Theaterprofis Schmidt und Winkler "Die Leute wollen Strumpfhosen statt Hinrichtungen"

2. Teil: Nicht Hosen runter, Strümpfe rauf!


Winkler: Nicht Hosen runter, Strumpfhosen anziehen, das ist heute das Mutige!

Schmidt: Hier in Stuttgart sitzt ein abgeklärtes Bürgertum im Theater, das schon in den siebziger Jahren alles mitgemacht hat, das kann man nicht provozieren. Die Leute hier wollen Porsche- und Mercedesqualität sehen, denen kannst du Massenhinrichtungen auf der Bühne zeigen oder einen Hund, dem der Kopf abgebissen wird, da zucken die nicht mit der Wimper. Deshalb sagen wir: Raus mit den Strumpfhosen! Unsere Behauptung heißt: Wir spielen Willi Shakespeare, wie es sich gehört. So hätte Willi es sich gewünscht. Wegen Willi wieder ins Theater gehen!

Winkler: Ganz pur. So ähnlich wie das, was ich hier auf den Proben gesehen habe, muss das Theater zu Shakespeares Zeiten gewesen sein. Ohne intellektuelle Kacke, wie so ein Comicmärchen. Und mit einer tollen Fechtszene, die noch länger und aufregender ist als in unserem "Hamlet".

SPIEGEL: Sind Sie sich im Moment vielleicht gerade deshalb so einig, weil Sie beide ihre ersten Theaterlektionen in Stuttgart an der gleichen Schauspielschule erhalten haben?

Schmidt: Echt? Das war mir gar nicht klar. Ich wusste nur, dass Sie, Frau Winkler, in Castrop-Rauxel angefangen haben und von dort direkt an die Schaubühne nach Berlin gegangen sind.

Winkler: Ich bin nach zwei Monaten aus der Schule rausgeflogen. Es gab da diese Frau Ellerbriek...

Schmidt: ...ich erinnere mich nebulös...

Winkler: ...bei der sollten wir Improvisation lernen. Wir mussten uns bewegen und stehen bleiben, wenn die Musik aufhört, ein bisschen wie bei Reise nach Jerusalem. Ich bin aber nie stehen geblieben. Ich wollte nicht. Deshalb bin ich rausgeflogen. Ich habe dann in München noch ein paar Privatstunden genommen, habe die Bühnenreife-Prüfung abgelegt und bin nach Castrop-Rauxel ins Engagement gegangen.

Schmidt: Ich war die vollen zwei Jahre lang in Stuttgart, danach war ich drei Jahre in Augsburg. Ich habe einen extrem schlechten Start in den Beruf erwischt. In einem Theater wie Augsburg hätte ich als Anfänger eigentlich ein paar große Rollen kriegen müssen. Aber es war da eine Konstellation, in die ich einfach nicht reinpasste. Also schrieb ich 50 Bewerbungen. Und bekam keine Antwort. Und Sie, Frau Winkler, haben nur einen einzigen Brief aus Castrop-Rauxel an die Schaubühne geschrieben und schon kamen die alle angereist, um Sie zu begutachten, stimmt das?

Winkler: Ja, ich hab den Brief noch, in dem ich schrieb, dass ich gerade aus dem Film "Easy Rider" komme und jetzt nach Berlin will. Ich habe auch die Antwort von Peter Stein noch. Als Bruno Ganz und die anderen vom Bewerbungskomitee der Schaubühne, das es damals gab, dann nach Castrop-Rauxel kamen, waren sie alle schwarz angezogen und trugen lange Zöpfe. Und sie sagten: "Wir machen nicht 'Easy Rider', wir machen Kunst."

Schmidt: Das finde ich phänomenal, dass die gekommen sind.

SPIEGEL: Wären Sie, Herr Schmidt, vielleicht nie zum Kabarett und dann zum Fernsehen gegangen, wenn Sie im Theater gleich groß rausgekommen wären, wenn es an der Schaubühne mit Ihnen sofort richtig geknallt hätte?

Schmidt: Vermutlich wäre ich beim Theater geblieben. Ich brauchte das Fernsehen als PR, weil man als Kabarettist bekannt sein muss. Vor zehn Leuten Kabarett zu spielen ist romantisch, aber nur zwei Wochen.

SPIEGEL: Und was zieht Sie jetzt zurück zum Theater? Die Romantik? Oder die Verzweiflung über das, wie man gerade überall hört, angeblich schwer kriselnde und total verrottete Fernsehen?

Schmidt: Das Fernsehen hat gar keine Krise. Ich bin in diesen Tagen wieder zu einem glühenden Verteidiger des Fernsehens geworden, weil es funktioniert.

