Kurioses Fotoprojekt Timur und wie er die Welt sieht

Er trinkt Tee. Er sitzt am Schreibtisch. Er geht auf die Jagd. Der Kasache Timur Zhansultanov hat seinen Alltag in einem Fotoprojekt aus der Ich-Perspektive verewigt. Im Interview spricht er über blitzblanke Küchen und den Wunsch, die Welt durch die Augen eines anderen zu betrachten.

Timur Zhansultanov

Ein Interview von


Timur Zhansultanov, 23, lebt und arbeitet als Designer in Astana. Er wuchs in der nordkasachischen Stadt Pawlodar auf und studierte dort Design an der Kunsthochschule. Zwei Jahre lang hat er fotografiert, wie er Gemüse schneidet, Auto fährt, Basketball spielt. Alles exakt aus seinem Blickfeld. Wenn sich die Betrachter die Bilder sehr dicht vor Augen halten, schenkt Zhansultanov ihnen die Illusion, er selbst zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Warum lassen Sie die Öffentlichkeit so dicht an sich ran?

Zhansultanov: Ich bin mir sicher, dass jeder in seinem Leben mal jemand anderes sein möchte, um die Welt aus dessen Perspektive zu sehen - mit seinen Augen. Natürlich kann man sich durch meine Fotos nicht als ein anderer fühlen, aber sie geben vielleicht einen Eindruck davon, wie das wäre.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihren Bildern sieht man mal Ihren ordentlichen Schreibtisch, mal Ihre sauber glänzende Küche. Haben Sie für die Fotos extra aufgeräumt?

Zhansultanov: Nein, das sind Aufnahmen aus meinem Alltag. Ungeschönt. Unverändert. Als ich das Leben aus meiner Perspektive fotografiert habe, war ich in vielen verschiedenen Ländern und Städten. Ich habe überall versucht, ein interessantes Foto von einer alltäglichen Begebenheit zu machen: Häusliche Momente, wie ich mit meinen Freunden Basketball spiele, aber auch, wie ich im Wald mit meinem Vater auf die Jagd gehe.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Kamera in solchen Momenten überhaupt auslösen können? Oft machen Sie ja etwas mit Ihren Händen.

Zhansultanov: Manchmal haben Freunde für mich ausgelöst, manchmal auch meine Frau. Ohne sie hätte ich das Projekt auch nicht machen können.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich Ihr Leben in den zwei Jahren, in denen Sie es fotografiert haben, verändert?

Zhansultanov: Nein, überhaupt nicht. Ich wollte den Menschen einfach nur zeigen, wie ich die Welt erlebe, mehr nicht. Es war einfach eine Idee. Ich habe auch keine philosophische Botschaft, die ich mit dem Projekt transportieren will.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie denn bisher die Welt erlebt?

Zhansultanov: Ich bin in Pawlodar, einer Stadt im Norden Kasachstans, Anfang der neunziger Jahre aufgewachsen. Wir haben in einer Wohnung im dritten Stock eines Hochhauses gewohnt. Im Winter ist es immer richtig kalt, minus 30, minus 40 Grad Celsius. Es war eine schwierige Zeit. Die Sowjetunion löste sich in viele unabhängige Staaten auf, und viele Menschen wussten nichts mit sich anzufangen, wussten nicht, wohin sie gehen sollten.

SPIEGEL ONLINE: Sie wohnen jetzt in der kasachischen Hauptstadt Astana. Wann haben Sie sich entschieden, aus Ihrer Heimatstadt wegzuziehen?

Zhansultanov: Als ich mit dem College fertig war, wollte ich ein Unternehmen in Pawlodar aufbauen. Aber ich habe schnell gemerkt, dass die Stadt mir nicht das bieten kann, was ich brauche. Die Stadt war mir zu klein. Deswegen bin nach Astana gezogen.

SPIEGEL ONLINE: Wie gefällt es Ihnen dort?

Zhansultanov: Wie der US-Regisseur David Lynch mal gesagt hat, die Menschen suchen immer einen Ort, der sie anspricht. Astana ist so ein Ort für mich. Die Stadt ist einzigartig. Vor einigen Jahren, gab es hier kaum etwas außer viel Steppe. Und nun stehen überall Wolkenkratzer, Schnellstraßen und Einkaufszentren. Die Stadt verändert ihr Aussehen jeden Tag.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie in Kasachstan bleiben?

Zhansultanov: Solange mir das Land gibt, was ich brauche, werde ich es nicht verlassen. Kasachstan ist reich und hat viel Potential. Hier kann noch Großes entstehen, und davon möchte ich ein Teil sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie lassen Ihr Publikum auch an Ihren Reisen teilnehmen. Welcher Ort gefällt Ihnen am besten auf der Welt?

Zhansultanov: Als Kind habe ich mich in New York verliebt, ich war zwar nie da, aber ich habe viel von der Stadt gehört und habe oft darüber nachgedacht, dorthin zu gehen. Viele Leute sagen ja, wenn du dort überlebst, dann schaffst du es überall. Aber obwohl ich immer nach New York wollte, habe ich Angst, jetzt auch wirklich dorthin zu reisen. Was ist, wenn die Stadt nicht mit meinem Idealbild von ihr übereinstimmt?

SPIEGEL ONLINE: Aus wessen Perspektive würden Sie eigentlich gern mal die Welt sehen?

Zhansultanov: Ich würde gern mal Spider-Man sein, dann könnte ich mir den Traum meiner Kindheit erfüllen und an einem Spinnenfaden durch die Wolkenkratzer New Yorks fliegen. Ich könnte mir auch vorstellen, einmal als Gandalf aus "Herr der Ringe" durch das magische Mittelerde zu spazieren.


Das Interview wurde geführt für das Fotoportal seen.by.



insgesamt 2 Beiträge
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bohnensuppe 23.11.2013
1. Ganz interessant, aber...
Die Idee hätte ich vor 20 Jahren originell gefunden. In einer Zeit, in der es nichts ungewöhnliches ist, wenn Abertausende auf Twitter, Facebook, Youtube oder in privaten Blogs ihren Alltag öffentlich dokumentieren, finde ich ein solches Projekt nicht mehr so besonders spannend.
mulhollanddriver 23.11.2013
2. Interessante Idee...
...allerdings relativ banal umgesetzt. Die verwendete Brennweite ist für solche Fotos nicht optimal, vermutlich war es ein Telefon. Die haben so ihre Probleme. Kann man grundsätzlich machen, dann aber nachträglich links und rechts etwas wegschneiden, vielleicht noch einmal durch Instagram oder andere Filter ziehen, und es sieht wesentlich anspruchsvoller aus.
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