Thomas Fischer

Fischer vs. Stokowski Das Winden der Wörter - Ja heißt Nein

In ihrer letzten Kolumne hat unsere Autorin Margarete Stokowski den Bundesrichter und "Zeit Online"-Kolumnisten Thomas Fischer wegen seiner Position in der Debatte um das Sexualstrafrecht kritisiert. Hier antwortet Fischer auf Stokowski.
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Karlheinz Schindler/ picture alliance / dpa

Thomas Fischer, geboren 1953 in Werdohl (NRW), war Vorsitzender Richter am 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofs, ist Autor des Standard-Kommentars zum Strafgesetzbuch und Verfasser zahlreicher Kolumnen, in denen er sich mit Fragen des Strafrechts beschäftigt.

Margarete Stokowski, Kolumnistin bei SPIEGEL ONLINE, ist eine ehrenwerte Frau. Am 5. Juli hat sie unter dem Titel "Was heißt Nein?" einen Text über "einflussreiche Kritiker" der Reform des Sexualstrafrechts veröffentlicht. Zwei sind ihr nach intensivem Nachdenken eingefallen, einer davon bin ich. Daher sei eine kleine Entgegnung erlaubt.

"Sie winden sich." So beschreibt Stokowski die Tätigkeit der von ihr hohnvoll als "Experten" bezeichneten Personen, die sich gegen die Reform wandten. "Sich winden" ist eine schöne Formulierung. Wir kennen sie in ihrer lyrischen Form aus dem Sich-Winden der Schlingpflanzen, in ihrer ekligen Variante aus dem der Würmer, in ihrer psychologischen Dimension aus dem der gequälten Seelen, die vom schieren Übergewicht der Wahrheit niedergedrückt werden. Frau Stokowski ist Philosophin. Gewiss meint sie das Letztere.

Jawoll, Frau Oberbiologieführerin, wird gemacht!

Frau Stokowski ist eine ehrenwerte Frau. Auf ihre Angaben ist Verlass. Wenn sie schreibt, dass "kurz vor" der Reform sich die sich windenden Kritiker melden, dann stimmt das. Wenn sie schreibt, dass "schon 2015" Thomas Fischer empfohlen habe, das Sexualstrafrecht einmal eine Zeitlang in Ruhe zu lassen (tatsächlich empfahl er dies schon ein bisschen länger), stimmt das ebenso. Und wenn beides nicht zusammenpasst, dann ist das halt so.

Wenn Fischer schreibt, ein sexistischer Unsinn, den eine Journalistin veröffentlicht hat, sei möglicherweise mehr "mit den Hormonen" als mit dem Intellekt geschrieben worden, dann ist das, sagt Stokowski, ein unerträglicher sexistischer Angriff. Um dies klar zu stellen, schlägt Stokowski vor, "Biologinnen" (!) sollten klären, mit welchem Körperteil Fischer das geschrieben hat. Nicht einmal mehr Humanmedizinerinnen oder eine Psychiaterin reichen aus, das Sich-Winden des Expertenwurms zu erforschen - Biologinnen sind gefordert. Jawoll, Frau Oberbiologieführerin, wird gemacht!

Frau Margarete Stokowski ist eine ehrenwerte Frau. Sie schrieb kürzlich den Jahrzehnttext "Wäre die Vagina doch ein Auto". Danach, dachte ich, könne nichts Abgedrehteres mehr kommen.

Nun aber hat sie geschrieben, sie habe richtig Bock darauf, mit mir zusammenzuarbeiten. Damit ist eine Schwelle überschritten, die ein ernstes Wort erfordert. "Expertise im Strafrecht geht nicht zwingend mit Expertise zu Frauen einher", ist eine philosophische Erkenntnis Stokowskischer Dimension. Spontan ist man geneigt, ihn zu unterschreiben. Dann fällt einem ein, dass die Umkehrung ungefähr genauso richtig ist, der Philosophin aber garantiert einen Pickel auf der Nase machen würde.

Sagen wir es also so: Expertise in der neuen deutschen Literatur geht nicht zwingend mit Expertise zu Matjeshering einher. Damit - das sei vorab versichert - möchte ich keinesfalls suggerieren, Frau Stokowski sei ein Hering. Denn diese folgen, wie jede Biologin weiß, seit mindestens 7000 Jahren genetisch, gar hormonell geprägten Verhaltensmodellen, die wir als Körperteil-Expertinnen auf das schärfste verurteilen müssen.

