen Frauenband, die aus Mozarts Melodien tollen Klamauk macht. Der Schauspieler Sebastian Zimmler spielt den Giovanni als hektischen Schlaks mit bloßer Brust und hochgetürmter Silberperücke, Maja Schöne ist eine süße, christbaumkugelaugige Donna Anna. Karin Neuhäuser als Abgesandte der Hölle ist der Star des Abends: eine hammerharte Punkschwester, die todeskomisch ihr "Dalla sua pace" raunzt. Hier wird ein berühmter Opernstoff gekapert und tollkühn auf die Höhe der Zeit gebracht, wobei Don Giovanni zwischendurch mal jede Menge weibliche Zuschauer hinter die Theaterbühne lockt, hier wird der Liebeskampf zwischen Männern und Frauen in einem wilden Palaver neu verhandelt - als quietschender Komödienirrsinn. höb

"Don Giovanni. Letzte Party". Nach Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo da Ponte, Regie Antú Romero Nunes, Thalia Theater Hamburg, nächste Vorstellungen am 8.1. und 15.2., Tel. 040/32 81 44 44.

Berlin: "Der Kirschgarten"

Abschied von der Welt von gestern - selten hat ein Theater seinen programmatischen Neustart gleich in der Eröffnungsinszenierung so deutlich gemacht. Das Berliner Gorki Theater unter der neuen Leitung von Shermin Langhoff und Jens Hillje bildet deutsche Realität ab; die Mehrheit der Schauspieler hat einen Migrationshintergrund. Einer davon ist Taner Sahintürk. Im "Kirschgarten", Tschechows Klassiker über die alten Eliten, die die Zeichen der Zeit nicht erkennen, ist er der Emporkömmling Lopachin. Am Ende kauft er den verschuldeten Großbürgern den Kirschgarten ab. Der Regisseur Nurkan Erpulat macht aus diesem Lopachin den Sohn eines türkischen Gemüsehändlers; und im Moment, als ihm das Gut gehört, schreit Sahintürk mit seiner Euphorie auch all die Demütigungen heraus, die er in diesem Deutschland erfahren hat, das immer noch kein Einwanderungsland sein will. Mit den alten Eliten fegt Erpulat auch das alte Bild einer klassischen Tschechow-Inszenierung weg - bei ihm ist das Drama eine grenzübergreifende Mischung aus deutscher, russischer und türkischer Folklore, voll von einer Energie, die mitreißend ist. and

"Der Kirschgarten", von Anton Tschechow, Regie Nurkan Erpulat, Gorki Theater Berlin, nächste Vorstellungen am 9. und 10.1. sowie 8. und 26.2., Tel. 030/20 22 11 15.

Vergangene Woche beschrieben wir hier die fünf besten Inszenierungen neuer Stücke im Jahr 2013

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monotofu 06.01.2014
1. Den Hamburger Don Giovanni
kann ich nur sehr empfehlen. Mit einer kleinen Warnung für humorlose Opernfreunde: Mit dem, was Sie von Mozart kennen, hat es nur noch am Rande zu tun ... obwohl ich mir vorstellen könnte, dass der Wolfi das heute vielleicht so schreiben würde. Meine Lieblingsfigur war dieser wunderbare derangierte Leporello. Schade nur, dass ich nicht mit zur Pausenparty hinter den Vorhang durfte ... :)
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