"Traumfrauen"-Ausstellung Schöne Scheinheiligkeit

Sie sind zu schön, zu schlank und meistens jung: die "Traumfrauen" in der großen Fotoausstellung der Hamburger Deichtorhallen. Die Beauty-Schau will zeitgenössische Schönheit abbilden - und zeigt doch nur Hochglanzaufnahmen der ewig-gleichen Modeltypen.

Gisele Bündchen hat einen goldmetallischen Mini-Bikini umgebunden und streckt und reckt sich, dass es ihr und uns eine Lust ist. Ja, doch. Sie sieht hübsch aus auf diesen Fotos von Nino Muñoz. Auch die anderen Mädels in der Ausstellung "Traumfrauen" in den Hamburger Deichtorhallen sehen ziemlich gut aus.

Die 50 eingeladenen Modefotografen - darunter Peter Lindbergh, Bettina Rheims oder Bruce Weber - sollten Bilder ihrer "Vision von Schönheit" liefern und dazu formulieren, was für sie "zeitgenössische Schönheit" ist. Sie antworteten: "Persönlichkeit", "Selbstbewusstsein" und "Charakter". Oder ein "Leuchten von innen" und "ein Lächeln, Intelligenz, Eleganz, Humor, Geist". Das klingt prima demokratisch: Jeder kann schön sein.

Die Beauty-Schau versucht, einen Trend zu belegen, den Nadine Barth, die Ausstellungsmacherin, so formuliert: "Derzeit vollzieht sich in den Modemagazinen ein Wandel hin zu einem offeneren Bild von Schönheit. Vorreiter ist dabei die italienische 'Vogue'. Und wenn ich sehe, was die Fotografen zeigen, wenn sie von den Vorgaben eines Auftrags frei sind, dann wird sich das bald noch verstärken." Entsprechend verheißt ihre "Traumfrauen"-Parade: "Entgegen der Vermutung, es ginge nur um junge Frauen mit Größe 34 oder Supermodels wie Kate Moss, präsentieren die Künstler einen komplexen Kosmos unterschiedlichster Charaktere und Altersstufen."

Das ist so aber nicht zu sehen. Die meisten Kamerakünstler haben vor allem Modeltypen abgelichtet. Da sind Shalom und Guinevere, Natalia und Agyness - und wie sie alle heißen, die schönen, jungen Wesen, die mit den Idealmaßen ihrer Körper und Gesichter die Laufstege und Magazine zieren. Einige ältere und normalgesichtige Frauen sind zuletzt in den Medien durchaus aufgetaucht. In der "Dove"-Werbung etwa oder bei "Brigitte Woman". In der Ausstellung aber sind sie in der Minderheit.

Zwar präsentiert die über 70-jährige Vanessa Redgrave ihre straffe Figur und ihre feinen Züge. Auch die 1911 geborene Künstlerin Louise Bourgeois ist dabei, darf aber nur mit einem wachen Auge hinter einer Skulptur mit glatteren Zügen hervorlugen. Lustige Selbstkritik ist auch mal im Spiel: Donna Trope hat zu ihren Fotos von Jodie Kidd ein Video geliefert, auf dem das Model über ein Laufband sprintet, als hetze es hinter seinem eigenen perfekten Auftritt her.

Schönbeinig im Ledersessel

Aber das sind die Ausnahmen. Vielleicht hätte man für ein variantenreicheres Bild von Schönheit eher bei Porträt- oder Reportagefotografen als bei Mode- und Werbespezialisten anfragen sollen. "Wo sind die Fotographen, die den Speicher der Monotonie löschen?", fragte einst sehnsuchtsvoll und kommalos der Künstler Martin Kippenberger auf einer seiner Fotoarbeiten. Bei der "Traumfrauen"-Schau jedenfalls tun sie es nicht.

Es müssen ja nicht gleich "Elle" und "Belle" (falls es die gibt) pausenlos verhutzelte Wohltätigkeitsnonnen und abgearbeitete Ärztinnen im karikativen Einsatz auf das Cover heben. Aber das politisch-korrekte, aufklärerische Mäntelchen, das diese Hamburger "Traumfrauen"-Selektion trägt, passt eben auch nicht. Zumal es recht dünn ist, das zeigt nicht zuletzt das Cover des Ausstellungskatalogs, auf dem die recht konventionell wohlgestaltige Angelina Jolie ran muss. Und sie räkelt sich so schönbeinig im Ledersessel, dass sich das Konvolut schon durch die Frage "Höschen: ja oder nein" zur Bereicherung behaglicher Erbauungsstunden in den Herrenzimmern der Republik empfiehlt.

Dazu klingen die auf die inneren, charakterlichen Werte abzielenden Fotografen-Statements schon ziemlich scheinheilig. So sagt etwa Miles Aldridge: "Ich mag keine langweiligen Frauen. Ich mag keine schönen Frauen. Ich mag sonderbare Frauen, obsessive Frauen, verrückte Frauen." In die Ausstellung gegeben aber hat der Londoner Modefotograf das Bild einer traumschönen Blondine. Ihre Sonderbarkeit liegt allenfalls darin, dass sie ihre vollendeten Züge samt platinfarbener Haarflut allzu dicht an eine offene Gasflamme hält, an der sie eine Zigarette - und den Blick des Betrachters - entzündet. Da sehnt man sich spontan nach schonungsloser Ehrlichkeit, wie sie etwa Michel Houellebecq pflegt, der seine Romane um die zerschmetternde Einsicht in das grausam auf Schönheit ausgerichtete Attraktivitätsspiel herumbaut.

Nebenbei möchte die Ausstellung noch etwas sagen zum "Wandel des Schönheitsbegriffs seit der Jahrtausendwende". Ausdrücklich verkündet sie es nicht, aber der Augenschein lässt vermuten: Der hohlwangige Heroin Chic ist out. Der ruppige Street Style schwindet. Der Feld-, Wald- und Wiesentyp - noch Fehlanzeige. Grunge-Girl nein, Techno-Diva ja, Eleganz ist zurück. Das Bizarre kommt (Danke, Dita von Teese!). Ja, schön. Da hat sich was gewandelt, aber zum Besseren?

Also: hingehen, schwärmen, schmachten, niederknien, sich verlieben. Oder auch, ja, den Katalog kaufen. Aber bitte, bitte nicht so tun, als seien diese "Traumfrauen" Arbeit an der Demokratisierung dessen, was als schön gilt.


"Traumfrauen. 50 Starfotografen zeigen ihre Vision von Schönheit", Deichtorhallen Hamburg , 20. September bis 9. November

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