Topmodel-Talk bei Plasberg "Was fällt Ihnen ein zu meinem Doppelkinn?"

Hart ging es nicht zu, fair auch nicht immer - vor allem aber war Frank Plasbergs jüngste Talkshow eines: überflüssig. Schöne Menschen sprachen pseudobetroffen über Topmodel-Gesellschaft und Schönheitswahn. Lebendiger wurde es auch nicht durch Seitenhiebe gegen Plasbergs Doppelkinn.

Von Irène Bluche


Männer sollten auch einmal erwähnt werden beim Thema Schönheitswahn, kündigte Moderator Frank Plasberg vollmundig an. Und wandte sich direkt mit einem persönlichen Problem an den geladenen Schönheitschirurgen Dr. Afschin Fatemi: "Was fällt Ihnen ein zu meinem Doppelkinn, was kann man da machen?" "Einiges", konterte der Arzt. Mit nur 1500 Euro wäre Plasberg dem Bild des perfekten Mannes ein gutes Stück näher. Neue Behandlungsmethoden probiere er gerne mal an sich selbst aus, bevor er auch "sooo ein Kinn" bekomme. Ob er damit Plasbergs Gesichtsabschluss meinte, konnte nicht mehr geklärt werden, wie so manches in dieser Sendung. Doch an dieser Stelle wurde immerhin noch gelacht im Publikum.

Plasberg-Gäste Erdmann, Ditfurth: Kein Thema, nirgends
WDR

Plasberg-Gäste Erdmann, Ditfurth: Kein Thema, nirgends

Kernfrage der Sendung am Mittwochabend: "Die Topmodel-Gesellschaft - wie krank macht uns der Schönheitswahn?". Unter den Gästen: Peyman Amin, "Germany's Next Topmodel" - Juror und Fiona Erdmann, Topmodel-Kandidatin der letzten Staffel. Beide gaben sich so eingeschworen auf Heidi Klum und ihre erfolgreiche Castingshow, als wären sie durch eine Gehirnwäsche gejagt worden. Plasbergs "Hart aber Fair"-Sendung war perfekt zwischen Vorentscheid und Finale der Topmodel-Show plaziert worden. ProSieben hätte sich bessere kostenlose PR nicht wünschen können.

Auch die letzten treuen Zuschauer der ARD werden wohl heute Abend "Germany's Next Topmodel" einschalten, um mit eigenen Augen zu sehen, wie junge Frauen "für ihre Träume kämpfen" (Fiona) oder aber zur letzten Station ihres "Bootcamps mit Make-up" gedrillt werden (Jutta Ditfurth). Die Ex-Grüne Ditfurth war der einzige ernsthaft streitbare Gast in der Runde und wirkte mit ihrer harschen Kritik reichlich allein inmitten von Schönheitschirurgen, Models und Schauspielerin Michaela May, die betroffen über den Wunsch ihrer Töchter nach Piercings sprach.

Über Probleme wie Magersucht, psychischen Druck oder auch nur die fragwürdigen Karriereverheißungen der "Topmodel"-Show wurde kaum gesprochen. Dazu passte, dass der Spannungshöhepunkt der Sendung ein Exkurs in völlig andere Gefilde war: Schönheitschirurg Dr. Afschin Fatemi musste sich seiner unlauteren Vergangenheit stellen. Er habe sich in seiner Vergangenheit mit einem falschen Doktortitel geschmückt. Jemand, der so die Menschen belüge, würde doch unglaubwürdig als Arzt, meinte Plasberg. Das mag schon sein, aber was sagt das über die Schönheitschirurgie im Allgemeinen aus? Einziger Zweck dieser "Entlarvung" war es offenbar, ein wenig Pepp und einen Anflug von Skandal in die Runde zu bringen.

Kein Schönheitswahn, nirgends

So richtig böse sollte keiner werden in dieser Talkshow. Selbst Jutta Ditfurth fügte fast jeder ihrer Anschuldigungen ("Die jungen Frauen werden zur Ware gemacht") ein "aber das ist nicht böse gemeint" hinzu. Am Ende hatten sich also alle ganz furchtbar lieb und durften sich sogar noch einen Partner aussuchen - bei einer "Challenge" à la "Topmodel": "Mit welchem Gast repräsentieren Sie Deutschland?" Merkwürdige Frage angesichts des Themas, doch ohne Murren wurde auch diese Aufgabe angenommen: Lediglich Jutta Ditfurth sprengte erneut den Rahmen: Sie sei nicht Deutschland, weder allein noch mit einer anderen Person, sagte sie trotzig, was Plasberg mit einem weiteren milden Lächeln quittierte.

Das eigentliche Problem der Sendung: Die zahlreichen Einspielfilme zeigten kein einziges Opfer des viel beschworenen Schönheitswahns. Auch unter den Gästen saß kein Betroffener. Ein Film zeigte mehrere Mütter und Töchter, die auf der Düsseldorfer Kö befragt worden waren, was sie für 5000 Euro an ihrem Körper verändern würden. Nahezu einhellige Meinung: Nichts. Kein Schönheitswahn, nirgends. Thema verfehlt.

