Theaterinszenierung "In unserem Namen" Wir Herumgeschubsten

Das Berliner Maxim-Gorki-Theater zeigt zwei Wochen lang Kunstwerke und Bühnenaktionen, die sich mit Europas Flüchtlingen, Kriegshorror und Armut beschäftigen - und startet mit Sebastian Nüblings Theaterinszenierung "In unserem Namen".
Maxim-Gorki-Theater: "In unserem Namen"

Maxim-Gorki-Theater: "In unserem Namen"

Foto: Ute Langkafel/ MAIFOTO

An dem Abend, als der angeblich in weiter Ferne tobende Krieg mitten in Europa in den Straßen von Paris losbricht, feiert man in Berlins derzeit aufregendstem Theater ein Friedensfest. "Wenn wir alles tun, dann leben die und wir in einem sicheren Land", heißt es einmal während eines Theaterabends, der von den Schrecken des Krieges in Syrien und Afghanistan erzählen will, aber auch von uns Deutschen. Von deutschen Gesetzen, in denen Politiker die Aufnahme und Abschiebung von Flüchtlingen regeln. Von der Konkurrenz auf dem deutschen Arbeitsmarkt, die angeblich durch die Neuankömmlinge entsteht. Von der Nacktheit der Davongekommen, die zu Beginn einmal deklamieren: "Hauptsache, wir leben."

Im Theatersaal des Berliner Maxim-Gorki-Theaters sind alle Zuschauerstühle ausgebaut, so dass der Raum fast so kahl ist wie Frank Castorfs gerade umgebaute Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz. Bei Castorf hat man den Parkettboden zuasphaltiert, hier lässt man eine Crew von Schauspielerinnen und Schauspielern in Alltagskleidern auf dem polierten Holz flanieren, in Mikrophone sprechen und tanzen. Der Regisseur Sebastian Nübling zeigt ein Werk mit dem Titel "In unserem Namen". Mit Texten aus Elfriede Jelineks Stück "Die Schutzbefohlenen" und aus dessen Vorlage, dem griechischen Drama "Die Schutzflehenden" von Aischylos, sowie mit vielen wortwörtlichen Zitaten aus dem Innenausschuss des Deutschen Bundestags.

Zwei Wochen lang lädt das Gorki seit Freitagabend zu einem "Herbstsalon" mit dem Überthema "Flucht nach Berlin". Es gibt eine Ausstellung von Plakaten und Kunstwerken, in denen Dutzende von Künstlern Werke zum Flüchtlingsdrama zeigen. Am Strand von Lampedusa angeschwemmte Taschenlampen, Zigarettenpackungen und Ausweise von Bootsflüchtlingen zum Beispiel; Videos von Bootsfahrten; auf Schautafeln vermerkte Listen der Morde von deutschen Rechtsradikalen an Flüchtlingen. Über den drei Eingangsportalen des Theaters haben die Aktionisten vom "Zentrum für politische Schönheit" drei der weißen Kreuze angebracht, wie sie früher als Mahnmale für die Berliner Mauertoten benutzt wurden - auf jedem steht der Name eines toten Flüchtlings. Eine "Plattform, um Interventionen zu entwickeln", nennt die Theaterintendantin Shermin Langhoff den "Salon" ihres Hauses.

"Wo ist er, der gastfreundliche Wirt?"

Nüblings "In unserem Namen" soll eine Art Startsignal sein für einen neuen Aufbruch hin zum Politischen im viel gelobten Maxim-Gorki-Theater. Seit gut zwei Jahren leiten Langhoff und Jens Hillje gemeinsam das Haus und verkaufen es brillant als Berlins Weltbühne: als Theaterheimstatt von Migrantinnen und Migranten, in dem Schauspielkünstler mit Wurzeln unter anderem in der Türkei, in Nordafrika und Russland ihre Arbeit tun.