Frau-Sein ist keine Wissenschaftsrichtung

Mein Problem an der von Frau Stokowski gewünschten "Zusammenarbeit" ist folglich nicht sexueller Natur. Vielmehr habe ich Bedenken hinsichtlich der "Expertise". Die Bewerberin hält, soweit ich erkennen kann, "Strafrecht", "Auto", "Vagina" und "Frau" allen Ernstes für Beschreibungen von Wissenschaftsrichtungen.

Dazu in aller Deutlichkeit, Frau Stokowski: "Frau-Sein" ist ebenso wenig eine Wissenschaftsrichtung wie "Sich-Winden" oder "Mit einem Körperteil schreiben". Es handelt sich beim Frau-Sein vielmehr um einen Zustand, der vielen Menschen widerfährt. Das bloße Hineinsteigern in die Imagination der biologischen Auserlesenheit ist gewiss gut für allerlei, nicht aber für eine Karriere als Strafrechtsexpertin. Dazu müssten Sie den Blick vom Wurm über das Winden zum Verstehen erheben. Ihr "Bock" also in allen Ehren, und der Jugend eine Gasse, und so weiter: Aber bevor Sie mit mir zusammenarbeiten könnten, müssten Sie die Nase zwingend noch in das eine oder andere Buch - oder auch nur den Wind - stecken.

Von was ist überhaupt die Rede? Frau Stokowski kritisiert und belacht, verdammt und veralbert die "Expertise" der sich windenden Experten. Aber keinem ihrer eigenen Texte lässt sich entnehmen, was die Expertise der Kolumnistin ausmachen könnte. Von allem ist die Rede, aber nicht vom Strafrecht. Wo immer Begriffe aus dem Fachzusammenhang auftauchen, sind sie gänzlich unverstanden. Zur Rechtsreform fällt der Experten-Kritikerin außer fachfernem Geschwurbel nichts ein. Kann man machen, muss man aber nicht.

Nur am Rande: Was Frau Stokowski über die im derzeit bedeutendsten Strafprozess Deutschlands beschuldigte Frau Lohfink und die Äußerungen Fischers zu Berichten über Geldstrafen und berufliche Tätigkeiten von "Busenwundern" schreibt, muss nicht ernsthaft kommentiert werden. In der Beschränktheit des Gedankens lässt sich die Philosophin auch hier von niemandem überbieten. Nun mag man einer 1986 geborenen Expertin fürs Frau-Sein nicht übel nehmen, schon die allerersten Grundzüge etwa der menschenfreundlichen Kunst von Robert Crumb nicht verstanden zu haben. Es ist aber sehr anstrengend, sich mit solchen Menschen unterhalten zu müssen.

Die Sau ist durchs Dorf

Nachdem die Vorsitzende des Rechtsausschusses des Deutschen Bundestags - eine Rechtsanwältin übrigens - am 7. Juli in der "Zeit" schrieb: "Wo bleibt die Solidarität mit Frau Lohfink?", und die Bundesministerin Schwesig dem "Team Lisa" beitrat, kommt es aber insoweit auf Frau Stokowski nicht mehr an. Dass Bundespolitikerinnen in einem laufenden Verfahren gegen die Justiz der Bundesrepublik hetzen, als gehe es um den Freiheitskampf gegen ein totalitäres Regime, ist nicht witzig, sondern skandalös.

Frau Margarete Stokowski dagegen ist eine ehrenwerte Frau. Sie hat nichts gegen Würmer und Tiere und Biologinnen. Sie ist Frau und daher Expertin für Sexualstrafrecht. Expertin für Kriminologie und Statistik sowieso. Wer ihre Assoziationen und Sprachvergewaltigungen als sexistische, biologistische, totalitäre Wahnbilder kritisiert, muss im Unrecht sein. Das ergibt sich schon daraus, dass sie im Recht ist.

7. Juli: Die Sau ist durchs Dorf. Claudia Roth war zu Tränen gerührt, als sie das Abstimmungsergebnis verlas. Endlich ist alles gut! Wir warten ab. Im Herbst kommt der Bericht der Expertenkommission: Dann gibts ein ganz neues Sexualstrafrecht. Am 7. Juli wurden übrigens zwei Täter von Köln verurteilt: der eine wegen sexueller Nötigung, der andere wegen in einer Gruppe begangenen Beihilfe zur sexuellen Nötigung. Beides war seit 1997 strafbar. Videant Consules, sagen die Philosophinnen.

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