Irene Götz

Deutsche Traditionen Nach alter Väter Brauch und... bitte?

Was wird aus Deutschland, wenn immer mehr Menschen einwandern? Und was aus seinen guten alten Traditionen? Bevor wir uns darüber Sorgen machen, sollten wir wissen: Deutsche Kultur ist weder besonders alt noch besonders deutsch.
Weihnachtsmarkt in Stuttgart: Die "deutsche Weihnacht", eine Erfindung

Weihnachtsmarkt in Stuttgart: Die "deutsche Weihnacht", eine Erfindung

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Irene Götz ist Professorin für Europäische Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie beschäftigt sich unter anderem mit Identitätspolitik, nationalen Fremd- und Selbstbildern und dem neu aufkommenden Nationalismus in Europa. 2011 erschien ihr Buch "Deutsche Identitäten. Die Wiederentdeckung des Nationalen nach 1989".

Weihnachtsfeier in einer Münchner Grundschule: Kinder präsentieren sich als Kiwis, Orangen und Bananen verkleidet - anstatt als Maria und Josef, Hirten und Engel. Die Lehrerin hatte das traditionelle Krippenspiel durch eine Unterrichtseinheit über gesunde Ernährung ersetzt. Sie wollte die große Zahl muslimischer Kinder (und Eltern) nicht durch ein christlich geprägtes Spiel ausgrenzen. Diese mit den Schülerinnen und Schülern abgestimmte Entscheidung löste bei manchen Zuschauern Irritation aus, weil man sich nun einmal auf die vertraute weihnachtliche Stimmung gefreut hatte.

In den letzten Jahren gab es unterschiedliche Versuche, Kinder anderen Glaubens oder ohne Religion in die Rituale der Weihnachtszeit zu integrieren oder Alternativen zu schaffen. Ein anderes Beispiel sind Krippenspiele, in denen auch muslimische Kinder Hauptrollen übernehmen. Schließlich ist Weihnachten, ein vom Ursprung her christliches Fest, in einer weithin säkularen Gesellschaft längst mit vielfältigen Bedeutungen und Funktionen beladen. Es soll vor allem als atmosphärisches Familienfest dienen, das sich mit seiner Friedensbotschaft für eine symbolische Inklusion der Kulturen und Religionen geradezu anbietet, und es schleichen sich auch in muslimischen Familien Adaptionen und Brauch-Mixturen ein.

Traditionen nicht übernommen, stets neu ausgehandelt

Hatice Akyün schilderte in ihrer "Tagesspiegel"-Kolumne  mit liebevoller Ironie, wie ihre muslimische Familie inzwischen mit einem "Ja, aber" (an) Weihnachten feiert: "Mit Neujahrsgeschenken zu Heiligabend, mit einer koscheren Weihnachtsgans vom türkischen Metzger, einem Weihnachtsbaum, der für die Nachbarskinder aufgestellt wird (…). Aber eigentlich feiern wir gar kein Weihnachten, wir machen uns wirklich nichts daraus."

Weihnachten ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich Traditionen wandeln. Insbesondere in sogenannten posttraditionalen Gesellschaften - in Gesellschaften, die vielschichtige Identitäten und Identifikationsangebote aufweisen - werden sie nicht (mehr) unhinterfragt übernommen, sondern ausgehandelt. Dieses im Idealfall demokratische Aushandeln und die (Um-)Gestaltung von Traditionen sind eine Herausforderung und Chance, die von Fall zu Fall und je nach Kontext anders ausgehen mag.

Wenn die Verhandlung gelingt, können Einheimische und Zuwanderer ihre Traditionsbestände vereinbaren, es kommt nicht zu Ausgrenzungen, sondern zu Inklusionen, sogar zu Synergieeffekten: So wurden bereits in den Neunzigerjahren in Münchner Kindergärten häufige Klagen muslimischer Eltern über Schweinefleisch-Mahlzeiten zum Anlass genommen, über eine vollwertigere Ernährung der Kinder nachzudenken. Kulturell-religiöse Triebkräfte und ein Bewusstseinswandel hin zu einer gesünderen Ernährung brachten muslimische und nicht-muslimische Eltern zu einer Lösung, von der alle profitierten.

Deutschland, ein Flickenteppich

Was hat dies nun aber mit "deutschen" Traditionen zu tun? Gibt es diese überhaupt? Die Antwort ist zugleich ein Ja und ein Nein. Viele als "typisch deutsch" geltenden Bräuche und Feste, wie die Weihnachtsfeier im gemütlichen Heim oder das Münchner Oktoberfest, die meisten der sogenannten Nationalgerichte und nationalen Baustile von der Fachwerkromantik bis zum Schwarzwälder Bauernhaus sind eigentlich regionale Kulturphänomene.