15 Akteure des Hauses, das 2014 in der Kritikerumfrage der Zeitschrift "Theater heute" zum "Theater des Jahres" unter den deutschsprachigen Bühnen gewählt wurde, spielen laut Besetzungszettel an diesem Abend mit. Sie verteilen sich in der durch den Ausbau der Zuschauerstühle entstandenen kahlen Arena unter rund 200 eingelassenen Zuschauern. Man sitzt gemeinsam auf einem Treppenaufbau an der Bühnenrampe, lehnt an den Wänden oder lungert auf dem Fußboden. Eine Schauspielerin ruft ein paar arabische Worte, irgendwann übersetzt eine Kollegin: "Wo ist er, der gastfreundliche Wirt?"

Nur sehr wenige - immerhin gut gewählte - Schlüsselsätze aus Jelineks "Schutzbefohlenen" und Aischylos' "Schutzflehenden" dürfen Nüblings Darsteller sagen. Dazu sprechen sie eigene Texte. Die sind gut gemeint, gut verständlich und manchmal polemisch. Dass die Menschen in Deutschland mitverantwortlich seien für die Kriege in Syrien und im Irak, wird zum Beispiel behauptet: "Haben Sie den Mut, Ihre Verantwortung zuzugeben!" Einmal sagt wer: "Jeder Mensch ist illegal."

"In unserem Namen" ist, freundlich gesagt, ein Kabarettabend mit Tanzeinlagen, wenigen Dichtersätzen und nicht immer freiwilliger Publikumsbeteiligung. Ein paar Szenen sind, unfreundlicher gesagt, gruselig missglückt: So darf eine Darstellerin ekelhafte Neonazi-Witze erzählen, einer der Mitspieler labert als schlechte Kopie des Komikers Michael Mittermeier die Ansichten von Pegida-Sympathisanten nach.

Der Regisseur lässt das Publikum herumscheuchen

Ansonsten aber tut der Regisseur Nübling das, was er am besten kann: Er sorgt für physische Bewegung. Er lässt einen schlaksigen jungen Mitspieler ein Stück an der Seitenwand des Theaters hochrennen und aus ein paar Meter Höhe wieder zu Boden plumpsen. Er arrangiert die Darsteller zu einem schreienden Menschenknäuel. Er stellt Männer und Frauen aus dem Ensemble zu einem Gruppenvideo auf, für das sie gemeinsam in die Kamera nicken. Vor allem aber lässt der Regisseur für all diese Aktionen das Publikum herumscheuchen. Die Zuschauer werden zur Versammlung in die Mitte des Raumes gerufen und mit einem im Kreis geschleuderten Mikrofonkabel-Lasso wieder an die Ränder gedrängt. Das Ziel ist offensichtlich: Wir Theaterbesucher sollen uns genauso herumgeschubst fühlen wie viele der Neuankömmlinge in unserem Land.

Heftig wird derzeit unter deutschen Bühnenkünstlern darüber diskutiert, ob Theaterleute ihr eigentliches Handwerk vernachlässigen oder genau das Richtige tun mit Goodwill-Aktionen, Themenabenden und der Einrichtung von Kurzzeit-Herbergen für die Neuankömmlinge in unserem Land. Täglich wird die Liste der Kunstspektakel und Spendenaufrufe deutscher Theater auf dem Internet-Theatermarktplatz "Nachtkritik" um ein paar neue Aktionen länger. Sebastian Nübling bietet keine klare Antwort auf die Frage, ob es nun toll ist oder gaga, wie sich die Theater angesichts von Flüchtlingsnot und Krieg gesamtgesellschaftlich einbringen. Er formt zwei Theaterstunden lang eine Art Gruppenbewusstsein unter sonst Vereinzelten. Er appelliert nicht an den Verstand seiner Zuschauer, sondern an ihre Emotion. Er inszeniert ein Solidaritätspalaver. Es fühlt sich, an einem Abend, an dem in den Pariser Straßen der Kriegshorror ausbricht, gar nicht so schlecht an.

"In unserem Namen" Inszenierung von Sebastian Nübling am Maxim-Gorki-Theater  in Berlin.

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