Thema Islam bei Illner Das Türken-Terror-Tohuwabohu

Die Deutschen fürchten zwar Terror-Anschläge. Blöd vor Angst sind sie jedoch nicht. Das scheint TV-Moderatorin Maybrit Illner aber zu glauben: Wahllos verquirlte sie gestern Abend in ihrer Sendung Integration mit Radikalismus. Da musste selbst Scharfmacher Schäuble schlichten.

Von Yassin Musharbash


Gestern Abend, 18 Uhr: Terroralarm in der Berliner S-Bahn! "Ist das Ihr Paket?", fragt der Mann erst leise die umstehenden Fahrgäste. Dann immer lauter den ganzen Waggon: "Wem gehört das Paket da?" Aber niemand antwortet. Schnell starren alle Passagiere nur noch auf den kleinen Pappkarton und denken offenbar dasselbe, denn Sekunden später streben sie an die entgegen gesetzten Enden des Waggons, um sich in größtmögliche Sicherheit zu bringen. Als der verpennte Student endlich mitbekommt, dass es um sein Päckchen geht, ist es schon zu spät: Irgendjemand hat bereits die Verkehrsbetriebe informiert; ein Bediensteter hechtet in den S-Bahn-Wagen und will das vermeintlich verdächtige Paket bergen.

Moderatorin Illner: Konfuse Gesprächsführung
ZDF/Svea Pietschmann

Moderatorin Illner: Konfuse Gesprächsführung

Terrorangst in Deutschland? Ja, ganz offensichtlich. Die Erinnerung an die fehlgeschlagenen Zugbomben im vergangenen Sommer ist noch frisch. Und dass London erst vor zwei Wochen durch schieres Glück von zwei Autobomben verschont blieb, tut ein Übriges. Aber gibt es eine Angst vor "dem Islam"? Dieser Frage nachzuspüren, trat gestern Abend Maybrit Illner in ihrer Talkshow an. Der unglückliche, weil präjudizierende Titel der Sendung: "Gebet, Gewalt und Gotteskrieger - Warum ist uns der Islam unheimlich?" Er basierte vermutlich auf dem erschütternd deutlichen Ergebnis der ZDF-Umfrage, der zufolge 79 Prozent der Deutschen der Ansicht sind, die Muslime täten nicht genug für Integration.

Doch darüber hätte man hinwegsehen können, zumal das Podium geschickt besetzt war: Mit Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) war nicht nur der Schirmherr der Islamkonferenz vertreten, sondern auch der Mann, der erst Anfang der Woche im SPIEGEL-Interview erneut verstörende Töne in die Sicherheitsdebatte eingeführt hatte.

Es gelte, über gezielte Tötungen von Terroristen nachzudenken, und auch Eingriffe in die Freiheiten sogenannter Gefährder dürften kein Tabu sein, hatte er gesagt und eine heftige Debatte ausgelöst. Mit dem Historiker Ekkehart Rotter hatte die Redaktion einen dezidierten Islam-Kritiker dazu gebeten, der sich einen Dreck um Political Correctness schert und gleich den gesamten Islam als "totalitäre Ideologie" abtat.

Konfuse Gesprächsführung

Auf der mutmaßlichen Gegenseite traten zwei eloquente Repräsentanten der islamischen Community auf: Die Kopftuch tragende Anwältin Kadriye Aydin aus Darmstadt und der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek. Nur die Anwesenheit der Fraktionschefin der Grünen, Renate Künast, war wenig zwingend. Man versprach sich wohl, dass sie Schäuble im Namen der Opposition stellen würde.

