Top-Moppel Gisele 150 Jahre Frauenbewegung - im Handstreich erledigt

"Voll cool, voll schön, voll geil Spaß" - Heiteitei-Sendungen wie "Germany's Next Topmodel" propagieren ein dünn-dämlich-serviles Frauenbild. Wenn eine aus der Rolle fällt wie jetzt die frustfressende Heulsuse Gisele, wird sie einfach aussortiert: alles für den geheiligten Werbekunden!

Natürlich waren es am Ende die Pfunde, die alles entschieden. Einen Drogenskandal hätte man wohl noch hingenommen, oder das Auftauchen von Nacktfotos. Aber dass sich Gisele O., Aspirantin auf den Titel "Germany's Next Topmodel", aus Frust über vehementes Mobbing ihrer kiebigen Kolleginnen elf Kilogramm auf die Modelhüften moppelte - das war zu viel!

Die 21-Jährige, die mit unerträglichen Allüren, einer unnachahmlich öligen Sprechweise und lolitahafter Lust auf Zungenküsse mit Männermodels zur zentralen Figur der ProSieben-Castingshow aufstieg, ist nicht mehr dabei.

Der Sender darf erleichtert aufatmen - war doch just vor der gestrigen Episode bekannt geworden, dass Gisele in ihrer Schulzeit Haschisch konsumiert haben, ja gar damit gedealt haben soll. Gegen Letzteres verwahrte sich die ausgebildete Pferdepflegerin zwar vehement, den Drogenkonsum gab sie jedoch kleinlaut zu.

Wie aber hätte ProSieben seiner volatilen Zielgruppe und - weitaus wichtiger - seinen Werbekunden vermitteln wollen, dass eine Hascherin in dem zwar hysterischen, aber weitgehend harmlosen Teen- und Twen-Hühnerhaufen "GNT" ihr Unwesen treiben darf? Noch dazu an der Seite der unangefochtenen Sauberfrau des Modelgeschäfts, Heidi Klum?

"Mensch, Mädele - Mensch, Mensch, Mensch"

Da dürfte es allen zupass gekommen sein, dass Gisele sich eben durch jene weitere Todsünde selbst aus dem Rennen katapultierte: lust- und frustvolle Nahrungsaufnahme.

Die schöne Halbbrasilianerin, berüchtigt für ihre in Hektoliter zu messende Tränenausscheidung, futterte sich im Lauf der vergangenen Wochen Kummerspeck an und wurde fortan von ihren Mitstreiterinnen wie eine Aussätzige behandelt. Der Sprecher einer Modefirma, offenbar aus dem Schwäbischen stammend, reagierte auf Giseles zugelegte Pfündchen mit blankem Entsetzen: "Mensch, Mädele - Mensch, Mensch, Mensch."

In Oberlehrerinnenmanier wurde der Esslustigen anschließend von ihren drahtigen Gefährtinnen auseinandergesetzt, es biete sich nun die ideale Chance, Anpassung und Unterwürfigkeit zu lernen: Hirn ausschalten, Klappe halten und so sein, wie "der Kunde" (nicht selten Klum-Werbepartner wie McDonald's) einen haben will. Nämlich: dünn, dämlich, servil.

Ein rabenschwarzer Tag für Alice Schwarzer

"Das hört sich so an, dass ich alles mit mir machen lassen soll", bemüht sich Gisele, den Vortrag ihrer Kollegin auf den Punkt zu bringen. "Das ist als Model so", giftet die zurück. Ein rabenschwarzer Tag für Alice Schwarzer.

Gisele geht anschließend aus Protest Pizza futtern - und ist schon wenig später aus dem Rennen.

Ja, der Kunde: Ihm wird im Klum-Universum selbständiges Denken willig zum Opfer gebracht. Nicht umsonst bläut Heidi Klum, deren perfekte Zahnreihen heller strahlen als die Sonne Kaliforniens, ihren Kandidatinnen gebetsmühlenartig ein, "der Kunde" habe immer recht - wenn "der Kunde" das Model beispielsweise als Bratpfanne ausstaffieren wolle, habe man eben eine Bratpfanne zu sein.

Gut 150 Jahre Frauenbewegung im Handstreich erledigt.

Was der jugendlichen Zielgruppe am Berufsprofil "Model" so erstrebenswert erscheint, muss jedem Zuschauer, der im Besitz von mehr als einer Gehirnzelle ist, ohnehin ein Mysterium bleiben.

Differenzierte Auskünfte der Protagonistinnen sind in dieser Hinsicht nicht zu erwarten: Sie finden "die Designer-Klamotten voll cool", halten es für "voll schön", stundenlang geschminkt zu werden und natürlich macht es "voll geil Spaß", halbnackt bei steifer Brise am Atlantikstrand "zu posen".

Sie äußern jubelnd Freude über das hehre Glück, als Testimonial einer Damenrasierer-Kampagne gebucht zu werden, sie posieren in sexueller Unbeholfenheit quasi-verrucht für die Kamera - wenn die Einfältigkeit, mit der sich die jungen Frauen diesem Treiben hingeben, nicht etwas brüllend Komisches hätte - es wär zum Weinen.

Aber klar, kritische Auseinandersetzung ist eh voll nicht angesagt: "Man kann nie zu reich oder zu dünn sein", dieser Ausspruch der Herzogin von Windsor, Stil-Ikone der dreißiger Jahre, scheint auf das Klum-Universum gemünzt.

Model-Dominatrix Heidi Klum, die ihren Schützlingen gesunde Ernährung predigt, inspiziert höchstselbst den Kühlschrank im kalifornischen Kandidatinnen-Knast und sucht nach Spuren kohlenhydrathaltiger Kalorienbomben. Kein Wunder, dass ihr der Speck auf Giseles Hüften so richtig missfiel.

Tränen, Häme - das brach selbst Gisele-Hassern das Herz

Im Kühlschrank fand sich tatsächlich fettige Fertignahrung - dies musste Klum nicht nur als Indiz nachlässiger Körperwartung erscheinen, sondern als Auflehnung gegen die Regeln des Business: Unterwirf' dich, um erhoben zu werden! Lobenswert ist da die gestählte Kandidatin Wanda, die schon vor dem Frühstück im Fitnessraum bei Sit-ups keucht.

Oder die ehrgeizige Caro mit den großen Zähnen, die brav dem Kohlenhydrat entsagt und stattdessen Joghurt löffelt.

"Ich habe leider kein Foto für dich", sagte Frau Klum hingegen am Ende der Show zu Gisele. Ein letztes Mal drückte der Neu-Pummel ob dieser betrüblichen Botschaft auf die Tränendrüse.

Es war nicht leicht, die biestige Brünette und ihre Eigenheiten zu mögen - allein dieses nölige Genuschel, als habe man ihr den Kiefer mit Dübeln zusammengeschraubt! Doch als sie sich nach dem Rauswurf nicht mal zu ihren Kolleginnen traute, weil sie deren Häme fürchtete: Das brach selbst dem härtesten Gisele-Hasser das Herz. Die unberechenbare Essgestörte mit dem perfekten Gesicht und dem erfrischenden Eigensinn - sie wird GNT-Fans fehlen.

Lass' Dir die Pizza schmecken, Gisele!

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.