Berliner Theatertreffen Durchbruch, Aufbruch und ein Deichbruch

Hollywood hat die Oscars, die deutschsprachigen Bühnen haben das Berliner Theatertreffen. Heute wurde die Auswahl für 2017 bekanntgegeben: Diese zehn Inszenierungen sind dabei.

Birgit Hupfeld

Das ganze Jahr über sind sieben Kritikerinnen und Kritiker im Auftrag der Berliner Festspiele durch den deutschsprachigen Raum gereist, um die zehn Inszenierungen auf deutschsprachigen Bühnen zu finden, die ihrer Meinung nach die "bemerkenswerten" dieser Saison sind. Sie werden beim Berliner Theatertreffen (5. bis 21. Mai) präsentiert.

Die Auswahl für das 54. Berliner Theatertreffen ist in diesem Jahr eine ziemlich bunte Mischung. Viele junge Regisseure, nicht nur Stadttheater und nicht nur Metropolen. Das ist bemerkenswert. Ein klarer Trend ist aber nicht zu erkennen. Die Festivalleiterin Yvonne Büdenhölzer drückte es so aus: Das Theater zeige sich "vielschichtiger, offener und durchlässiger denn je". Die Regisseurin Claudia Bauer muss mit ihrer Inszenierung des Wenderomans "89/90" aus Leipzig die ostdeutsche Theaterlandschaft wieder einmal allein vertreten; Bauer ist auch die einzige Regisseurin in der Auswahl.

"Die Vernichtung", Regie Ersan Mondtag, Konzert Theater Bern

Letztes Jahr war Ersan Mondtag mit seinem bildmächtigen, verrätselten Gruselmärchen "Tyrannis" beim Theatertreffen der Shootingstar; dieses Jahr muss der junge Berliner beweisen, dass er den Titel verdient hat (und es wird sicher ein paar Kritiker geben, die das nicht finden). Am relativ kleinen Theater der Stadt Bern hat er wieder ein Gesamtkunstwerk geschaffen und den Text der jungen Autorin Olga Bach über eine "Gemeinschaft unterbeschäftigter Gutmenschen" in ein grünwucherndes vermeintliches Paradies versetzt.

"Real Magic", Regie Forced Entertainment, PACT Zollverein, Essen / HAU Berlin / Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt u.a.

Die deutsch-britische Performancetruppe Forced Entertainment unter der Leitung von Tim Etchells existiert seit mehr als 30 Jahren, sie hat schon postdramatisches Theater gemacht, bevor das Wort überhaupt die deutschen Theaterwissenschaftsseminare erreicht hat, und sie ist seit Jahren fester Bestandteil in den Programmen internationaler Produktionshäuser wie zum Beispiel dem PACT Zollverein in Essen und dem Hebbel am Ufer Berlin. Soll heißen: Die Einladung zum Theatertreffen kommt reichlich spät. Aber vielleicht ist "Real Magic" ja wirklich die beste Forced Entertainment-Show aller Zeiten. Die drei Darsteller brauchen nicht viel, um eine Quiz-Show auf die Beine zu stellen - und daraus laut Jury einen Abend "zum Totlachen und zum Verrücktwerden" zu machen.

"Der Schimmelreiter", Regie Johan Simons, Thalia Theater Hamburg

Regisseur Johan Simons, Jahrgang 1946, hat als Kind in seiner niederländischen Heimat eine Überschwemmungskatastrophe erlebt, die ihn nach eigener Aussage traumatisiert hat. Es war wohl unvermeidlich, dass Simons, noch Leiter der Ruhrtriennale und ab 2018 Chef des Bochumer Schauspielhauses, irgendwann bei Theodor Storms Deichnovelle landen würde. Hamburg war der richtige Ort dafür. In seiner fast protestantisch-strengen Inszenierung konzentriert sich Simons ganz auf das Wort - Jens Harzer als Deichgraf Hauke Haien, der einen Deich für die Ewigkeit bauen will, aber am Aberglauben und Misstrauen seiner Mitmenschen scheitert, pflügt wie ein Schlepper durchs aufgewühlte Textmeer.

"Traurige Zauberer", Regie Thom Luz, Staatstheater Mainz

Noch ein Zauberer: Der Schweizer Thom Luz ist ein leiser Künstler. Dass er dennoch nicht übersehen wird, spricht für sein Talent - und für die Sehnsucht nach anderen Tönen und ein anderes Tempo jenseits unseres Alltags. 2015 war er mit seiner Adaption von Judith Schalanskys "Atlas der abgelegenen Inseln" zum ersten Mal beim Theatertreffen dabei, diesmal zeigt der 35-Jährige "eine stumme Komödie mit Musik". Wieder vermittelt er seinen Zuschauerinnen und Zuschauern, so die Jury, "das tiefe Vertrauen darein, dass in diesen Parallelwelten mehr Wunderbares steckt als in allen Verführungen von Konsum, Karriere und Krediten".

