"Trash Tag"-Challenge Gebrauchte Kondome sind der Endgegner

So wird das nichts mit der Karriere als Sinnfluencer: Unser Autor hat sich einen Tag lang der "Trash Tag"-Challenge hingegeben und in seiner Straße Müll gesammelt - dabei hat er etwas Unerwartetes entdeckt.

Müll sammeln
Hauke-Christian Dittrich/ DPA

Müll sammeln

Ein Selbstversuch von


Was das Internet am Nötigsten hat, las ich neulich irgendwo, ist Liebe. Es verhält sich offenbar wie ein Wald, aus dem herausschallt, was zuvor hineingerufen wurde. Sonderlich viel Zuversicht, Zuwendung und Wärme bekommt es offenbar nicht. Also müssen wir es ihm geben. Dann gibt es das Gute auch zurück.

So das Kalkül, wie es neuerdings auf manchen Seiten - Instagram, Reddit, Twitter - tatsächlich aufgeht wie ein kleines Blümchen auf einem dampfenden Misthaufen. Die Rede ist von einer aktuellen "Challenge" namens "Trash Tag".

Nun sind diese "Challenges" gewöhnlich wie ansteckende Krankheiten, die milden Wahnsinn verbreiten, einer bekloppter als die andere. Zimt oder Muskatnuss schlucken, ein Handy in eine Schlucht werfen, den Gangnam-Style nachtanzen, kerzengerade auf einem möglichst abseitigem Gegenstand liegen oder mit geschlossenen Augen durch die Stadt stolpern - und sich dabei filmen, ganz wichtig. Damit das Virus sich auch wirklich verbreitet.

"Trash Tag" ist anders. Ein Impuls, der entscheidende Ruf hinein, der als Echo des Guten zurückkehrt in die "wirkliche Welt". Die wirkliche Welt ist die Straße vor meiner Haustür. Und dort sieht's übel aus. Zigarettenstummel allenthalben. Kaugummipapier, vom Wind verweht. Festgeklebt eine alte Fahrkarte. Drüben, halb verdeckt im Gebüsch, eine vom Regen der vergangenen Tage ausgebleichte Gratiszeitung. Und ein Einkaufszettel für die Apotheke: "Hustenbonbons (die Süßen), Nikotintabletten, Kondome (Zwinkersmiley)!" Glücklicherweise keine Kondome.

Gebrauchte Kondome sind der Endgegner, denn darum geht es bei der "Trash Tag"-Challenge. Es wird ein vermüllter Bürgersteig, Strand oder Park fotografiert - und dann aufgeräumt. Das zweite Bild zeigt einen blitzblanken Bürgersteig, Strand oder Park - und den stolzen Aufräumer neben seinen prallen Müllsäcken.

Erfreulich daran ist dreierlei. Erstens lässt sich die Herausforderung aus dem Netz auch annehmen, ohne eitle Selfies ins Netz zu stellen. Zweitens sind Bürgersteig, Strand oder Park anschließend blitzblank. Drittens lassen sich bei dieser Tätigkeit die interessantesten Erfahrungen machen, mit sich selbst und den gefürchteten "anderen Leuten".

Eine private Sache

Alle zusammen seufzen wir zwar über den Dreck. Aber es sind immer die anderen Leute, die ihren Müll fallen lassen. Andere Leute, die das nicht wegräumen. Mit der "Tag Trash"-Challenge macht man diese öffentliche Angelegenheit zu einer privaten Sache, erklärt sich in einem gewissen Bereich einfach mal für verantwortlich. Nicht irgendwo in Bangladesch oder Wyoming, wie es das Internet durch "virtue signalling" und Häkchen an der richtigen Stelle so leicht macht - sondern vor der eigenen Haustür.

Und wer macht das jetzt weg? Ich mach das weg. Im Selbstversuch.

Zunächst stoße ich auf eine bis dahin unsichtbare Mauer aus Scham. In Indien kümmert sich die niedrigste Kaste der "Unberührbaren" um den Unrat, bei uns sind es die Herren in Orange. Aber ein einfacher Passant, der sich nach Papier bückt?

"Was haben Sie denn angestellt?", fragt eine ältere Dame. Sie kann sich mein wunderliches Verhalten nur damit erklären, dass ich zu Sozialstunden verdonnert worden sein muss. Recht schnell aber setzt das gute Gewissen ein. Dopamin, Adrenalin, keine Ahnung. Gutes Gewissen jedenfalls, versetzt mit einer Prise selbstgefälliger Grimmigkeit. So müssen sich Veganer fühlen, die ebenfalls tun, was geboten ist, und damit allen Ignoranten ein schlechtes Gewissen bereiten. Ich mach das jetzt. Und du?

