"Traummänner"-Ausstellung So öde sehen Sexsymbole aus

Guck mal, wie der glitzert! Weil sich in der Hamburger Ausstellung "Traummänner" vor allem Mode- und Werbefotografen präsentieren, gibt es fast nur glattpolierte Superkerle aus dem Medien-Mainstream zu sehen. Zum Glück haben aber auch ein paar Frauen zur Kamera gegriffen.

Schlafzimmerblick, Schmuselippe, eine Blüte im Mundwinkel, kein störendes Härchen. Da ist er ja, der neue Mann. Ein Mädchen.

Es wäre eine nette Pointe, wenn die in den Hamburger Deichtorhallen gezeigten "Traummänner" diesem neuen Männlichkeitsideal entsprächen, das Feminismus, Schwulen-Emanzipation und Ästhetisierungswahn erschaffen haben, zumindest wenn man soziologischen Men's Studies Glauben schenkt. Doch auch wenn einige der Herren etwas Niedlich-Kokettes umflort: Was die 50 eingeladenen Fotografen als ihre "Vision vom Ideal" ablieferten, ist insgesamt wesentlich konventioneller.

Traummänner sind zuallererst Filmstars

Da posiert das makellose Mannsbild George Clooney, als sei es der perfekt gebügelten Welt der "Mad Men" entstiegen. Da wirken die Züge eines Zinédine Zidane in Nahaufnahme mit Pflasterchen auf der Nase lädiert, durchscheinend - und trotzdem heroisch entschlossen. Und der schwedische Schauspieler Mikael Persbrandt kommt trotz gewagter Ballerinapose und weichem Fleisch um die Leibesmitte als kraftvoller Geselle rüber. Auch der Traummann der Traummänner hat straff maskuline Konturen: Gleich dreimal gewählt wurde - von den Fotografen Rankin, Vincent Peters und Ellen von Unwerth - der französische Schauspieler Vincent Cassel, der bevorzugt für die Rolle des Bösewichts gebucht wird und zuletzt im Tanz-Schauerdrama "Black Swan" den knallharten Choreographen gab.

Jeweils zweimal standen George Clooney, Brad Pitt, John Malkovich, Matt Dillon, Viggo Mortensen und der schöne Ire Jonathan Rhys Meyers vor den Kameras. Egal ob "elegant", "poetisch", "sexy", "ironisch", "eigenwillig" oder "viril" - so lauten die Kriterien, nach denen der Katalog die Werke sortiert - die Traummänner in Hamburg sind offensichtlich zuallererst Filmstars.

Zwar tippt irgendwo ein Tom Wolfe in seine Schreibmaschine und Barack Obama darf in der Ehrenformation gleich am Eingang Bedeutsamkeit suggerieren, zwar drängen sich hier Scharen von Schwulen um einen Pool in Orlando und dort dürfen sich männliche Laufstegmodels auf einem Foto von Alec Soth backstage herumdrücken - das Mainstream-Kino aber ist immer noch die zentrale Schmiede für Sehnsuchtsbilder.

Glamouröse Überhöhung von Markengesichtern

Vielleicht macht genau das die Ausstellung so erstaunlich langweilig. Das Manko ist selbstgemacht: Angefragt wurden nicht Künstler, nicht Reportagefotografen, sondern Mode-, People- und Werbefotografen - die ja ohnehin unsere optische Umwelt bestimmen. So wirkt die Ausstellung wie die Quersumme aus "Vanity Fair", "GQ", "Men's Health" oder der etwas elaborierteren Stilfibel "Fantastic Man". Die aber müssen wir nicht noch mal großgezogen, nachpoliert und edel gerahmt in einer Ausstellungshalle verabreicht bekommen.

Bei so viel Mainstream gleicht schon, was Peter Lindbergh einreichte, einer subtilen Torpedierung der Aufgabenstellung: Er schickte ein eher beiläufiges Schwarzweißfoto mit verwackeltem Hintergrund, das den Fotokünstler Andreas Gursky zeigt. Ganz so als wolle Lindbergh sagen: Hier geht es nicht um die glamouröse Überhöhung eines Markengesichts, hier geht es um einen, der durch sein Werk wirkt.

Unauslotbares, Widerständiges ist sonst allenfalls bei Fotografinnen zu entdecken. Das Model der schwedischen Fotografin Camilla Åkrans reckt den Hals mit extrem nach hinten gebeugtem Kopf, changierend zwischen Unterwerfungspose und sexueller Ekstase. Ähnlich irritierend wirkt der stämmig kraftvolle, aber teddyhaft mollige Körper eines "Alex", den in New York arbeitende Argentinierin Paola Kudacki einfing: seine dunkle Haarmasse frisch aufgeföhnt, die Haltung seines nackten Körpers, die Pose von Tizians "Venus" oder Manets "Olympia" variierend, kraftvoll und instabil zugleich.

Verstaubte Schublade

Die wirkliche Pointe der Ausstellung aber, die als schlaffes Remake aus den ähnlich seichten "Traumfrauen" (Deichtorhallen, Herbst 2008) hervorging und hoffentlich keine "Traumkinder" gebiert, ist eigentlich folgende: Ursprünglich sollten im Katalog dieselben Kategorien wie im "Traumfrauen"-Band die Fotos bündeln. Doch während sich bei den Weibs-Bildern die Sektion "visionär" gut bestücken ließ, war da bei den Männern nichts zu holen. Stattdessen musste die verstaubte Schublade "viril" aufgemacht werden. Denn nicht zur Vorformulierung zukunftsträchtiger Identitäten schien die Idealtyp-Shortlist zu tendieren, sondern zur Rückbesinnung auf archaische Muster.

So verrät uns die Ausstellung am Ende: Der neue Mann ist der alte Mann. Das aber muss man nicht unbedingt glauben. Und sehen schon gar nicht.

Traummänner. Starfotografen zeigen ihre Vision vom Ideal. Bis zum 22. Mai in den Deichtorhallen Hamburg. Katalog (DuMont) 49,90 Euro.

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