Gerade die Folklore, Trachtenästhetik etwa und Volksmusik, wurde jedoch seit dem 19. Jahrhundert insbesondere aus den Außenperspektiven der nun verstärkt reisenden Amerikaner, Briten oder anderer Landsleute als Inbegriff deutscher Traditionen wahrgenommen. Diese - auch durch die Kriege geprägten - Sichtweisen wirkten dann auch auf das Selbstbild der Deutschen zurück: Regionale Traditionen - der Rheinische Sauerbraten, das Münchner Bier - all das kann je nach Betrachter oder Kontext einmal als typisch für einen Ort, die Region oder für Deutschland als Ganzes herangezogen werden.

In Deutschland, das seit der Neuzeit ein Flickenteppich territorialer Fürstentümer mit wechselnden Grenzen war, kam es erst vergleichsweise spät, 1871, zur Nationalstaatsgründung. Schon deshalb waren landsmannschaftliche und regionale Identitäten immer stärker ausgeprägt als die nationale Verortung. Im Zuge der Nationalbewegungen im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden jedoch gerade deshalb von einflussreichen "Dichtern und Denkern" solche regionalen Traditionen - insbesondere das Liedgut der Sängervereine oder "volkstümliche" Dichtung - zu Bausteinen des "Nation building" stilisiert und entsprechend pflegerischen Bemühungen unterzogen.

Frei erfundenes "Volksgut"

Freilich wurden dabei, etwa von den Brüdern Grimm, so manche scheinbar uralten Traditionen "des Volkes" mehr oder weniger frei erfunden: Die als so typisch altdeutsch geltenden Kinder- und Hausmärchen sind weit mehr ein Produkt dichterischer Erfindung des gelehrten Brüderpaares als Funde und Überreste aus dem "zeitlosen Strom" einer Überlieferung des "einfachen Volkes", wie die beiden folgenreich behauptet hatten. Auch typisch deutsch anmutende Bräuche wie die Fastnacht sind keinesfalls "germanischen" Ursprungs, sondern Erfindungen des "romantischen" 19. Jahrhunderts auf der Suche nach "Urdeutschem".

Die völkische Vorstellung von "Deutschtum", die Idee einer Kulturnation, war hier vor allem auch ein Surrogat und zugleich Legitimation und Propaganda für die (noch) nicht gelungene nationalstaatliche Einigung. Hinzu kam und kommt die Verlustrhetorik einer Modernisierungsangst: Angeblich "Uraltes", die ländliche Folklore vor allem, müsse gegen die Industrialisierung oder später gegen die Globalisierung geschützt werden.

Traditionen sind stets Teil der jeweiligen (nationalen) Identitätspolitik. Gerade im Nationalsozialismus hatte schließlich eine germanophile und xenophobe Traditionserfindung oder -pflege Konjunktur, die bis heute nachwirkt. Weihnachten wurde dort erst zur "deutschen Weihnacht", zum vorchristlichen winterlichen Lichterfest. Die kirchlichen Bräuche des Jahreslaufes wurden hier als Relikte "germanischen Volkstums" mit regelrecht falschen Ursprungsdeutungen im Sinne nazistischer Volkstumspolitik aufgeladen und instrumentalisiert. Die sich überlegen gebende "Kulturnation" der "Dichter und Denker", die zu einem systematischen Völkermord in der Lage war, pervertierte ihre Traditionen und den Kulturbegriff, so dass in der weiteren Nachkriegszeit "typisch deutsch" und die nationale Identität eine sehr ambivalente Angelegenheit blieben.

Bis zur Wiedervereinigung war das nationale Selbstbild ein gebrochenes, es herrschte eine negative nationale Identität vor. Intellektuelle wie Dolf Sternberger oder Jürgen Habermas beschworen den Verfassungspatriotismus als gemeinsamen Nenner für die angestrebte postnationale Identitätsbildung. Andere verschrieben sich, ebenfalls aus den Kriegserfahrungen genährt, der Idee einer europäischen Identität, die ihre spezifischen Traditionen erst noch aufbauen müsse. Die vielen im Alltag bauten vor allem weiterhin - außer auf den nicht zu unterschätzenden DM-Patriotismus der Wirtschaftswunderzeit - auf das Identitätsstiftende regionaler Traditionen.

Tradition als Identitätspolitik

Traditionen sind somit immer auch politisch motivierte Setzungen: Was als Tradition medial verbreitet und öffentlich verhandelt wird, ist seit jeher Teil einer zeit- und regionalspezifischen Identitätspolitik. Die im In- und vor allem Ausland als "typisch deutsch" gehandelten Traditionen haben manchmal allerdings einen wahren Kern - die deutsche "Effizienz" und "Präzision" zeigt sich heute im Automobilbau, aber früher auch im Bau der Konzentrationslager, wie Kritiker es gelegentlich zuspitzten.

