Theaterpremiere Brecht wie im Rausch

Wenn der "Puntila" kommt: Bertolt Brechts vollblütiges Volksstück thematisiert Klassenkampf und Menschenwürde, ein Paradestück für Paradeschauspieler. Regisseur Michael Thalheimer inszenierte in Hamburg intensiv und reduziert - ein Drahtseilakt auf höchstem Niveau.

Ein ziviler Feldherr zwischen zwei Schlachten: Der ernste Blick ins Weite, die Brust heraus, die Smokingschleife fürs erste gelöst, verschwitzt und rotgesichtig, so tritt Thalheimers Hamburger Puntila an die Rampe. Selbstherrlich, dröhnend, kraftvoll, ein Herrscher mit Macht, vor dem gekrochen wird. Alles wie gehabt, Brecht vom Blatt? Die Atmosphäre bleibt zunächst ambivalent, ein Spiel mit Erwartungen. Die Drehbühne, mithin Puntilas Welt, rotiert hinter ihm, Schwindel erregend schnell, immer nur Wände und kalte Flächen. Bewegung um eine starke Mitte, die nirgendwo hin führt.

Es dauert ein paar endlose, zehrende Minuten, dann kommt dieser Herr Puntila auf Touren, singt seine ersten Zeilen fast, bricht aus der Erstarrung und erhebt seinen Knecht Matti aus dem Staub des Bediensteten-Daseins und Chauffeurs in den Rang eines Freundes. Der Rausch macht's, denn unter Alkohol verbrüdert sich der Grundbesitzer und Kapitalist mit dem gemeinen Volk und meint es gut mit ihm. Dass das gut Gemeinte allerdings auf Dauer nicht gut gehen kann, zeigt dann die gnadenlose Nüchternheit: Der Kapitalist bleibt Kapitalist, da helfen keine Drogen. Oder doch? Was Bertolt Brecht 1940 im finnischen Exil (basierend auf einem Stück der Autorin Hella Wuolijoki) schrieb, ging schon immer über die sozialistische Dualität hinaus, zielte mehr auf die profunde Menschlichkeit als auf die Ideologie und war stets locker als pralles Theater inszenierbar, ohne dass die politische Botschaft litt.

Regisseur Michael Thalheimer interessieren freilich keine Klassenkampf-Parolen, und wer seine reduzierten, äußerlich kargen, knappen Inszenierungen kennt, weiß, dass er stets tief in die Beziehungen der Menschen untereinander eindringen kann. Und ihm gelingt dies mit stets starken Bildern und genauer Personenregie. Folgerichtig, dass der Herr Puntila und sein Knecht Matti für ihn keine Antipoden sind, sondern eher komplizierte Sozialpartner. Ist der Herr betrunken, jovial und fast visionär, wird auch der Knecht zum beredten Analytiker und selbstbewusstem Partner. Nüchtert der Chef aus, mutiert der Matti zum fast autistisch stammelnden Unterschichtler. Kein Teufelskreis, eher ein Gefängnis mit wechselnden Zellen: Das Bühnenbild (Henrik Ahr) schafft abstrakte Räume mit hohen, glatten Wänden, in denen höchstens Selbstbespiegelung möglich ist, keine Flucht. Puntila sucht sogar die körperliche Nähe zum Knecht, knutschende Kapitalisten dürften selbst Brecht amüsiert haben - zumal trotz fetzigen Lippenkontaktes zwischen Puntila und Matti alles andere als Erotik lodert.

Sinnsuche als Slapstick-Action

Man hat sich im Gefängnis des Lebens eingerichtet: Puntilas Tochter (überdreht und komisch: Katrin Wichmann als eine rustikale Prinzessin) spielt die trotzige Göre und schickt ihren Verlobten, den verklemmten Attaché, in die Wüste (skurril und enorm bewegungsbegabt: Ole Lagerpusch). Stattdessen will der bedröhnte Puntila sie mit seinem proletarischen Chauffeur verheiraten. Alle treffen sich munter in der Sauna und sinnieren über die körperliche Liebe - eine der ulkigsten Szenen der Inszenierung, nie war Nacktheit komischer. Und selten gelang der Wechsel zwischen praller Komödie und Verzweiflung schneller und präziser. Immer verzweifelter versucht der Herr, Nähe und Liebe zu ergattern. Die bizarre Reihenverlobung im Vollrausch mit gleich drei Damen (komödiantisch routiniert: Anna Blomeier, Leila Abdullah und Anna Steffens) gestaltet sich als atemlose Fließband-Aktion, Sinnsuche als Slapstick-Action, die grausam in Ernüchterung endet. Immer mehr Alkohol muss her, den Puntila als fast ertränkende Dusche von ganz oben erlebt, göttliche Gnade des Vollrauschs.

Dennoch gönnt Thalheimer seinen beiden Helden eine Quasi-Erlösung: Am Ende sehen sie Licht, die Sonne geht auf über dem Berg, den beide erklommen haben. Der erschöpft sitzende Puntila, der erleuchtet blickende Matti, eine verglichen mit den anderen Szenen, schier endlose, meditative Sequenz, an deren Ende Matti seinem Herrn die Augen zudrückt: Erlöst von der Welt, erlöst vom Rausch und Leben. Bewegend.

Natürlich steht und fällt ein solch eingedampftes Regie-Konzept mit den beiden Hauptdarstellern. Norman Hacker als Puntila lieferte einen federleichten Kraftakt ab: Seine tänzerische Stimme, die alle Zwischentöne anschlagen kann, führte schon allein die Rolle. Seine Bewegungen illustrieren die Figur ebenso wie der Brecht-Text: kongenial. Hacker, obwohl figürlich kein Riese, verleiht seinem Puntila sehnige Größe, unbändige Energie, würdige Komik. Kaum weniger beeindruckend der Matti von Andreas Döhler, der den emotionalen Wechselbädern seines Chefs stets druckvoll Paroli bietet und ihn am Schluss gar überholt und auffängt. Zwei Stunden intensives Brecht-Studium mit erhellendem Ergebnis, das zu Recht mit enthusiastischem Beifall bedacht wurde. Derzeit scheint am Thalia-Theater alles zu gelingen. Schon jetzt darf die Saison als großer Erfolg verbucht werden.

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