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Buchvorstellung in Berlin Doktor Sarrazin erteilt Frontalunterricht

Skandal? Aufregung? Nein, nur miese Luft. Thilo Sarrazin stellt sein neues Buch im Nobel-Hotel Adlon in Berlin vor. Und da zu ihm und seinem Werk alles gesagt ist, ist das Ganze eine sterbenslangweilige Veranstaltung. Einzige Abwechslung: sein Handy-Klingelton.

Berlin - Da isser also wieder, und alle müssen hin, selbstverständlich, ist ja die Präsentation des neuen Aufregerbuches schlechthin, von Thilo Sarrazin, dem schlimmsten Provokateur des Landes, und das auch noch im Hotel Adlon, also quasi mitten im Zentrum der Republik - ein Großereignis! Da sitzen sie also, die Hauptstadtkorrespondenten, die Radiomenschen und die Kameraleute, und warten. Wenn in "Europa braucht den Euro nicht" schon nichts so richtig bahnbrechend Schlimmes drinsteht, gibt doch womöglich der persönliche Auftritt des Leibhaftigen einen Aufreger her?

Um es kurz zum machen: Tut er nicht. Herkömmliche Buchpräsentationen sind der Start einer Diskussion über Inhalte und Autor, diese hier im Adlon markiert ihr frühes Ende. Denn Sarrazin hat sein Pulver bereits verschossen, bevor das Buch überhaupt zu kaufen war: Live bei Günther Jauch, vorab im "Focus", alles gesagt, alles analysiert, zum Buch und zum Autor. Die Luft ist raus, bevor der Ballon überhaupt steigen könnte.

Selbst Sarrazin gähnt

Und so ist dieser Vormittag im Adlon vor allem eines: quälend langweilig. Nach wenigen Minuten schon wäre man dankbar dafür, wenn es nicht stimmen würde, was der als Präsentator geladene Volkswirtschaftler Stefan Homburg aus Hannover am Anfang gesagt hat: Sarrazins Thesen sind zurückhaltend formuliert.

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Sarrazin im Adlon: 45 Minuten Langeweile

Foto: Soeren Stache/ dpa

Das ist noch untertrieben, wie sich schnell herausstellt: Sie sind so staubtrocken formuliert, dass man meinen könnte, Sarrazin fielen bei seinem Vortrag Papierschnipsel aus dem Mund. Es war eine weise Entscheidung seines Verlags, die ungekürzte Hörbuch-Version nicht vom Autor selbst, sondern von Jürgen Holdorf einsprechen zu lassen, einem Schauspieler, der auch schon bei den "Die drei ???"-Hörspielen mitgemacht hat.

45 Minuten spricht Sarrazin zu den Journalisten, er liest, mit leichten Abweichungen, das komplette Vorwort seines Buchs vor. Der Hotelsaal ist zwar gut gelüftet, doch schnell wirkt es so, als wäre kein Sauerstoff mehr im Raum. An einer Stelle scheint selbst Sarrazin die Veranstaltung dermaßen zu langweilen, dass ihm während des eigenen Vortrags ein kleiner Gähner herausrutscht.

Eigentlich könnte das jetzt auch Helge Schneider sein, der da eine Art Karikatur von Thilo Sarrazin spielt, stocksteif, völlig humorlos, ein Erbsenzähler, der seine Wahrheiten verkündet. Doch bei Schneider käme irgendwann eine absurde Brechung der Situation. Sarrazin fährt einfach fort mit Punkt acht.

Irgendwann klingelt dann noch Sarrazins Mobiltelefon, der Klingelton ähnelt sehr dem mit dem Titel "Alarm" aus einem iPhone, das ist kurzzeitig lustig. Aber schnell vergessen. Doktor Sarrazin hebt den Zeigefinger. Doktor Sarrazin doziert weiter. Es ist wie in einer Schulstunde mit Frontalunterricht. Man wartet nur noch auf den Gong.

"Um Zahlen zu beurteilen, muss man nicht an Orte fahren"

Am Ende dürfen die Journalisten Fragen stellen. Ob Sarrazin denn schon einmal in Griechenland gewesen sei, nicht nur an irgendeinem Strand, sondern mit den Menschen in Athen geredet habe, über ihre Situation, ihre Not, wo er doch behaupte, die Griechen würden sich nicht genügend anstrengen mit dem Sparen, fragt ein junger Mann. "Wissen Sie, um Zahlen zu beurteilen, muss man nicht an Orte fahren", antwortet Thilo Sarrazin. Wer sich in Athen mit Restaurantbesitzern unterhalte, wisse nicht mehr über die Krise als derjenige, der sich in Berlin mit "vorliegenden Unterlagen" und Statistiken beschäftige.

Mit "vorliegenden Unterlagen". Nun gut. Das neue Buch von Thilo Sarrazin liegt jetzt also vor. Wer denkt wie er, wird darin viele Tabellen finden, die er den Menschen vorhalten kann, die nicht so denken wie er. Und danach wird man sich verständnislos anblicken.

Am Ausgang befragen Journalisten andere Journalisten. Dann frische Luft.