S.P.O.N. - Der Kritiker Leise rieselt die Revolution

20 Jahre sind seit dem Tod von Kurt Cobain vergangen - fast so viele wie zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den Studentenunruhen von 1968. Doch die Revolutionen sind heute leise - oder gibt es sie vielleicht gar nicht?

Merken Sie es? Die Welle, die um die Welt rast? Nicht? Wirklich nicht? Nicht mal ein kleines Beben, Kräuseln, ein fernes Rauschen? Gut, das kann daran liegen, dass es keine Welle gibt, die um die Welt rast - oder dass Sie nicht sehen wollen oder können, was in der Welt passiert.

Eigentlich gibt es dafür Journalisten - deren Arbeit aber hat der Journalismus-Verweigerer Stig Dagerman einmal so beschrieben: "Sie glauben, dass ein kleiner Hungerstreik interessanter ist als der massenhafte Hunger. Und Hungeraufstände sind sensationell, während Hunger selbst nicht sensationell ist."

Dagerman war Schwede und nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland als Reporter unterwegs. Sein Fazit, nachdem ihn Kollegen ermahnt hatten, mehr nach Schuld zu suchen als nach Normalität oder Wahrheit und sich mehr um Gerichtsverfahren zu kümmern als um den Alltag: "Ich bin kein Journalist, und es sieht nicht so aus, als ob ich je einer werde. Ich habe nicht den geringsten Wunsch, die verachtungswürdigen Qualitäten zu erwerben, die einen perfekten Journalisten ausmachen."

Die Welt für ein Prozent

Was also ist mit der Welle? Von diesem Freitag an soll sie rollen, die "Wave of Action", vom 4. April bis zum 4. Juli: Ein Frühling des Aktivismus soll es werden, bis zum amerikanischen Unabhängigkeitstag - und irgendwie, das ist das verbindende Gefühl dieser Welle, muss die Unabhängigkeit auch heute wieder errungen werden, weil die USA - und immer weitere Teile der Welt - den "1 percent" gehören und nicht den "99 percent".

Das war der Slogan der Occupy-Wall-Street-Proteste, um zu benennen, wie ungerecht sich speziell die amerikanische Gesellschaft spätestens seit der Finanzkrise entwickelt hat, eine "mind bomb", die in den Köpfen explodierte und tatsächlich weitreichende Wirkungen hatte, weil sie die Sicht auf diese Fehlentwicklung erst eröffnet hat - und die "Wave of Action" ist nun der Versuch, knapp drei Jahre nach Beginn der Occupy-Bewegung noch einmal gemeinsam und öffentlich darüber nachzudenken, wie "alles anders sein könnte".

Schon damals, 2011, regte dieses Nachdenken und Nicht-sofort-eine-Antwort-Haben gerade viele Journalisten auf eine Art und Weise auf, die ich bis heute nicht ganz verstehe. Wut war der Antrieb für Occupy Wall Street - aber dass sich diese Wut nicht gegen Einzelne richtete und nicht gewalttätig wurde, dass diese Wut sich schließlich sogar konstruktiv ausdrückte, das passte so gar nicht ins Protest-Reaktions-Schema der Medien.

Cobains Selbstmord war ein politisches Ereignis

Wie viel besser ist da eine Wut, die sich direkt äußert, eine Wut, die zu einer Geschichte taugt mit Anfang und Ende, Triumph und Tragödie ganz nah beisammen - eine Wut auch, die sich praktischerweise erst nach außen wendet und dann doch nach innen, erst gegen die Welt und dann gegen sich: Am 5. April vor 20 Jahren erschoss sich Kurt Cobain und beendete damit im Scheitern, so wollte es die Erzähllogik, die Unzufriedenheit der Generation X.

Aber Kurt Cobain und seine Band Nirvana schenkten der Welt nicht nur den unsterblichen Vers "here we are now / entertain us", den Wutschrei einer Jugend gefangen im Spieltrieb, Kurt Cobain hämmerte nicht nur wie verzweifelt gegen die Spiegelwände der Postmoderne - sein von Drogen und Depression beförderter Selbstmord war eben auch ein politisches Ereignis: Fünf Jahre später, 1999, entlud sich die Wut seiner Generation zum ersten Mal nach außen. Gewalttätig und ausgerechnet in der Stadt, in der Cobain gestorben war, Seattle.

Was das alles bedeutet? Seit dem Tod von Kurt Cobain ist fast so viel Zeit vergangen wie zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem gesellschaftlichen Umsturz von 1968 - eine ganze Epoche also, in der sogar eine neue Welt entstanden ist, die virtuelle Welt, aber es ist ruhig, es scheint ruhig, wie sediert. Woran das liegt?

Die "New York Review of Books" hat gerade eine kurze Geschichte von Dagerman wieder abgedruckt, eine Parabel von Schuld und Moral, ganz ohne Moralismus. Vom Journalismus hatte er sich rasch verabschiedet - "Journalismus", das war seine Definition, sei "die Kunst, so früh wie möglich zu spät zu kommen".

Dagerman litt wie Kurt Cobain an Depressionen. Er brachte sich 1954 im Alter von 31 Jahren um.

Kennen Sie unsere Newsletter?
Foto: SPIEGEL ONLINE
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.