Die Frage nach den Verlierern der Topmodel-Gesellschaft, jungen Frauen, die sich psychisch und körperlich ausmergeln, um einem unmöglichen Ideal nahe zu kommen, beantwortete keiner der geladenen Gäste, und selbst konnten sie sich ja kaum als solche bezeichnen. Nicht einmal die "Topmodel"-Verliererin Fiona, die sich unlängst für ein kleines bisschen Rest-Aufmerksamkeit im "Playboy" entblößte, taugte als Opfer: Gut gelaunt und glatt lavierte sie sich an den wenigen kritischen Fragen vorbei.

Macht uns der Schönheitswahn krank? Kann sein, muss aber nicht. Eigentlich sei ja jeder schön. Von innen jedenfalls. "Topmodel"-Fastfinalistin Fiona brachte das Ergebnis der Sendung auf den Punkt: "Ob sich nun jemand was strafft oder in Hamburg fällt 'ne Schaufel um".

Das dachte sich wohl auch "Tagesthemen"-Moderator Tom Buhrow: Plasbergs bemühte Überleitung zu den Nachrichten - "Tom Buhrow, fällt Ihnen noch was ein zum Thema Schönheitschirurgie"- wurde deutlich abgeschmettert: Europaweiter Atomalarm passte dann doch nicht ganz. Oder doch gerade: Das war auch nur ein Fehlalarm.



insgesamt 36 Beiträge
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Paolo, 05.06.2008
1.
Weder noch. Hier wird, wie bei allen Shows dieses Genre, mit den Gefühlen der Protagonisten gespielt. Die Kamera ist überall dabei. Und wenn ein Tränchen rollt, hält Heidi besonders lange inne mit ihrer "Beurteilung". Das macht sie sowieso sehr extrem. Und exakt an dieser emotionalen Unverschämtheit merkt man, dass es den Machern nur um Show geht. Die Mädchen sind denen in Wirklichkeit egal. Heide weiss ja auch, dass am Ende jeder Staffel die Gesichter nicht mehr unverbraucht und damit für die Werbebranche unbrauchbar geworden sind. Und da die Mädels mit den echten Schönheiten kaum mithalten können, ist das Ziel wirklich klar: Seelenstriptease!
Moonsilver 05.06.2008
2. Juhuuuuuuuuuuuuuuuuu
ich bin ein Topmodel. Nur weil mich noch keiner kennt musste ich gestern nicht zu hart aber fair. Es war weder hart noch fair nur peinlich - super peinlich. Haben wir Deutschen sonst keine Sorgen - nein, denn bald ist ja Fussball und da sind die meisten wichtigen Menschen eh nicht hier - der Atomalarm lockte auch keinen hinter dem Ofen vor - an die Spritpreise haben wir uns gewöhnt - na was soll uns da noch fehlen. Also gehen wir zu GNT mit Heidi Klum - die manchmal auch ein wenig eisam ist - wen wundert das?
Frank Bennesch, 05.06.2008
3. Warum wohl ....
Zitat von sysopTopmodel-Gesellschaft und Schönheitswahn: Heide Klums Casting-Show ist ebenso beliebt wie umstritten. Ein zynisches Spiel mit Hoffnungen oder eine echte Karriere-Chance für die Teilnehmerinnen?
soooo viele Männer trinken. Damit machen sie ihre eigene Schönheitschirurgie. Werden locker und hoffen, das doch noch was passiert. Bier in der Kneipe = 2,30€/0,3Ltr., billiger geht es nicht.
Pablo alto, 05.06.2008
4. Toppmoppel
Als Subthema ging's ja auch um Essstörungen, wobei - was mich verblüffte - alle da immer nur die ach so magersüchtigen Super-Models im kritischen Blickfeld hatten. Und die sollen dann schuld daran sein, dass es immer mehr anorektische Mädchen gibt. Von wegen Vorbild und so. Dabei hockte die einzige offensichtliche und recht massive Essstörung mit am Gästetisch. Zumindest als Vorbild für die ganzen pummeligen Teenies, die weder auf einen Baum klettern noch rückwärts laufen können, taugte sie nicht. Gottlob. Wer will schon sein wie die oder so werden. Manchen Menschen sollte man wünschen, dass sie zumindest mal von einem Hauch von Schönheits"wahn" umweht würden.
philoron 05.06.2008
5. Die Luft ist raus!!!
Also mal ehrlich, die Sendung war selbst für Plasberg-Fans eine Grausamkeit. Man hatte das Gefühl, Plasberg war nie wirklich im Thema, jedesmal wenn jemand was wirklich Interessantes sagte, wurde er mit einem Einspielfilm abgewürgt, wenn die Gäste anfingen, "ertappt" rumzueiern, wurde nicht nachgehakt usw... Das Thema hat so viel Potential, da wir uns ehrlich mal Gedanken machen müssen, welche Art von Werten wir unseren Kindern noch beibringen wollen. Gestern hatte es aber so viel Gehalt wie Luftblasen im Aquarium. Unterm Strich bleibt wie in vergangenen Folgen und anderen Talkshows nur eins übrig: jeder hat ein bisschen Recht, jeder ein bisschen Unrecht, jeder nur eine Perspektive, alles ist relativ und unterm Strich haben wir nur Zeit und Energie verplempert.
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