SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

23. September 2011, 13:15 Uhr

Theaterpremiere "Fall der Götter"

Parcours von Gewalt, Sex und Macht

Von

Mit "Die Verdammten" schuf Luchino Visconti ein cineastisches Meisterwerk über Faschismus und Dekadenz. Stephan Kimmigs psychologisierende Theaterversion fürs Hamburger Schauspielhaus setzte neue Akzente - brachte aber keine frischen Erkenntnisse.

Eine feine Familie, diese von Essenbecks: Schlotbarone im Ruhrgebiet, personifizierte Macht, Steigbügelhalter für politische Emporkömmlinge im Jahre 1933. Wie sich der Stahl-Adel (unschwer als Firma Krupp zu dechiffrieren) und Hitler-Faschismus in einer rauschhaften Liebesheirat vermählen, das zeigte der italienische Regisseur Luchino Visconti 1969 in seinem grandiosen Kinoepos "Die Verdammten". Bildermächtig, sinnlich, abgründig und perfekt besetzt, lieferte Visconti die ästhetisch aufbereitete Analyse von Faszination und Gewaltbereitschaft im Faschismus - und wie er durch die kapitalistische Wirtschaftform ideal verstärkt wird. Die Leinwand ächzte förmlich unter der Wucht dieses Werkes. Was bringt einen gefeierten Theaterregisseur nun dazu, eben dieses Drehbuch für die Bühne zu bearbeiten? In seiner Inszenierung "Der Fall der Götter" (nach dem Originaltitel "La caduta degli dei" benannt) am Hamburger Schauspielhaus blieb Stephan Kimmig diese Antwort schuldig.

So hat das Deutsche Schauspielhaus zum Beispiel eine sehr große Bühne, aber die nutzte Stephan Kimmig gar nicht mal aus, denn er transformierte das Breitwand-Werk in ein Kammerspiel. Damit raubte er seinem Drama die nötige Fallhöhe. Die Bühnenbildnerin Katja Haß gestaltete dazu eine Rampe, seitlich offen gehalten, die ins Parkett ragte. Das soll Nähe zum Publikum erzeugen, Intimität simulieren, aber schon in der ersten Szene wird wenig agiert, dafür kräftig diskursiert: Thema Faschismus, Proseminar der historischen Fakultät für erste Semester, es droht ein Erklärstück aus dem Meta-Theater. Doch dieser theorieschwere Anlauf ist schlicht dem leicht übergewichtigen Sujet geschuldet, denn trotz aller Routine scheute Kimmig wohl vor dem erzählerischen Brocken, der geschultert werden muss, zurück.

Nur langsam nimmt das Drama Fahrt auf: Rund um wenig Mobiliar - eine Badewanne, zwei Bänke, ein Tisch, ein Stuhl - kreist das dramatische Personal, die Essenbecks. Kinder, Bekannte, Verwandte, Schwiegersöhne, alle werden mühevoll und temporaubend vorgestellt, ohne dass lange Zeit Wesentliches passiert. Diese Exposition ist für die Schauspieler durchaus fordernd, denn schnell stellt sich heraus, dass alle mehrere Rollen meistern müssen, was paradoxerweise keine Dynamik sondern dramaturgische Lähmung erzeugt.

Ein bombastische Vorgabe

Die Geschichte der von Essenbecks geht vom Tod und Testament des Familienoberhauptes aus, in deren Verlauf der Kampf ums Erbe parallel mit dem Aufkommen der Nazi-Herrschaft, dem Reichtagsbrand und der Ermordung politischer Gegner verschränkt wird. SS, SA und Sozialdemokratie treffen auch im Hause Essenbeck aufeinander. Das ist in Viscontis Film als böse Farce aufbereitet, die melodramatisch aufgepumpt und beinahe überästhetisiert explodiert. Wenn Martin von Essenbeck (im Film sehr fies vom jungen Helmut Berger gespielt) die kleine Nachbarstochter vergewaltigt, ist dies keine voyeuristisch dargestellte Sexualgewalt, sondern Visualisierung einer perversen Ideologie, die Gewalt nicht nur toleriert, sondern fordert.

Da fügt die Bühnenversion nichts hinzu: Stephan Kimmig, eigentlich ein Experte für psychologische Nuancen und filigrane Zeichnung von Individuen und Situationen, hechelt den Figuren und ihren Konflikten nur hinterher. Das führt immerhin zu enormen Leistungen der Schauspieler, die sich durch einen Szenen-Parcours rund um Gewalt, Sex und Macht kämpfen müssen. Das junge Duo Julia Nachtmann und Katja Danowski bewältigt neben Rollen vom Kindesalter zu Erwachsenen auch noch musikalische Hilfsdienste, Auftritte als Zeremonienmeisterinnen und Kraxeleien über Bühnenaufbauten. Markus John gibt den kinderschändenden Oberbösen in der Helmut-Berger-Rolle, und Samuel Weiss schlägt wacker die Brücke vom SA-Mann Konstantin von Essenbeck zum Sozialdemokraten Thalmann. Sie alle kämpfen sich durchs immer dichter wachsende Drama-Dickicht, doch alles ist stets mehr Bewältigung als Bewegung. Zudem müssen sie auch noch Musikinstrumente spielen, die sie nur wenig beherrschen. Gründe für diesen Regieeinfall erschließen sich nicht.

Dafür halten die von Essenbecks aber durch bis zum Ende. Die interessanteste Entwicklung im Verlauf des Stückes bietet dabei der junge, enorm talentierte Sören Wunderlich, der vom intellektuell verdrucksten und linkischen Günther von Essenbeck erst zum schneidigen, auftrumpfenden SS-Mann mutiert und später, nach Ende des Zweiten Weltkrieges, als selbstbewusster Konzernchef auftritt. Ihm geht in seiner raffinierten Schlussrede der Name Konrad Adenauer so flüssig über die Lippen wie ehedem Hermann Göring oder Heinrich Himmler. Das ist schön herauspräpariert. Aber die Erkenntnis, wie überlebensfähig Geld und Macht sind, reißt keine neuen Horizonte auf.

So verpufft der Schluss wie viele Ansätze in dieser Bearbeitung. Ein Profi wie Kimmig hätte wissen können, dass er mit einer solchen Herangehensweise eine Bauchlandung riskiert. Aber vielleicht hatte der Regisseur andere Antriebsgründe als künstlerischen Ehrgeiz? Wollte er dem derzeit leicht darbenden Schauspielhaus womöglich mit seiner Star-Power einen Gefallen tun? Wenn ja, warum musste es dieses "verdammte" Stück sein? Reichlich Schlussbeifall gab's trotzdem, und die Akteure zumindest hatten es auch verdient.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung