Triennale der Photographie Foto-Flut in Hamburg

Vom Selfie bis zum Essens-Post: Fotografie ist aus unserer Kommunikation nicht mehr wegzudenken. Aber ist das Kunst? Auf der sechsten Triennale der Photographie in Hamburg kann sich jeder sein eigenes Bild machen.

Catherine Balet

Eine Flut von Bildern schwappt über uns hinweg - und mit ihr auch die Klagen: Wem gehören die Bilder heute, wie manipuliert sind sie, wie sehr bilden sie nur Oberfläche ab? Will wirklich jemand wissen, welches Essen auf dem Tisch steht? Facebook und Instagram sind voller Banalitäten und produzieren kontinuierlich neuen visuellen Smog.

Doch was bedeutet der ganze Bildermüll für die Kunst der Fotografie? Warum produzieren wir täglich Milliarden von Bilder? Und vor allem: Was bedeutet das für deren Zukunft? Und wie hat die digitale Bildverarbeitung unsere Gesellschaft beeinflusst?

Genau diesen Fragen aktueller Bildproduktion stellt sich die 1999 initiierte Triennale der Photographie in Hamburg; in ihrer sechsten Ausgabe mit einigen wichtigen Veränderungen. So gibt es erstmals einen internationalen Kurator, der die Triennale mit thematischer Fokussierung neu ausgerichtet hat: Krysztof Candrowicz.

"Die Kamera ist kein Roboter mit künstlicher Intelligenz. Der Apparat macht seine Aufnahmen nicht selbst. Es ist immer ein Mensch hinter der Maschine", sagt Candrowicz, erst jüngst als Direktor des Festival of Photography in Lodz hervorgetreten und inzwischen ein erfolgreicher Macher der internationalen Szene.

Wie gut also, dass nicht nur hinter der Kamera, sondern auch hinter der Triennale ein Mensch steht, der es verstanden hat, alle wichtigen Institutionen einzubinden und sie auf das Thema und die für ihn drängenden Fragestellungen auf ein Gesamtszenario einzuschwören. Ganz biblisch entschieden klingt daher das gemeinsame Motto "The Day Will Come", dem sich auch anderen Häuser mit entsprechenden Untertiteln für ihre einzelnen Ausstellungen anschließen.

Theoretisch, tiefgründig und sentimental

Doch ihr Kanon singt nicht nur das Halleluja auf den aktuellen Zustand der Welt, er schlägt auch tiefgründige, sentimentale Töne an. Die Gruppenschau in der Hamburger Kunsthalle mit dem Titel "When There is Hope" fragt nach den Sehnsuchtsmotiven, die Menschen immer wieder in die Welt hinaustreiben - mit der vagen Aussicht, es woanders besser anzutreffen.

Das Bild des Albaners Adrian Paci fängt dieses Moment ein wie kaum ein anderer: Zu sehen ist eine volle Flugzeug-Gangway, aber kein Flugzeug. Wird es noch kommen? Wird das Prinzip Hoffnung siegen?

Etwas sachlicher befragt das Museum für Kunst und Gewerbe die bekannten aktuellen Praktiken zeitgenössischer Bildproduktion - verbunden mit einem historischen Rückblick - unter dem Ansatz "When We Share More Than Ever": Im Fokus stehen Arbeiten von Künstlern wie Nobuyoshi Araki oder Taryn Simon, die das Sammeln und Teilen von Bildmaterial als produktive Bildtechnik für sich entdeckt haben und bewusst nutzen.

"When Photography Revises" - so der Ausstellungstitel des Hamburger Kunstvereins. Hier geht es theoretisch zu - werden doch die vielgestaltigen Möglichkeiten digitaler wie analoger Bildkultur unserer Zeit auf ihren Gebrauch im aktuellen Kunstdiskurs hin beleuchtet.

Und, nicht zu vergessen, die Deichtorhallen mit einer starken One-man-Show: "When Man Falls" - so die apokalyptische Vision von Phillip Toledano, einem der Stars der amerikanischen Fotoszene. 160 seiner Arbeiten sind zu sehen. Die berühmten Porträts seines an Alzheimer erkrankten Vaters sind ebenso dabei wie Bildnisse verschiedener menschlicher "Opfer" ästhetischer Chirurgie, wo man nicht mehr weiß, ob am Bild oder am Körper operiert und manipuliert wurde.

Schnappschuss-Manie: banal und politisch

Und zu guter Letzt ein Tipp, der an die anfänglichen Fragestellungen anschließt: Die zentrale Triennale-Special-Show "Snapshot" (19.6.-28.6.), zusammengestellt vom Museum für Fotografie in Helsinki. Hier wird die aktuelle Schnappschuss-Manie hinterfragt und zugleich mit künstlerischen Ansätzen konfrontiert. Manchmal von banaler Bedeutungslosigkeit, manchmal von politischer Brisanz - hier wird endgültig unübersehbar: Fotografien sind heute integraler Teil unserer alltäglichen Kommunikation geworden.

Zusammen mit einem Containerdorf vor den Deichtorhallen, das zehn Fotoschulen und -biennalen bespielen, mit den zahlreichen Satelliten-Shows in den Galerien und freien Kunsträumen, Portfolio-Sichtungen und Symposien sowie dem Olympus Playground für das eigene Bildexperiment surft Hamburg so zehn Tage lang auf der globalen Bilderwelle und beweist gleichzeitig, dass es sie noch gibt: die Fotografie von hoher künstlerischer Qualität und zugleich großer Attraktivität für viele Menschen.


Triennale der Photographie Hamburg, www.phototriennale.de
Festival mit Containerdorf: 18.-28.6., Institutionen mit individueller Laufzeit



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.