Georg Diez

S.P.O.N. - Der Kritiker Toleranz und Totentanz

Die ARD schreibt uns vor, wie wir leben sollen. Die Politik schreibt uns vor, wie wir sterben sollen. Eindrücke aus einem erschreckend paternalistisch organisierten Land.

Das Desaster der ARD-Themenwoche "Toleranz" ist kein Fehler des Systems. Es offenbart das Wesen des Systems.

ARD und ZDF wurden gegründet aus Angst vor dem Bösen. Aus Angst vor dem, was Menschen tun können. Als Abwehrmaßnahme gegen die Deutschen. Sie sollten erzogen werden, das war die Aufgabe des Staatsfernsehens, damit nie mehr so etwas passiert wie 33/45.

Deshalb die enge Verbindung mit der Politik. Deshalb Strukturen, die noch jede gute Idee erwürgen, denn das Neue, die Freiheit, der Einzelne ist die Gefahr. Deshalb auch "die Quote", "die Mehrheit", "wir". Deshalb das Fernsehen als volkspädagogische Anstalt.

Nur so ist überhaupt zu erklären, dass ein Sender, der Milliarden an Steuergeldern scheffelt, auf den Gedanken kommt, für die Toleranz in der Gesellschaft verantwortlich zu sein: Wie wäre es, wenn sie erst mal ordentliche Nachrichten machen und Serien, die mehr IQ haben als ein Pfeifenreiniger?

Aber nein, in diesem Land der Lehrer und Lehrerkinder und Lehrerkinderkinder soll auch das Fernsehen erziehen. Es soll die Welt nicht zeigen, wie sie ist, sondern wie sie sein sollte. Alte deutsche Tradition.

Deshalb: Themenwoche Toleranz. Und nächste Woche gibt es Glühwein.

Sie fanden das aber wohl auch selbst etwas langweilig und durchschaubar bei der ARD, deshalb dachten sie sich, im Jahr 34 nach PC: Machen wir ein bisschen Provokation.

Ein Land aus Kartoffeldeutschen?

Schwupps waren Flüchtlinge eine "Belastung", Schwule "nicht normal", Kinder "Nervensägen" und Behinderte "Außenseiter" - als sei Deutschland nicht gerade in Brasilien, sondern in Bern Weltmeister geworden: deutsche Moral 1954.

Der "Hessische Rundfunk" machte alles noch schlimmer, als sie nicht nur den clownesken Kaugummireaktionär und ehemaligen SPIEGEL-Redakteur Matthias Matussek wegen seines Routine-Ressentiments einluden, sondern auch noch zeigten, dass sie denken, das Land besteht immer noch aus lauter Kartoffeldeutschen.

"Ist sich das knutschende Paar in der U-Bahn eigentlich bewusst, wie viel Toleranz es seinen Mitreisenden abverlangt", fragen sie auf ihrer Webseite. "Und mit welcher Beharrlichkeit die muslimische Kollegin den Betrieb in der Kantine lahmlegt, weil sie unbedingt wissen muss, ob in dem Essen auch wirklich kein Schweinefett enthalten ist."

Entschuldigung, ich habe das schon früher gesagt: Aber ich bin nicht bereit, für so einen Unsinn Geld auszugeben.

Die paternalistische Weltsicht von ARD und ZDF

Wenn ich aber schon die GEZ-Zwangssteuer zahlen muss, die sich auch wieder direkt aus dem Konzept eines Zwangsfernsehens ergibt, mit dem man die Menschen eben zwingen will, gut zu sein - dann will ich wenigstens, dass sie keinen gesellschaftlichen Scherbenhaufen anrichten.

Aber die ARD-Leute haben ja nicht mal gemerkt, was das performative Problem am Wort Toleranz ist: Indem man das Wort formuliert, hat man es schon ins Gegenteil verkehrt.

Toleranz ist nichts, das man erreicht, indem man dafür wirbt. Toleranz ist auch nichts, das man jemandem gewährt. Toleranz ist keine Gnade und auch kein Ziel, sondern der Anfang von allem. Toleranz lässt sich nur individuell begründen.

Aber das passt eben nicht in die paternalistische Weltsicht, die so gut wie alles durchdringt, was ARD und ZDF tun.

(Und wer mal sehen will, wie man lässig und lustig und tiefgründig zugleich von Toleranz erzählt und von den Schwierigkeiten damit, der sollte sich die neue, von Amazon produzierte Serie "Transparent" anschauen.)

Wozu das alles dagegen sehr gut passt, ist die zweite gesellschaftliche Großdebatte dieser Woche - denn auch beim Thema Sterbehilfe setzte sich diese sehr deutsche antiindividuelle Angstsicht durch: der Verbotsstaat gegen den Freiheitsstaat.

Der Tod als Fanal der Freiheit

Die Politik will, so scheint es, in einem Zeitalter der weitgehenden wirtschaftlichen Deregulierung das Leben der Bürger selbst so weit regulieren, wie es geht. Deshalb darf der Einzelne nicht entscheiden, wie und wann er mit ärztlicher Hilfe sterben will, die Abgeordneten und die Kommentatoren wissen es im Zweifelsfall besser.

"Am Umgang einer Gesellschaft mit dem Tod zeigt sich ihre Haltung zum Leben", diesen Satz hört man immer wieder in diesem Zusammenhang, und er stand, ganz klar, auch im Leitartikel zum Thema auf Seite eins der "Frankfurter Allgemeinen".

Der Satz ist natürlich richtig - er ist allerdings kein Argument gegen die Sterbehilfe, sondern zeigt vor allem, wie wenig liberal diese Gesellschaft ist, im Leben wie im Sterben.

Denn der Tod, das meinte Camus, ist das Fanal der Freiheit.

Und das Argument, dass es beim Sterben um Geschäftemacherei geht, ist lächerlich: Es geht ja vor allem beim Sterbenverhindern um Geschäftemacherei. All die Milliarden an Medikamenten, an Forschung, für die Gerätemedizin: Der Tod ist ein Bombendeal vor allem für die, die ihn am längsten hinauszögern.

Besonders interessant ist es deshalb, wenn das Geschäftemacherei-Argument von konservativen Politikern kommt, die sonst noch jede Marktschranke zu Fall bringen wollen. Interessant ist aber auch, wenn das Geschäftemacherei-Argument von links kommt, als Zeichen eines falsch verstandenen Antikapitalismus.

In beiden Fällen setzt sich die Moral an die Stelle der Politik. Das ist aber nicht die Verabredung in einem modernen Staat.