Fotograf Trevor Paglen Die Überwachung der Überwacher

Trevor Paglens Fotografien wirken wie Landschaftsmalereien - dabei zeigen sie die alltägliche Anwesenheit der Geheimdienste. Nun werden seine Arbeiten erstmals in Deutschland ausgestellt.

Trevor Paglen ist so etwas wie der zeitgenössischste aller Landschaftsmaler. Dabei greift der 40-Jährige nicht zu Pinsel und Farbe, sondern produziert seine Tableaus mit Hochleistungsteleskopen und der Kamera. In malerischen Fotografien von Hügeln, Wäldern und Stränden berichtet Paglen von einer gewöhnlich unsichtbaren Dimension der Natur: ihrer Durchdringung mit den Infrastrukturen militärischer und ziviler Überwachung.

Der Künstler, den jetzt eine Werkschau im Frankfurter Kunstverein erstmals in Deutschland vorstellt, ist ein Überwacher der Überwacher: Er spioniert Satelliten nach, verfolgt ihre Bahnen, schießt Bilder heimlicher Gefangenentransporte und beleuchtet mit Nachtaufnahmen die Einöden, an denen US-Geheimdienste ihrer "Aufklärungstätigkeit" nachgehen.

Auf Kongressen der Hackerszene wird er dafür bejubelt. Die Feuilletons sind begeistert von seiner Fähigkeit, Farbnebeln à la William Turner machtpolitische Kritik zu injizieren, auch der SPIEGEL hat schon Bilder von Paglen für seine Artikel zur NSA verwendet. Und am 21. Juni bekommt er den Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie verliehen.

Schon zu Beginn seiner Recherchen hat Paglen, der auf der Militärbasis in Maryland geboren wurde, Menschen zu strategisch interessanten Orten in der Wüste geführt - und dort Sternenpartys veranstaltet. Da ging es weniger um das romantische Glimmen ferner Himmelskörper, sondern um das kollektive Aufspüren der eher unheimlichen Lichtspuren am Firmament, die von Spionagesatelliten ausgehen.

Die Karikatur eines datensaugenden Molochs

Solche partizipatorischen Aspekte sind auch Teil der Frankfurter Ausstellung: Dort werden die Ergebnisse eines Wettbewerbs gezeigt, bei dem Paglen die Teilnehmer gebeten hatte, Infrastrukturen der Überwachung in Deutschland zu fotografieren. Und der "Autonomy Cube", entwickelt in Zusammenarbeit mit dem Internetaktivisten Jacob Appelbaum, steht wie eine sich selbst genügende Skulptur im Raum, ist aber ein Relais, über das Ausstellungsbesucher im Internet surfen können - während ihre Daten anonymisiert werden und so dem Zugriff neugieriger Datenkraken entzogen sein sollen.

Eine Datenkrake gibt der Ausstellung auch ihren Namen: Der Titel "The Octopus" verweist auf ein Signet, das ein die Erde umklammernder Krake und den Slogan "Nothing Is Beyond Our Reach" zeigt. Dieses Logo eines amerikanischen Satellitenaufklärungsprojekts wurde 2013 öffentlich. Vermutlich sollte es den Stolz auf die Leistungsfähigkeit der eigenen Spionageaktivitäten bebildern; tatsächlich wirkte es wie die boshafte Karikatur eines datensaugenden Molochs.

Orte sichtbar zu machen, an denen die Saugnäpfe dieses mächtigen Ungeheuers besonders gern ansetzen - das ist das Ziel von Paglens aktuellem Projekt. "Wir benutzen, wenn wir über das Internet sprechen, Begriffe wie Cloud, Informationshighway oder Cybernet", sagt Paglen am Rande des Ausstellungsaufbaus. "Das sind nebelige Metaphern. Sie deuten an, dass das Internet überall und nirgends ist." In Wirklichkeit sei alles viel konkreter. "Da sind die Unterwasserkabel und die Router. Und da sind die Küstenregionen, an denen die Kabel an Land kommen - für die NSA sind das äußerst interessante Stellen."

Zeigen, was geheim bleiben soll

Auf die Spur dieser Orte ist Paglen, der auch als einer der Rechercheure und Kameramänner an der oscarprämierten Doku "Citizenfour" mitwirkte, durch die Enthüllungen Edward Snowdens gekommen. "Über das, was die NSA mit dem Netz macht, wussten Datensicherheitsexperten zwar theoretisch Bescheid", sagt Paglen, "aber ich habe niemanden getroffen, der von der Bandbreite und dem Umfang der Überwachung nicht total überrascht war. Und Snowden hat immer wieder gesagt: 'Ihr müsst euch die Stellen ansehen, wo die Kabel an Land kommen.'"

Also hat Paglen Strände fotografiert. Seine Aufnahmen zeigen mal einen einsamen Surfer, mal harmloses Strandvergnügen im Abendsonnenlicht. Zusammen mit diesen Sehnsuchtslandschaften präsentiert er Recherchematerial, das deutlich macht: Genau an solchen harmlos aussehenden Stellen zapft die NSA die transatlantischen Glasfaserkabel an - und damit die Datenströme des Internets.

Die Frankfurter Ausstellung gibt einen guten Eindruck von Paglens Ansatz: mit ästhetischen Bildern, die zeigen, was geheim bleiben soll, aber keineswegs vollkommen unsichtbar ist. Durch Paglens Landschaften reißt die nebulöse Struktur der Überwachung zumindest kurz auf.

Trevor Paglen: The Octopus. 20. Juni bis 30. August im Frankfurter Kunstverein 

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Foto: seen.by
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