Winkler: Ich fühle mich durch Fernsehen nicht angesprochen. Nur Dokumentarfilme sehe ich manchmal ganz gern. Aber sonst? Da lese ich lieber ein Buch, fummele bei mir zuhause rum oder rede mit meiner Tochter. Mit der kann ich mich stundenlang beschäftigen, die ist so anregend. Besonders gern sehe ich mir das Theater RambaZamba an, in dem meine Tochter mitspielt.



insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 24.10.2008
1.
Ich guck lieber Bildschirmtheater und da auch die eher längeren Stücke (so 22 Folgen á 42 Minuten). Ich hab nichts gegen Theater, aber ich wüsste ehrlich gesagt nicht mal, was die bringen und ob mich das interessieren würde.
Juliane Fuchs, 24.10.2008
2.
Zitat von sysopEs tut sich viel auf deutschen Bühnen - das aktuelle SPIEGEL-Interview mit Angela Winkler unbd Harald Schmidt thematisiert es aus Schauspielersicht. Gehen Sie gern ins Theater? Was gefällt Ihnen, was nervt? Was wünschen Sie sich vom Theater?
Zuvörderst, daß das Theater zum Respekt vor den Werken zurückfindet, von denen es lebt. Das Theater ist für die Stücke da, nicht die Stücke fürs Theater, damit es daran sein Mütchen kühle.
Peter-Freimann 24.10.2008
3.
Zitat von sysopEs tut sich viel auf deutschen Bühnen - das aktuelle SPIEGEL-Interview mit Angela Winkler unbd Harald Schmidt thematisiert es aus Schauspielersicht. Gehen Sie gern ins Theater? Was gefällt Ihnen, was nervt? Was wünschen Sie sich vom Theater?
Zunächst mal SCHLIESSEN! Nach einer gewissen Pause eine zeitgemäße, moderne und aufgeklärte Neuorientierung an den Werken, an dem Potential der Schauspieler, den Möglichkeiten des Theaters überhaupt und NICHT denen der Videoästhetiken, der Trash-TV-Formate und anderer weitaus schlichterer Konsumwelten außerhalb der Bühne. Nie wieder Regisseurtheater, denn eine angemiefte, verkorkte Selbstbespiegelung eitler ewiggestriger Kulturschaffender kann von Shakespeare bis Horvath, von Aischylos bis Dürrenmatt, niemals den Werken und einer geistigen Auseinandersetzung mit diesen gerecht werden.
supercat 24.10.2008
4. Theater ist toll
Zitat von sysopEs tut sich viel auf deutschen Bühnen - das aktuelle SPIEGEL-Interview mit Angela Winkler unbd Harald Schmidt thematisiert es aus Schauspielersicht. Gehen Sie gern ins Theater? Was gefällt Ihnen, was nervt? Was wünschen Sie sich vom Theater?
Ich gehe sehr gerne ins Theater, und ich liebe es, dabei überascht,und auch provoziert, vor den Kopf gestossen, bezaubert und berührt zu werden. Werkstreue gab es noch nie, nicht als Goethe Theaterdirektor war, nicht bei Max Reinhardt, nicht bei Gründgens, Kortner, Zadek und nicht bei Baumbauer oder Bondy. Sie ist alleine die Wunschvorstellung des Zuschauers sein eigenes Bild vom Stück, auf der Bühne verwirklicht zu sehen. Theater das bunte Kulissen, hat, hübsche Kostüme zeigt, und wo Texte nur deklamiert, und nicht gedacht und gespielt werden, war schon immer Provinziell und langweilig. Der Wunsch nach einer allein richtigen Kunst, nervt, und war nie der Nährboden von Kultur.
ray05, 24.10.2008
5.
Zitat von sysopEs tut sich viel auf deutschen Bühnen - das aktuelle SPIEGEL-Interview mit Angela Winkler unbd Harald Schmidt thematisiert es aus Schauspielersicht. Gehen Sie gern ins Theater? Was gefällt Ihnen, was nervt? Was wünschen Sie sich vom Theater?
Frage 1: Nicht mehr. Zum Schluss war mir völlig unklar geworden, was der ganze Mummenschanz zu bedeuten hat. Frage 2: Es gab mal eine Faustaufführung in den Kammerspielen; da lief ein nackiges Nummerngirl mit ihrer Nummerntafel quer über die Bühne, vor jeder Szene. Das hat mir gefallen. Genervt hat, dass zwischendurch auch andere Leute auf der Bühne standen, sogar der Teufel! Fast wär ich aufgesprungen und hätte dem eine geklebt! Frage 3: Ich wünsch mir nichts vom Theater; die haben doch eh kein Geld, mir was zu schenken, oder?
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