Meist ist die Zuschreibung "typisch deutsch" jedoch eine sehr grobe Verallgemeinerung, Produkt von Stereotypisierungen und Klischees, die dem lebendigen Wandel von Traditionen im Alltag überdies nicht Rechnung tragen.

Traditionen verändern sich durch Globalisierungseffekte, wie die Kulturwissenschaftlerin Simone Egger in ihrem Buch über "Heimat" unlängst gezeigt hat. Das Oktoberfest ist in den letzten Jahrzehnten Teil einer transnationalen Feiergemeinschaft geworden, das Dirndl eine frei verfügbare Mode und Maskerade, die sogar die Australier von weit her auf der Wiesn tragen, um so richtig dazuzugehören.

Mit der Wiedervereinigung und verstärkten Einwanderung der Achtziger- und Neunzigerjahre kamen die Fragen nach nationaler Identität und zu bewahrenden, zu revidierenden und zu erweiternden Traditionsbeständen neu auf. Leitkultur-Debatten zielten bereits damals auf die Frage, ob es verbindliche Traditionen gebe, die man den Neubürgern als Integrationsanreiz anbieten könne oder aber abverlangen müsse. Die sich seit 1989 häufenden Jubiläen - zehn Jahre Mauerfall, 50 Jahre Grundgesetz oder 25 Jahre deutsche Einheit - bilden viel beachtete öffentliche Kontexte, in denen die jeweiligen Anteile von Gruppen an den Traditionsbeständen im kulturellen Gedächtnis der Nation verhandelt werden. Hier meldeten sich etwa vor einem Jahr junge Ostdeutsche zu Wort, die den Verlust der Traditionen ihrer Kindheit in der Gesellschaft und Kultur der neuen Bundesrepublik beklagten.

Der prägende Einfluss der Einwanderer

Das, was als typisch deutsche Traditionen medial verhandelt wird, bezieht bislang nur selten und erst in jüngerer Zeit explizit die vielfältige Einwanderung ein, die Traditionsbestände hierzulande seit Jahrhunderten mit schuf und veränderte. So wanderten zum Beispiel seit dem 30-jährigen Krieg aus Italien bildende Künstler und Baumeister, aber auch Händler mit Südfrüchten, die "Pomeranzenkrämer", Ziegelarbeiter und Maurer ein. Sie alle veränderten das Bild insbesondere der bayerischen Städte, so wie die Hugenotten andere Regionen mitprägten. Die Polen, die zwischen 1885 und 1914 den Arbeitskräftemangel im Ruhrgebiet kompensierten, sind eine weitere Gruppe Einwanderer. Die Beispiele ließen sich beliebig erweitern.

Es scheint eine wichtige Aufgabe zukünftiger Identitätspolitik zu sein, "deutsche Traditionen" als seit jeher transnational, insbesondere europäisch und teilweise auch global geprägt zu vermitteln und in diesem Sinne als offene Felder zu verstehen, die weiterhin neue Einflüsse zu integrieren vermögen. Dies zu schaffen oder zumindest zu versuchen, ist bereits jetzt Teil einer vergleichsweise jungen Tradition, eines liberalen Habitus, wie er sich spätestens nach 1968 in einer vergleichsweise gut funktionierenden Zivilgesellschaft herausbildete.

So gibt es jetzt auch seit Horst Köhler Bundespräsidenten, die Einwanderer als Teil einer neuen offenen "Kulturnation" propagieren. In Horst Köhlers Rede über die "Kulturnation", die er zum Tag der Deutschen Einheit im Jahr 2008 hielt, füllte er diesen seit der NS-Zeit schwierigen Begriff mit neuen Inhalten: Kultur steht dabei nach Horst Köhler für einen "Speicher an Erinnerungen, Erfahrungen und Gelerntem", gleichermaßen von Einheimischen wie Eingewanderten. Mit einem solchen Traditionsbegriff sollten sich viele hierzulande identifizieren können. Es lohnt sich, für ihn einzutreten, um damit nicht zuletzt auch der aktuell von den Rechtsextremen attraktiv gemachten völkischen Linie nationaler Identität eine Absage zu erteilen. Doch, wie das eingangs skizzierte Beispiel zeigt, im Alltag sind die Menschen vielerorts ohnehin in ihren kreativen Aushandlungen von Traditionen schon wesentlich weiter. Sie sind offener und entspannter geworden durch eine "Kosmopolitisierung" ihres Alltags (Ulrich Beck), die ihnen zur selbstverständlichen Tradition geworden ist.