Eine kindliche Freude

Hinzu kommt nach einer Weile neben den sportlichen Aspekten (Kniebeugen) etwas Spielerisches und die kindliche Freude, wie bei "Pokémon Go!", wenn ich ein weiteres Fitzelchen aus Alufolie sichte. Weg damit, hinein in den Sack. Bald wandelt sich der lähmende Gedanke, dass es "hier morgen wieder genauso aussieht wie vorher", in sein exaktes Gegenteil. Dann gibt's wieder was zu tun!

Hinter meinem Rücken kichern Kinder mit gezückten Smartphones, die kommen bestimmt gerade von "Fridays for Future". Ich wische mir den Schweiß von der Stirn und ermuntere sie, ihr Pausenbrotpapier doch einfach fallen zu lassen - sie gehen auf Distanz. Da gehen sie flöten, die möglichen Follower.

So wird das nichts mit meiner Karriere als Sinnfluencer. In einer idealen Welt würden sich mir die Passanten anschließen, Jung und Alt, immer mehr, wir würden gemeinsam durch das Viertel ziehen, singen und tanzen. Eine erleuchtete Putzkolonne. In der wirklichen Welt aber kann ein einziger Kauz, so ganz ohne Internet im Rücken, nicht genug sozialen Druck aufbauen. Keine kritische Masse.

Auf diese Weise ist kein Trend zu setzen, kein Anfang zu machen. Und doch kann man nach einer solchen Übung, einem gebückt verbrachten Nachmittag am Rande der Gesellschaft den Dreck nicht mehr nicht sehen. Politischer wird's nicht.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Matthiasvon Mitzlaff 31.03.2019
1. Alltagsheld
Wir denken oft, man muss große Taten vollbringen, um ruhmreich zu enden. Nein, nein, Arno Frank ist für mich ein Held des Alltags, denn er a) macht etwas (Proaktivität) für die Gesellschaft, b) ganz allein (keine Unterstützung von anderen) und c) zieht es durch (Hartnäckigkeit). Meinen größten Respekt! Das ist der Stoff, aus dem Helden gemacht sind. Sie entstehen dort, wo keiner hin will und was alle vermeiden.
spiegelleser85 31.03.2019
2. Papierzange
ich würde mir - wenn ich soetwas mache - vorher für ein paar Euro eine Müllsammelzange und einen Eimer besorgen. Das macht es wesentlich einfacher als nur Handschuhe und eine unpraktische Tüte.
Alter Falter 31.03.2019
3. Ach, das hat einen Namen!
Wir machen das immer mal wieder. Schon lange. Endlich mal eine sinnvolle Herausforderung - äh, ich meine Challenge.
mwroer 31.03.2019
4.
Zitat von Matthiasvon MitzlaffWir denken oft, man muss große Taten vollbringen, um ruhmreich zu enden. Nein, nein, Arno Frank ist für mich ein Held des Alltags, denn er a) macht etwas (Proaktivität) für die Gesellschaft, b) ganz allein (keine Unterstützung von anderen) und c) zieht es durch (Hartnäckigkeit). Meinen größten Respekt! Das ist der Stoff, aus dem Helden gemacht sind. Sie entstehen dort, wo keiner hin will und was alle vermeiden.
Machen hier viele. meistens ältere Leute, nur schreibt keiner drüber. Sie selber auch nicht - es ist einfach selbstverständlich dass man vor seinem Grundstück für Sauberkeit sorgt. Helden werden gemacht, ja. Meistens durch die Vernachlässigung von Sitten und wenn dann einer den gesunden Menschenverstand entdeckt ist er ein Held? Nein - Herr Frank tut was dass mir schon vor 40 Jahren beigebracht wurde und das aus meiner Altersgruppe 50+ viele als selbstverständlich empfinden. Das einen sowas zum Helden macht ist eher erschreckend weil es zeigt wie niedrig die Ansprüche an uns selbst offenbar geworden sind.
spmc-135322777912941 31.03.2019
5. Abfallzange
Der Müll öffentlichen Raum stinkt mir auch. Vor einigen Monaten hielt ich an einer belgischen Raststätte und kam mit einem Mann in Orange ins Gespräch. Ich fragte ihn wo er seine Abfallzange gekauft habe. Die käme von seinem Chef und der habe noch viele davon. Als ich an meinen Wagen zurückkam eilte er herbei und gab mir eine solche Zange als Geschenk. Ich bin dreimal am Tag mit meinem Hund underwegs und habe jetzt diese Zange und einen Plastiksack immer dabei und sammle fleissig Müll ein. Ein Lob habe ich schon erhalten, mehr aber auch nicht, auch keine dummen Bemerkugen. Da ich immer am Meer spazieren gehe gilt mein Hauptaugenmerk dem Plastikabfall.
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