"Bunte"-Interview von Torsten Albig "Eitelkeit allererster Güte"

Torsten Albig plauderte in der "Bunten" über seine Ex-Frau, nun verlor er die Wahl in Schleswig-Holstein. Warum plaudern Politiker überhaupt über Privates? Antworten von Klatschreporter Michael Graeter.
Michael Graeter in München

Michael Graeter in München

Foto: imago

In einem Interview mit der Illustrierten "Bunte" erzählte Torsten Albig unter anderem vom gemeinsamen Heilfasten mit der neuen Freundin, dass er nur "Brühe, verdünnte Säfte und Tee" zu sich genommen hätte und diese "für Körper und Geist teilweise harte Erfahrung" doch "total schön" für die Beziehung gewesen sei. Vor allem aber sind die Sätze über seine Ex-Frau hängen geblieben.

Sein Leben habe sich schneller entwickelt als ihres, sagte Albig. Sie hätten sich nur noch in wenigen Momenten "auf Augenhöhe ausgetauscht". Vielen Wählerinnen hat diese Art zu reden wohl nicht gefallen. Aber kann ein Klatschinterview tatsächlich eine Wahl entscheiden?

Wenn einer diese Frage beantworten kann, dann Michael Graeter. Keiner kennt sich besser aus im Boulevard. Als Klatschreporter in München war er Vorbild für die Figur des Baby Schimmerlos in der Helmut-Dietl-Serie "Kir Royal". Er schrieb für die "Abendzeitung", die "Bild" und auch die "Bunte" selbst. Seine goldene Zeit erlebte er in den Siebziger- und Achtzigerjahren.

SPIEGEL ONLINE: Herr Graeter, ein Interview von Torsten Albig in der "Bunten" ist angeblich schuld an seiner Wahlniederlage. Sollten sich Politiker von Klatschblättern fernhalten?

Graeter: Ob das genützt oder geschadet hat, möchte ich dahingestellt lassen. Albig hat ja nicht unbedingt Starqualitäten wie George Clooney. Wenn Albig nach 27 Jahren frauentechnisch noch mal umsattelt, ist das seine Sache. Ich glaube nicht, dass der Wähler ihn dafür abstraft.

SPIEGEL ONLINE: Die Umfragen sind aber eingebrochen, nachdem er das Interview gegeben hatte. Und gerade bei den weiblichen Wählern hat die SPD schlecht abgeschnitten.

Graeter: Aber das würde ja bedeuten, dass alle Leute die "Bunte" gelesen haben. Das glaube ich nicht. Der hat bei dem ein oder anderen Kaffeehausleser vielleicht eine Überraschung ausgelöst. Aber die Wahl hat es nicht entschieden. Das wäre ja eine Sensation, wenn eine Illustrierte wie die "Bunte" die Wahl komplett verändern würde.

SPIEGEL ONLINE: Zitate aus dem Interview wurden allerdings unter anderem in der Regionalpresse verbreitet - aber ganz generell: Was verspricht sich ein Politiker überhaupt von so einer Homestory?

Graeter: Das Motiv ist Eitelkeit allererster Güte. Und dann ist es auch die Lust auf Abwechslung, die bringt ein bisschen Glanz ins graue Umfeld. Außerdem kommt man ein bisschen besser rüber und bleibt im Gespräch, wenn man sein privates Leben in die Öffentlichkeit stellt. Der Justizminister Maas hat sich ja die Schauspielerin Natalia Wörner geangelt, oder vielleicht sie sich auch ihn: Vorher war er ein dröger SPD-Politiker, jetzt wirkt er ein bisschen glamouröser. Das hat dem schon geholfen.

SPIEGEL ONLINE: Oft sehen die Politiker aber schlecht aus bei diesen Geschichten. Man denke an Sahra Wagenknecht, die sich in der "Gala" als Frida Kahlo inszenieren ließ. Oder Toni Hofreiter, der für die "Bunte" Aquarelle gemalt hat.

Graeter: Den ehemaligen Verteidigungsminister Scharping haben sie ja damals auch ein wenig übers Ohr gehauen und die Bilder von ihm und seiner Freundin im Pool veröffentlicht. Aber hat es ihm geschadet? Hat vorher jemand über den gesprochen? Wenn sich die Leute auf ein Interview in privater Situation einlassen, bringen sie sich besser ins Gespräch.

SPIEGEL ONLINE: Und was erwartet sich die "Bunte" von einer Homestory mit Torsten Albig?

Graeter: Ich glaube nicht, dass die Auflage da nach oben schießt. Ich war lange genug bei dem Blatt, um zu wissen, dass der Leser nach etwas anderem lechzt. Nicht nach so grauen Mäusen, die für 24 Stunden mal lackiert werden: Schöner wäre es schon, wenn die Heidi Klum jetzt ein Verhältnis mit dem Seehofer hätte. Das wäre ein Knaller. Da muss ja Glamour dabei sein. Der Stadtstraßenglamour von Kiel bringt das Blatt nicht nach vorne.

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur in Deutschland gehören Homestorys zur Politik. In Frankreich hat der neu gewählte Präsident Macron seinen Wahlkampf ja praktisch mit einer Urlaubsstory in "Paris Match" begonnen. Bei ihm sieht das irgendwie besser aus.

Graeter: "Paris Match" ist auch ein anderes Blatt als die "Bunte". Außerdem lädt Macron nur die besten Leute zu so einem Termin ein. Die Optik muss gut ausschauen - mit einer älteren Frau verheiratet sein, das muss man gut verkaufen. Die Franzosen und amerikanischen Politiker haben zudem ein sehr viel größeres Inszenierungstalent. Die machen solche Storys nur mit der A-Klasse von Schreibern.

SPIEGEL ONLINE: Eine bessere Story hätte Albig also retten können?

Graeter: Nein, ich glaube er war fällig. Dass er jetzt so tut, als wäre da regierungstechnisch noch was möglich: Das ist lächerlich. Ich würde zurücktreten, wenn ich eine Watschn vom Wähler bekomme. Das machen die Italiener, Franzosen und Amerikaner auch besser als unsere Politiker. Die treten zurück, wenn sie eine Wahl verlieren.

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