"Born Rich" von Tino Hanekamp Die Qualen der Erben

Viel Geld, viel Zeit, keine Freunde: Reiche Erben knabbern schon ein hartes Brot. Clubbetreiber und Popliterat Tino Hanekamp hat Millionenerben interviewt - und aus den Gesprächen einen Theaterabend gebastelt.

Marcus Renner

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Die Schauspielerin Anne Ratte-Polle schwingt lasziv auf einer Schaukel durch den leeren Bühnenraum, sonnenbebrillt, rauchend, Gesicht und Hände golden angemalt. So golden wie das Model Shirley Eaton, die als Jill Masterson im Sechziger-Jahre-Bond-Film "Goldfinger" am Gold erstickte. Ja, ja, Reichtum kann einem die Luft zum Leben nehmen.

Der Hamburger Clubbetreiber, Popliterat und Journalist Tino Hanekamp hat gemeinsam mit der Regisseurin Maria Magdalena Ludewig reiche Erben interviewt - ähnlich wie Jamie Johnson für den Dokumentarfilm "Born Rich" - und aus den anonymisierten Interviews einen Theaterabend gemacht: "Born Rich - Die anonymen Milliardäre". Ein Abend über Geldsorgen ganz eigener Art, uraufgeführt in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel.

Die goldene Anne Ratte-Polle schwingt vor und zurück, aufreizend langsam, weil sie ja sonst nichts zu tun hat, sie zieht an ihrer Zigarette, und so wie die Zigarette langsam abbrennt, so verstreicht langsam die Zeit. Langsam, aber unaufhaltbar. Ein trauriges Bild. Traurig auch, weil sie mutterseelenallein auf der großen weiten Bühne ist. So allein wie die Reichen in unserer Gesellschaft?

Fuck-my-Friendship-Stiftung

Nach einiger Zeit hebt sie an, sanft zunächst, hauchend, dann immer stärker kieksend, krächzend, als breche ihre Stimme. Sie erzählt von Freunden, die sie um Geld bitten: von dem Musiker, dessen Tourbus kaputtgegangen ist; von dem Hundehalter, der sich die Tierarztrechnung für seinen Golden Retriever nicht leisten kann; von der Frau mit Hirntumor, die nur von einem teuren Schweizer Spezialisten gerettet werden kann. "Von zehn Freunden fragen mich neun früher oder später nach Geld." Geld, das sie hat, das schon, "10.000 Euro sind für mich wie ein Euro für dich", aber Geld, das ihre Freundschaften belastet: "Gerade weil ich so viel Geld habe, kann man mich nicht nach Geld fragen. Sobald nur die Frage gestellt ist, sobald sie nur gedacht ist, ist die Freundschaft verkrebst."

Ihre Lösung: Sie gründet die Fuck-my-Friendship-Stiftung, die ihren Freunden Geld schenkt, aber nur gegen Auflagen. Mal müssen sie sich rund um die Uhr von Bodyguards bewachen oder von Paparazzi fotografieren lassen. Mal bekommen sie 50.000 Euro extra, die sie nach eigenem Gutdünken unter ihren Freunden verteilen müssen, was den Freunden natürlich vorher gesagt wird. Wer um richtig viel Geld bittet, bekommt richtig viel Geld, muss aber im Gegenzug ein Jahr lang das machen, was er immer schon mal machen wollte - und das Ergebnis am Ende im großen Stil öffentlich präsentieren. "Wer reich ist, kann niemandem die Schuld an seinem Versagen geben. Wollt ihr wirklich wissen, wer ihr seid, wenn alles möglich ist?"

In den kommenden Jahren werden in Deutschland so viele Milliarden vererbt wie nie zuvor, weil die Generation der Wirtschaftsgründer stirbt. Das Thema ist also hochaktuell, und Anne Ratte-Polle - bekannt aus Inszenierungen von Frank Castorf und Herbert Fritsch, aus Filmen von Andreas Dresen und zuletzt Nicolas Wackerbarth - ist eine hochtalentierte Schauspielerin, der man bei einem 80-minütigen Solo gerne zuschaut. Dennoch ist der Abend über den Reichtum ein Reinfall. Denn er ist arm an Ideen.

Immer will irgendwer was

Es gibt nur wenige szenische Einfälle, und von diesen sind viele beliebig. Vor allem aber ist der Text uninspiriert: Die verschiedenen Teile sind seltsam unrhythmisch aneinandergepappt. Der gesamte Text ist merkwürdig ungeformt, sprachlich unoriginell. Nun könnte man auf die Idee kommen, das liege daran, dass der Text auf Authentizität setze und die interviewten Erben eins zu eins wiedergebe; die Originalstimmen aber sind nicht wiederzuerkennen. Die Schlichtheit des Textes wurzelt eher darin, dass es im Interviewmaterial wenig zu formen gab, was über das Klischee hinausgeht: keine Erkenntnis, keine Haltung, keine Botschaft, nichts. Dass Geld allein nicht glücklich macht? Ach was! Dass bei Geld die Freundschaft aufhört? Sag bloß! Darauf hätte man auch kommen können, ohne mit reichen Erben zu sprechen.

Und so stehen am Ende dieses Abends zwei Erkenntnisse. Erstens: Die Bundesregierung sollte schleunigst das Erbschaftsteuerrecht reformieren, den Erben zuliebe. Es ist einfach unmenschlich, sie mit zu viel unverdientem Reichtum allein zu lassen. Zweitens: Ähnlich schwer wie reiche Erben, die von ihren Freunden angebettelt werden, haben es die Verwalter von künstlerischen Produktionsmitteln und Kultursubventionen. Immer kommt irgendeiner mit irgendeinem megawichtigen Anliegen um die Ecke, einer grandiosen Projektidee. Ob er das Geld dann auch verdient, weiß man immer erst hinterher.


Tino Hanekamp: "Born Rich - Die anonymen Milliardäre". Uraufführungs-Inszenierung von Maria Magdalena Ludewig in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel. Nächste Vorstellungen 14., 15. und 16. März.

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