"Five Easy Pieces", Regie Milo Rau, International Institute of Political Murder und CAMPO Gent

Der Schweizer Theatermacher Milo Rau ist kein Mann für Theaterzuschauer, die sich gern wohlig in ihrem Sitz zurücklehnen, um sich die Probleme von Menschen aus längst vergangener Zeit in kunstvoll-alltagsferner Sprache erzählen zu lassen. Rau hat dokumentarische Abende über den Völkermord in Ruanda und den Krieg im Kongo gemacht, und immer auch nach der Verantwortung Europas gefragt. Diesmal widmet er sich dem Fall des belgischen Kinderentführers, -vergewaltigers und -mörders Dutroux - und stellt dafür Kinder auf die Bühne. Sein Stück ist nicht nur ein Stück über Dutroux, sondern auch eins über die Macht und den Machtmissbrauch von Erwachsenen Kindern gegenüber, als Eltern, Lehrer oder Theaterleiter. In Belgien hat er dafür einen Theaterpreis gewonnen, in Frankfurt wurde das Gastspiel abgesagt - aus Jugendschutzgründen, weil Kinder in Deutschland nur mit spezieller Genehmigung abends auftreten dürfen.

"Drei Schwestern", Regie Simon Stone, Theater Basel

Simon Stone, 32, ist ein Frühvollendeter. Stone war letztes Jahr zum ersten Mal beim Theatertreffen dabei, und er hat angekündigt, sich schon bald fürs Erste vom Sprechtheater verabschieden zu wollen - was schade wäre, weil der Australier (aufgewachsen in Basel, Cambridge und Melbourne) ein Supertalent ist. Keiner versetzt zur Zeit die gutbürgerlichen Dramen aus dem vorletzten Jahrhundert so konsequent in die Gegenwart - selbst bei einem alten Heuler wie Tschechows "Drei Schwestern", die immer vom Aufbruch träumen, aber nie aufbrechen, gelingt ihm das.

"89/90", Regie Claudia Bauer, Schauspiel Leipzig

Die Kunst des Autors Peter Richter, Jahrgang 73 wie sein Ich-Erzähler, bestand darin, in seinem Roman "89/90" die historischen Ereignisse dieser Jahre konsequent amüsiert-staunend aus der Sicht des 16-Jährigen zu beschreiben: Im Juni 1989 fährt der Held des Romans mit seiner Klasse noch zur vormilitärischen Ausbildung ins Wehrlager, vier Monate später stürzt er sich mit pubertärer Begeisterung in die Schlachten am Dresdner Hauptbahnhof, wo DDR-Bürger versuchen, zu den Zügen mit den Flüchtlingen aus der Prager Botschaft vorzudringen, und von der Polizei daran gehindert werden. Claudia Bauer verkehrt laut Theatertreffen-Jury diese persönliche Erinnerung "in ihr Gegenteil und inszeniert ein Wendeoratorium".

"Die Räuber", Regie Ulrich Rasche, Residenztheater München

Ulrich Rasches vierstündige Monumental-Inszenierung ist "erschöpfend und überwältigend zugleich", lautete nach der Premiere das Urteil auf SPIEGEL ONLINE. Der Regisseur ist auch sein eigener Bühnenbildner; für Schillers Klassiker hat er zwei riesige förderbandartige Maschinen auf die Bühne gestellt und die Darsteller auf der schrägen Fläche angeleint. Fazit des SPON-Kritikers: "Der Mensch in der Revolte ist bei Rasche ein Winzling im großen Fließband- und Räderwerk der Zeit."

"Pfusch", Regie Herbert Fritsch, Volksbühne Berlin

Ohne Herbert Fritsch kam in den letzten Jahren fast kein Theatertreffen aus. Der ehemalige Berliner Volksbühnen-Schauspieler und Castorf-Star Herbert Fritsch hat es als Regisseur schnell zum Kultstatus gebracht, beim Publikum wie bei der Kritik. Seine Einladung ist wohl auch als Abschiedsgeschenk an den scheidenden Volksbühnenintendanten Frank Castorf zu verstehen, der im Sommer nach einem Vierteljahrhundert einem Neuen weichen muss. Das Erstaunliche ist nicht, dass Fritsch dabei ist, sondern dass die anderen Volksbühnen-Veteranen Marthaler, Pollesch und auch Castorf selbst fehlen. "Pfusch" ist dafür nochmal ein echter Fritsch: hochartifizieller, hochmusikalischer Vollspeed-Slapstick.

"Die Borderline Prozession", Regie Kay Voges, Schauspiel Dortmund

Ist Kay Voges, Intendant in Dortmund, das multimediale Theatererneuerungsgenie, für das ihn viele halten? Im Mai kann man sich in Berlin ein Bild davon machen. "Ein Loop um das, was uns trennt", nennt er den Abend, den er zusammen mit Dirk Baumann und Alexander Kerlin entwickelt hat. "Philosophisches Totaltheater" nennt es die Jury - und kündigt eine Prozession an, "als wolle man die irre gewordenen Weltgeister bannen".

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Artikels hieß es, Johan Simons habe die Leitung der Ruhrtriennale bereits abgegeben und beginne im Herbst 2017 am Bochumer Schauspielhaus. Wir haben dies korrigiert.

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