Es zeigte sich schnell, dass das nicht nötig war - der Innenminister übernahm das selbst: Kaum dass er das Wort erhielt, klagte er (völlig zu Recht) darüber, dass Illner unbedingt die Monsterthemen Terrorismus und Integration zugleich abhandeln wolle, das seien aber "völlig verschiedene Veranstaltungen". Er betonte, dass nur eine Minderheit der Muslime radikal sei, so dass diese Klarstellung Aydin und Mazyek erspart blieb. Der Scharfmacher Schäuble nahm sich damit aus der Schusslinie, bevor er hineingeriet - mit dem Erfolg, dass seine umstrittenen Ideen praktisch kein Thema waren und der Historiker Rotter die Rolle des Enfant terrible allein übernehmen musste.

Das Problem aber war ein anderes als der nicht konfrontierte Innenminister - nämlich die konfuse Gesprächsführung. Immer schön abwechselnd wurde mal das Thema Integration angerissen, dann das Thema Terror, zusammengehalten durch bemühte Klammern wie "Terror - die andere Seite der Integrationsmedaille", ohne dass an der einen oder anderen Front neue Erkenntnisse gewonnen wurden.

Mal wollte Illner herausbekommen, "wie viel Gewalt gegebenenfalls in dieser Religion steckt", dann lenkte sie das Gespräch auf zugezogene Frauen aus "den Bergen Südanatoliens", die bislang nicht für Gewalttätigkeit bekannt geworden sind, nur um dann, ohne dass klar wurde, ob es jetzt um Terror oder Integration ging, unvermittelt in die Runde zu werfen: "Jetzt wollen wir uns mal eine Sure anschauen!" Als ob einer von 6000 Koranversen irgendeine Aussagekraft für den praktizierten Glauben der Gemeinschaft der Muslime in 1400 Jahren haben könnte.

Manchmal ist "ganz selten" sehr verstörend

Die ausgewählte Sure war natürlich jene, in denen Männern das Schlagen ihrer Frau angeraten wird. ("Ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie"). Es war leider Renate Künast, die darauf reflexartig erwiderte, auch die Bibel predige die Unterlegenheit der Frau und sei dann wohl verfassungsinkompatibel. Dadurch wurde zugleich eine direkte Antwort der muslimischen Diskutanten verhindert. Aiman Mazyek blieb immerhin Gelegenheit, zu betonen, dass er sich nicht religiös legitimiert fühle, eine Frau zu schlagen. Noch deutlicher war Kadriye Aydin: Für die Auslegung von Koransuren geben es genauso eine eigene Systematik wie für die von Gesetzestexten - aus dem Kontext gerissene Versatzstücke zu diskutieren, sei wenig hilfreich.

Die Anwältin leugnete das Problem häuslicher Gewalt in Migrantenfamilien im Übrigen nicht - stellte aber die These auf, die Gründe seien eher sozialer als religiöser Natur: "Es ist ganz selten, dass jemand seine Frau schlägt und das mit Sure XY begründet." Betrachtet man diesen Satz genau, ist er aussagekräftiger als jede pauschale Unterstellung. Manchmal ist ein unerwartetes "ganz selten" sehr verstörend.

Weil der Innenminister den eigentlichen Moderator gab, indem er vermittelnd einschritt, wo immer sich ihm eine Gelegenheit ergab, entzündete sich Streit allein zwischen den muslimischen Teilnehmern und Rotter. Der Historiker schlug vor, die Muslime möchten sich der islamischen Rechtstradition besinnen, auch das Gemeinwohl als Faktor der Entscheidungsfindung zu nutzen. Da platze Mazyek der Kragen: Er lasse sich seine Religion nicht von einem Historiker auslegen.

Aber auch die Auseinandersetzung mit den Grundsätzen des Islams, für die Rotter als Kronzeuge gedacht war, wurde nicht konsequent geführt. Die Sendung war zu überfrachtet, um mehr als vereinzelte interessante Aussagen hervorzubringen. Türken, Terror und tief fliegende Suren: Fast sechs Jahre nach dem 11. September 2001 und fast ebenso lange, nachdem auch der letzte Politiker verstanden hat, dass ernsthafte Integrationspolitik jahrzehntelang verschleppt wurde, passt all das einfach nicht mehr in eine einzige Sendung.



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