"Tommy"-Erstaufführung Aufdringlich intim

Granaten schlagen ein, Schwerverletzte wimmern, ein Leibwächter präsentiert das Samurai-Schwert, mit dem er 65 Serben die Kehlen durchschnitt. So inszeniert Benedikt Haubrich an Schaubühne Berlin eine Nahaufnahme des Jugoslawien-Kriegs - und jedes Detail ist belegt.
Von Christine Wahl

Die Vorgeschichte zu Thor Bjørn Krebs' Theaterstück "Tommy" klingt fast zu klischeehaft, um wahr zu sein: Bei einem Abi-Klassentreffen stieß der 33-jährige dänische Dramatiker auf einen Schulfreund, der sich zielgerichtet betrank und – als er endlich die angestrebt grenzwertige Promille-Zahl intus hatte – hektisch andere Drogen nachwarf. In diesem Zustand begann er plötzlich, von seinem Einsatz als Uno-Soldat in Ex-Jugoslawien zu erzählen.

Er habe es bis dato immer für ein Klischee gehalten, sagt Krebs, von einem dänischen "Vietnam-Syndrom" zu schreiben. Aber das Wiedersehen mit diesem Freund, der sich bis heute reflexartig zu Boden wirft, wenn neben ihm – in der friedfertigsten dänischen Provinz - ein Auto beschleunigt, veränderte diese Sicht nachhaltig.

Weitere Recherchen taten das Übrige: Über eine Selbsthilfegruppe dänischer Kriegsheimkehrer lernte Krebs einen Offizier kennen, der lange in Ex-Jugoslawien im Einsatz gewesen war und ihm seine privaten Videoaufnahmen zeigte – Bilder regelrecht abgeschlachteter Zivilisten, frei herumliegender Körperteile und ausgehungerter Tiere, die gierig über die aus zerschossenen Köpfen herausquellende Gehirnmasse herfallen und die seine Ehefrau bis heute nicht sehen will.

Von diesem unmittelbaren Betroffenheitsimpuls ist Krebs' Stück "Tommy" über einen knapp 20-jährigen KFOR-Soldaten, das 2004 den dänischen Reumert-Preis für das beste Drama gewann und jetzt an der Berliner Schaubühne zur deutschsprachigen Erstaufführung kam, voll und ganz getragen.

Jeder Granateinschlag ist verbrieft

Im Gegensatz zu anderen aktuellen Kriegsstücken auf deutschen Bühnen – Simon Stephens' reflektierte Kriegsheimkehrerstudie "Motortown" etwa, die von der Kritikerjury der Fachzeitschrift "Theater heute" zum ausländischen Stück des Jahres gekürt wurde, oder David Hares lehrstückhafter Gesinnungsplauderstunde "Zeitfenster" kürzlich in Kassel – versucht sich "Tommy" an einer möglichst authentischen Nahaufnahme des Krieges und bleibt dem dokumentarischen Material dabei streng verpflichtet.

Kein Granateneinschlag, der nicht durch die privaten Offiziersaufnahmen verbrieft und kein sprachliches Stilmittel, das nicht den "persönlichen Erinnerungsvideos" abgelauscht wäre, auf denen Krebs' Schulfreund und seine Kumpels ihren Alltag im Militärcamp abgefilmt und sich gegenseitig interviewt haben.

Das klingt natürlich nicht besonders reflektiert und schon gar nicht elaboriert, sondern eher so: "Runter geht’s ins Jugoland. Schnappst dir dort 'n Weib. Rein mit deinem großen dicken fetten Schwanz. Bis sie schließlich schreit." Oder, in Bezug auf den Leibwächter eines kroatischen Kommandanten: "Der läuft mit einem Samurai-Schwert auf dem Rücken rum. Darüber kann man ja gern ein bisschen grinsen, aber der hat mit diesem Schwert irgendwie 65 Serben die Kehle durchgeschnitten. Also ... ey."

Provokationen in anschaulicher Penetranz

Aber Kunstanstrengung will "Tommy" auch gar nicht sein; Krebs bekennt sich ganz zur aufklärungsgetriebenen Gebrauchsdramatik. Man kann ihm vorwerfen, dass einige Figuren arg stereotyp und diverse Botschaften aufdringlich pädagogisch geraten sind. So muss Tommys Mutter schon ein Fall von geradezu beneidenswert unbedarften Gnaden sein, wenn sie uns kurz vorm Abflug ihres Sohnes nach Ex-Jugoslawien strahlend erklärt: "Ja diese Jungs müssen raus und ein bisschen spielen. Mit Pistolen, Soldaten und Krieg. Das ist schon immer so gewesen."

Aber in der sicher nicht neuen, aber hier aus der Nahaufnahme bis zur Erträglichkeitsgrenze durchexerzierten Botschaft, dass es für die zur Neutralität verpflichteten Uno-Soldaten unmöglich ist, bei allem politisch korrekten Verhalten, keine persönlich empfundene Schuld auf sich zu laden, findet Krebs' Stück eine unbezweifelbare Qualität.

Einem schwerverletzten wimmernden Serben zu helfen, kann kroatische Rache provozieren. Und dass solche Provokationen gegenüber den Uno-Truppen mitunter regelrecht forciert werden, wie "Tommy" in anschaulicher Penetranz zeigt, ist durchaus nicht alltäglicher Leitartikelstoff.

Arg pädagogisch und durchschaubar

Benedikt Haubrichs Inszenierung dieses Stoffs hält sich fast bis zur Unsichtbarkeitsgrenze zurück. Ihre einzige nennenswerte Idee besteht darin, die Zuschauerplätze im Schaubühnen-Studio viereckig um eine kleine Spielfläche herum anzuordnen und so eine ziemlich aufdringliche Intimität zu schaffen, die dadurch noch verstärkt wird, dass die drei Schauspieler in ihren Alltagsklamotten regelmäßig in der ersten Reihe Platz nehmen.

Die unbedarfte Tommy-Mama, soll diese Regie wohl suggerieren, hockt mitten unter uns. Und wer keinen Tommy bei der Armee hat, dem soll dieses Thema jetzt mal ordentlich ungemütlich auf die Pelle rücken. Das wirkt arg pädagogisch und durchschaubar – zumal für solch eine simple Eins-zu-Eins-Übertragung im Kunst-Kontext bekanntlich dann doch zu komplexe Faktoren zusammenspielen.

Die Schauspieler aber ziehen sich bestens aus der Affäre – angefangen von dem jungenhaften Gespann Stefan Stern als Tommy und Sebastian Schwarz in allen anderen männlichen Rollen bis zur großartigen Bettina Hoppe, die ihrem weiblichen "Hauptmann" eine irritierende Distanz im besten Brechtianischen Sinne verleiht. Die tut dem Abend äußerst gut.

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