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29. Juli 2016, 15:45 Uhr

Schlappe Satire

Penis. Echt jetzt?

Ein Kommentar von

Das Satiremagazin "Titanic" zeigt den türkischen Präsidenten mit einem Wurst-Schlappschwanz. Wirklich kraftlos ist aber eher die deutsche Humorszene.

Wo ist Jan Böhmermann, wenn man ihn braucht? Im Wochenende, bei der Familie. Der Komiker und sein Sidekick Olli Schulz ließen am vergangenen Sonntag, zwei Tage nach dem Anschlag in München, ihren Spotify-Podcast "Fest und Flauschig" ausfallen.

Die Entscheidung, schrieben die beiden auf Facebook, habe man nicht getroffen, um sich von Terroranschlägen, Putschversuchen oder Amokläufen "den Mund verbieten zu lassen", sondern weil die Produktionsabläufe nicht mit den sich besonders am betreffenden Wochenende überschlagenden Schreckensereignissen mithalten konnten: Aufgezeichnet wird "Fest und Flauschig" jeweils bereits am Donnerstag vor der Ausstrahlung.

Ein Update wollten Schulz und Böhmermann nicht machen. Weil sie "eben manchmal auch Daddy-Olli und Family-Janni" seien. Man wolle einfach mal einen Sonntag durchatmen und "an die denken, denen in diesen Tagen nicht nach Quatsch erzählen und Scheiße labern ist".

Mit Blick auf Böhmermanns juristisch schwierige Situation im Nachgang der Schmähgedicht-Affäre ist das sehr nachvollziehbar. Und grundsätzlich sympathisch ist es natürlich auch. Es bleibt trotz allem eine Kapitulation, die zurzeit symptomatisch erscheint. Angesichts von Nizza-Anschlag, Türkei-Putsch, Würzburg, München, Reutlingen und Ansbach geraten nicht nur Medien und Politik in Stress, sondern offensichtlich auch jene, die in der aufkommenden Atmosphäre der Angst und Beklemmung, auch Terror genannt, eigentlich eine der wirkungsmächtigsten Waffen bedienen: Satiriker, Komiker und Humoristen.

Ein bisschen Quatsch machen - das wärs jetzt!

Ein bisschen Scheiße labern und Quatsch erzählen wäre gerade in diesen ernüchternden, angespannten Tagen vielleicht genau das Richtige, bei allem Respekt vor den Opfern der Attentate und dem Leid der Angehörigen.

Das von Böhmermann und Schulz hinterlassene Humorvakuum versucht nun, leider recht kläglich, das Satiremagazin "Titanic" mit seinem aktuellen Titelbild zu füllen. Es zeigt den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan mit einer ihm aus der Anzughose schlaff nach unten hängenden Bratwurst, vielleicht ist es sogar, höhö, eine türkische Sucuk. "Erdogan im Stress", lautet die Schlagzeile, "jetzt putscht auch noch sein Penis".

Penis. Wirklich?

Lustvoll spielt das Magazin in eilig geführten Interviews mit der vermeintlichen Provokation und rechnet bereits mit einer Beschwerde, wenn nicht gar mit Repressalien des klagefreudigen türkischen Autokraten. Die Botschaft ist klar: Der aufrechte deutsche Satiriker fühlt sich vom Schmähgedicht-Debakel nicht traumatisiert, sondern greift gerade jetzt in die unterste Schublade mit den Sexwitzchen. Erdogan, der Schlappschwanz, ist ja zum Wiehern.

Impotent erscheint jedoch eher eine Satire, die mit wenig provokanten, dafür aber vielfach verrutschten Bildern im Grunde nur ihre eigene Furcht vor dem Potentaten Erdogan signalisiert. Denn wo verbirgt sich hier eigentlich der Witz? Wollte man Erdogan, der sich in seiner Heimat aktuell zu despotischer Stärke ermächtigt, wirklich als Schlappschwanz denunzieren, ihn also, wenns denn sein muss, als unmännlich und schwach entlarven, müsste die auf dem Titelbild beeindruckend dicke Peniswurst dann nicht eher ein kleines Würstchen sein?

Eher Wunschdenken als Witz

"Jetzt putscht auch noch sein Penis", diese Pointe klingt eher nach Wunschdenken als nach Witz, als könnte dem tyrannischen Trieben Erdogans allein dadurch Einhalt geboten werden, dass er seinen Mega-Pimmel nicht mehr hoch kriegt.

Nein, mit solchen angstbehafteten Angriffen auf die Männlichkeit des in Wahrheit ja zur vollen Größe erigierten Einschüchterers Erdogan kommt man der drohenden Häschen-in-der-Grube-Stimmung im Lande nicht bei. Ebensowenig wie mit dem Böhmermannschen Rückzug ins Private.

Zugute halten muss man der "Titanic", dass sie es zumindest versucht hat. Bedrückend ist das Schweigen der restlichen Humorfraktion - vom öffentlich-rechtlichen Kabarett über die Berufskomiker von RTL und ProSieben bis zum YouTube-Kasper. Witzbolde der Nation: Jetzt schlägt eure Stunde! Die Lage ist ernst, aber genau deshalb ist ein schlapper Penis zu wenig.

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