"Topmodel"-Finale Klum gibt Gas auf dem Werbe-Highway

Krise? Nicht bei Heidi Klum und ihrem ProSieben-Werbespektakel - rund ums Finale ging ein Drittel der Sendezeit für Kaufappelle drauf. Die Kür der dunkelhäutigen Schönheit Sara Nuru zum Topmodel ging unter in Produktinformationen für Abführmittel und Billigkosmetik.

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Riesen-Laufstege können sie bauen, die Deutschen. Breit wie ein sechsspuriger Interstate Highway zog sich der mächtige Paradepfad durch die mit 15.000 Zuschauern gefüllte Kölner Lanxess-Arena: der Catwalk als architektonischer Kraftakt. Errichtet wurde er für Heidi Klum, Modelunternehmerin aus Bergisch Gladbach mit internationalem Expansionsdrang.


Vor der vierten Staffel wurde immer wieder von Klums Werbeimperium gesprochen - dieser Begriff fand in der gigantomanischen Abschlussveranstaltung am Donnerstag seine perfekte bildliche Entsprechung: Ein Imperium braucht nun mal eine funktionierende Infrastruktur und eine ausgeklügelte Logistik, und bei dem erstmals live aus einer Mehrzweckarena übertragenem Finale wurde von Klum beides in Vollendung präsentiert.

Denn Heidis Reich wächst tatsächlich stetig. Wo zurzeit im Fernsehen die Werbeinseln schrumpfen, da verscherbelt sie für Rekordsummen immer mehr Minuten für Kosmetika- und Abführmittel-Spots. Von den zweieinhalb Stunden des Finales war deshalb fast eine ganze für Produktinformationen reserviert, auch während der Sendung selbst wurde reichlich werbeträchtig informiert. Am meisten natürlich über das Produkt Heidi Klum.

Kult und Kommerz

Ist die Frau nun Selbstvermarkterin oder Erlöserin, wandelnde Litfaßsäule oder nationales Heiligtum? Wohl alles zusammen. Denn sie macht die Menschen vergessen, dass da draußen die Krise tobt. Das tut Klum weniger durch großes Kino als durch üppiges Product Placement. Der eigentliche Showdown zwischen den diesjährigen Topmodel-Anwärterinnen ging deshalb am Donnerstag zwischen all der Werbung unter.



Klar, auch bei der Inszenierung der jüngsten Catwalk-Kreaturen wurde nicht an Kosten und Mühen gespart: Mal schwebten sie wie bunte Zeppeline von der Hallendecke auf die Laufsteg-Autobahn, ein anderes Mal mussten sie Unterwäsche spazieren führen, die aussah wie eine komplizierte textile Versuchsanordnung. Das alles wirkte allerdings nur wie ein Zeitvertreib bis zur nächsten Hymne auf einen neuen Lipgloss oder Kleinwagen.

Und doch war es erstaunlich, wie Klum und ihre Helfer Peyman Amin und Rolf Scheider diesen Werbe- und Verkaufs-Marathon als weihevolle Veranstaltung mit nationaler Bedeutung zu präsentieren wussten. Nicht dass Heidis männliche Handlanger etwas Wesentliches zu sagen gehabt hätten: Amin sonderte einfach die üblichen Superlative ab, so wie er es bei jeder Fleischbeschau zuvor auch schon gemacht hatte. Und Scheider flennte hinter seiner beschlagenden Brille herum.

Doch war gerade er es, der dieser Veranstaltung auf verquere Weise eine Art kultureller Schwere gab: Als Marie Nasemann als erste der drei Finalistinnen ausschied, rannte Schneider mit geröteten Augen zum Vater der fragilen Schönheit, um ihm einen Schwur abzuringen. Der Alte solle seine Tochter auf jeden Fall weiter an der Modelkarriere arbeiten lassen, damit sie ihrer Berufung nachgehen könne. Der Vater antwortete dann auch feierlich: "Ich schwöre!" Eine Bibel war wohl leider nicht zur Hand.

Heiliger Mammon!

