Theaterpremiere "Liebe und Geld" Der Teufel trägt Einkaufstaschen

Liebe in Zeiten der Kaufsucht: In Dennis Kellys Stück "Liebe und Geld" läuft die Beziehung zwischen Ökonomie und Menschlichkeit komplett aus dem Ruder. Die Premiere am Hamburger Thalia Theater präsentierte kontrollierten Sozial-Amok wie aus dem Regiehandbuch.


Der Tod war schon da: Die schöne Jess hat sich aus Verzweiflung umgebracht, ihr Mann flirtet bereits per E-Mail mit einer anderen - das harte Leben in der ökonomischen und sexuellen Kampfzone geht schließlich weiter. "Liebe und Geld" nannte der englische Autor Dennis Kelly sein Stück, und in dieser lakonischen Kürze ist bereits die kalte Hölle skizziert, in der alle sechs Personen des Dramas verzweifelt vor sich hin zittern.

Es geht um Kohle und das stete Kalkül, wie man sicher und gewinnbringend durchs Leben kommt, koste es, was es wolle. Und manchmal ist es günstiger, sich gleich die Kugel oder ein paar Pillen zu geben, wenn man nicht mehr mithalten kann. Jess hat im Kaufwahn so viele Schulden angehäuft, dass sie nur noch den Selbstmord als Ausweg sieht. So sieht es auch ihr Mann David, der als Lehrer viel zu wenig verdient - er ruft keinen Arzt, sondern hilft mit Wodka beim Freitod etwas nach. Raus aus den Schulden, auch wenn es ein Leben kostet.

Am Hamburger Thalia Theater inszenierte Stefan Kimmig das verschachtelte Sozialdrama, dessen komplexe Struktur und Aktualität ihn spürbar inspirierte. Die komplizierte Szenenfolge erforderte eine entschlossene Regie: Genau das Richtige für den ebenso routinierten wie erfolgreichen Kimmig, dessen Inszenierungen wie Schillers "Maria Stuart", Williams' "Endstation Sehnsucht" oder Ibsens "Nora" zu den besten Thalia-Produktionen der letzten Jahre gehören.

"Liebe und Geld" war ein Blick in die Zukunft: Bereits 2006 hatte der Londoner Autor Dennis Kelly, Jahrgang 1970, das Stück geschrieben, das hellsichtig die Folgen der aktuellen Wirtschaftskrise vorwegnahm und beinahe ein Protokoll der sozialen und menschlichen Kollateralschäden des ökonomischen Niedergangs auffächert. Mit einer Fülle von Zeitsprüngen stellt Kelly die Geschichte des attraktiven und optimistischen Paares Jess und David dar, das von exzessivem Konsum und emotionaler Leere in die Katastrophe getrieben wird. Morbide Momentaufnahmen einer Zersetzung, der beide nicht entgehen können.

Laborversuch am lebenden Objekt

Auch die Personen um sie herum kennen diese Leere: Die Eltern von Jess sind bigotte Seelenkrüppel, die nur sich selbst und ihre Befindlichkeiten kennen. Davids Exfrau bietet ihm einen neuen Job in ihrem Telekommunikationsunternehmen an, doch eigentlich will sie nur sehen, wie er sich voller Angst vor sozialem Kollaps windet und bettelt - ein rachsüchtiger Laborversuch am lebenden Objekt. Als Vorschlag für schnelles Geld schlägt sie ihm Pornografieverkauf im Internet vor - offenbar mit Erfolg, denn bei Jess' Beerdigung zeigt ein Bekannter die Ergebnisse von Davids Produktion feixend herum.

Für Kimmigs schnellen Bilderbogen haben Katja Haß und Oliver Helf eine doppelbödige, sehr schlüssige Bühne entworfen: Ein gedrängt kompakter, quadratischer und drehbarer Wohnkasten vor einer weiten Leere der restlichen Bühne. Alle Akteure quetschen sich in ihren Sozialknast-Würfel, während außerhalb das Nichts wohnt - ein ebenso schlichtes wie überzeugendes Bild für Innenwelt und Außenwelt der Personen. In dieser Enge wird geputzt, geliebt, geschlafen und geheiratet: wie die Ratten in einem Käfig, dessen Enge für Aggression und Wahnsinn sorgt.

Der Aufbau des Stückes, der die Charaktere der Personen sauber und etwas reißbrettartig abarbeitet, führt zu einer szenischen Nummerrevue, die allerdings den Vorteil hat, dass der Zuschauer bei allen Zeitsprüngen und Perspektivwechseln immer auf Augenhöhe der Handlung bleibt. Solides Rampentheater: Ein wenig wie aus dem Lehrbuch des britischen Sozialdramas, aber gut zu bearbeitende Knetmasse für Schauspieler.

Komik und Todesahnung

Allen voran spielen sich Daniel Hoevels als David (ein charmant-böser Hugh-Grant-Verschnitt) und Susanne Wolff als hilflos zerfließende Jess die Seele aus Leib, ihre Monologe pressen alles aus Dennis Kellys Zeilen, und so gewinnt manche Szene eine fast makaber-burleske Qualität - etwa als Jess leicht angeschickert auf ihrer Hochzeit die "kosmologische Konstante" der göttlichen Schöpfung haarklein und haarsträubend erklärt. Dieser Kosmos an rührender Verzweiflung und tieftrauriger Angst ist zwischen Komik und Todesahnung eine kleine Sternstunde der Wolffschen Schauspielkunst.

Stefan Schad und Sandra Flubacher durchmessen als Jess' Eltern mit böser Komik alle Untiefen ihrer sozialen Krämerseelen, Hartmut Schories' Figur als schleimiger Freund des Hauses sekundiert mit zynischer Kälte und hämischen Hilfsangeboten. "Viele Möglichkeiten, wie wir's angehen können!", lautet sein penetrantes Credo.

Viktoria Trauttmansdorff spielt als erfolgreiche Unternehmerin und Exfrau von David zwischen Verletztheit und kalter Wut die Bestangepasste des Personals. Ihre Bündelung von gewalttätiger Persönlichkeit, sozialsadistischen Neigungen und zielgerichteter Intelligenz bieten genau das zeitgemäße Arsenal an Verhaltensmustern, das in die Zukunft weist: Nachdem sie David im Vorstellungsgespräch zerstört hat, ist er erst fähig, seine Jess sozial verträglich zu töten. Lektion gelernt, lebenstüchtig geworden.

Für den schwarzhumorig düsteren Bilderbogen gab es freundlichen Beifall für die Darsteller und das Regieteam, für Daniel Hoevels und Susanne Wolff berechtigten Jubel. Leider soll dies für längere Zeit die letzte Kimmig-Inszenierung in Hamburg gewesen sein, er folgt Intendant Ulrich Khuon ans Deutsche Theater Berlin. Ein Kimmig-Comeback wäre auf jeden Fall zu wünschen.



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