Theaterstreit Kampf gegen den Frischfleischwahn

Berliner Dramatiker beklagen den Hype um neue Stücke: Sie würden einmal aufgeführt - und dann nie wieder. Gegen die Ex-und-Hopp-Mentalität des Kulturbetriebs wollen sie nun ein Zeichen setzen.

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Es gibt zurzeit vermutlich mehr neue Theaterstücke als je zuvor, und dennoch werden sie den meist jungen Dramatikern aus den Händen gerissen - wenn es denn um Uraufführungen geht. Das liegt auch daran, dass Uraufführungen die Kritiker der überregionalen Blätter locken. Schon mal Gezeigtes hingegen gilt schnell als oll - und hat es schwer, es noch einmal an einem anderen Haus auf den Spielplan zu schaffen.

Eine Ex-und-Hopp-Mentalität, die die normale und notwendige Selektion vielleicht fördert, vielleicht aber auch verhindert: Einem Nachwuchsautor wird es zwar relativ leicht gemacht, überhaupt erst einmal wahrgenommen zu werden, aber unglaublich schwer, sich zu etablieren - selbst wenn seine Stücke gut sind.

Den Hype um die neue Dramatik beklagen daher ausgerechnet die Dramatiker: Natürlich geht es ihnen auch um finanzielle Interessen, aber nicht nur. Es sei zu einem "Trendsport für Intendanten" geworden, "in immer weniger Tagen immer mehr Uraufführungen zu stemmen", heißt es in einem bis heute viel diskutierten Manifest, das eine Gruppe aus Berlin, die Battle-Autoren, im vergangenen Jahr veröffentlicht hat. Darin forderten sie mehr Zweit- und Drittinszenierungen einmal bewährter Stücke: "Qualitätsgeilheit statt Frischfleischwahn". Erst jüngst legte der Dramatiker und Battle-Autor Rolf Kemnitzer noch einmal nach mit Artikeln in den Fachblättern "Die Deutsche Bühne" und "Theater der Zeit". Nun aber sagt er: "Wir müssen dem nicht enden wollenden Gequatsche ein Ende setzen."

Worten sollen Taten folgen, und so organisiert er gemeinsam mit seinen Kollegen, den Kleist-Förderpreis-Trägern Katharina Schlender und Andreas Sauter, vom 12. bis 14. Dezember die "DramaTischTage" im Berliner Orphtheater. In szenischen Lesungen präsentieren sie dort "herausragende Theaterstücke der vergangenen zehn Jahre", die fast alle schon in anderen Städten uraufgeführt worden sind, aber Berlin mit einer Ausnahme nie erreicht haben: das Familiendrama "Zugluft" von Claudius Lünstedt, "Schrottengel" von Petr Zelenka, "Lenz" von Katharina Gericke, "Weltuntergang Berlin I und II" von Lothar Trolle und die Don-Quichote-Adaption "Herr Ritter von der traurigen Gestalt" des anonymisierten Autorenkollektivs Soeren Voima, hinter dem sich in diesem Fall aber wohl allein Christian Tschirner verbirgt. Zum Abschluss des Kleinst-Festivals ist eine Podiumsdiskussion geplant mit dem Titel: "Braucht Berlin ein Autorentheater?"

Der Dramatiker Kemnitzer und die anderen Battle-Autoren überlegen nämlich, die schon jetzt üppig ausgestattete Bühnenhauptstadt Berlin um ein weiteres Haus zu ergänzen: ein Autorentheater, das zeitgenössische Dramatik sorgfältig pflegt. "Wir denken tatsächlich an so eine Gründung, aber das findet noch nicht morgen statt", sagt Kemnitzer. Vorstellen kann er sich auch ein Autorentheater, das an eine der bestehenden Bühnen angebunden ist. "Das muss sich jetzt Schritt für Schritt entwickeln."


DramaTischTage: am 12. Dezember um 19 Uhr "Zugluft" von Claudius Lünstedt und um 21 Uhr "Schrottengel" von Petr Zelenka; am 13. Dezember um 19 Uhr "Lenz" von Katharina Gericke und um 21 Uhr "Weltuntergang Berlin I und II" von Lothar Trolle; am 14. Dezember um 19 Uhr "Herr Ritter von der traurigen Gestalt" von Soeren Voima und um 21 Uhr eine Podiumsdiskussion zum Thema "Braucht Berlin ein Autorentheater?", jeweils Berliner Orphtheater, Ackerstraße 169, Karten: Tel. 030/441 00 09.



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Stimme der Vernunft 06.12.2008
1. Das Drama ist ein Anachronismus
Die Dramatiker bestätigen nur, was einem ein Blick auf die Geschichte des Dramas leicht bestätigen wird: Das Drama, das von einem einzelnen Autoren geschrieben wird, ist überkommen. Es hat sich erledigt. Was bleibt, sind sehr wenige Texte, die die Qualität haben, auf Bühnen zu überdauern, einige wenige davon, weil sie von Anfang an für Theater gedacht waren. Der Rest, weil es darin um etwas geht, was zur Sprache drängt. Dagegen sind die meisten heutigen Stücke kunstgewerbliche Massenware von der Stange. Da ist es nicht schade, wenn die nach einer Aufführung verschwinden.
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