Das ist das Grandiose an Klums Show: dass der urkapitalistischen Marktwert-Steigerungsmaßnahme immer auch etwas Heiliges anmutet. "Heidi Nazionali" ("taz") versteht es, die schnödeste Werbeinformation wie ein Gelübde klingen zu lassen. Tampon-Spots sind bei ihr keine störenden Fremdkörper im Programm, sondern dramaturgische Elemente einer unendlichen Promotion-Liturgie.

Und so streute sie gegen Ende des sakral inszenierten Showdowns immer mehr Kauf-Appelle zahlungskräftiger Anbieter ein, um die quasi-religiöse Erregung der beiden verbliebenen Werbe-Novizinnen noch zu steigern. Und was hatten die nicht schon hinter sich!

Ganze drei Jahre lang hatte zum Beispiel Mandy Bork aus Witten in ihrem stillen Kämmerlein den forsch-fordernden Gang trainiert, weshalb sie jetzt immer wieder von der Jury als "Laufsteg-Queen" gefeiert wurde. Ähnlich entbehrungsreich waren die Vorbereitungen für die Münchner Sara Nuru verlaufen, die machen konnte, was sie wollte, aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe aber doch nur immer wieder als bayerische Tyra Banks gefeiert wurde.

Und so standen die beiden dann irgendwann zitternd vor Heidi Klum auf der Laufstegautobahn, und die dankte dann ein allerletztes Mal mit Inbrunst dem sponsernden Kleinwagenhersteller, bevor sie "die Sara" zur Siegerin kürte: ein Fanal, das Kaufaufforderung und Krönungszeremonie in einem war.

Was für ein Abschluss für diese 150-minütige Werbepredigt!



insgesamt 114 Beiträge
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Jboxoffice 22.05.2009
1. Peinlich
Dass diese Show ein Erfolg ist, ist ein Offenbarungseid für die menschliche Intelligenz. Oberflächlichkeit, Dummheit und Konsumdenken werden nirgendwo derart schamlos zur Schau gestellt. Und was müssen die "Mädchen" können? Wofür sollen sie "Gas geben", "alles zeigen" und "Talent haben"? Sie müssen... ... laufen können. Es ist zum Schämen.
quendalinda, 22.05.2009
2. peinlich - und SPON mach mit
Man mag von diesem Spektakel halten was man will: es gibt immer noch den Knopf zum ausschalten. Aber wieviel Scheinheiligkeit mutet uns SPON noch zu? Das Niveau und die Vermarktung beklagen - aber indirekt doch mit auf den Zug aufspringen. *Ächz* - hätten wir diesen Artikel vermißt?
May 22.05.2009
3.
Ich verstehe die Aufregung nicht. Dass das Privatfernsehen werbefinanziert ist sollte inzwischen doch bekannt sein. Und dass in einer Zeit in der Fremdschämen zum Volkssport geworden ist eine telemediale Fleischbeschau zum Quotenknüller wird ist auch schwerlich überraschend. Und eines muss man Klum&Co lassen, eine solch bombastische Show kennt man im deutschen Fernsehen sonst nur von Stefan Raab wenn er mal wieder seinen fehlenden Witz mit einer vierstündigen Dauerwerbesendung kompensiert. Alles in allem also sehr Unterhaltsam, solange man weder Substanz noch Tiefgang erwartet. Aber manchmal reicht das ja auch schon.
Ingeboorg 22.05.2009
4. Mit Nase zum Sklaven
6 Jahre der Leibsklave von Heidis Papa! Was für ein Leben! Nach dieser Wahl muss auch kein Mädchen mehr ihre Nase operieren lassen. Wenn man mit so einem Zinken ....
Teebeutelchen 22.05.2009
5. Sie springen doch auch!
Zitat von quendalindaMan mag von diesem Spektakel halten was man will: es gibt immer noch den Knopf zum ausschalten. Aber wieviel Scheinheiligkeit mutet uns SPON noch zu? Das Niveau und die Vermarktung beklagen - aber indirekt doch mit auf den Zug aufspringen. *Ächz* - hätten wir diesen Artikel vermißt?
Nun ja, es gibt den Knopf zum Ausschalten und die Maus zum Wegklicken. Wer hat Sie gezwungen, diesen Artikel zu lesen?
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